Siemens glänzt | GE stürzt ab
 
DAS MORNING BRIEFING
13.11.2018
 
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dpa
Guten Morgen,
die Große Koalition zerfällt in Zeitlupe: Nach der CDU-Vorsitzenden kündigt nun auch der CSU-Chef seinen Rückzug an. Als nächstes, das liegt in der Logik dieser Zerfallsprozesse, werden das Innenministerium und das Kanzleramt neu zu besetzen sein, woraufhin auch die treuesten Merkelianer – Kanzleramtsminister Helge Braun und Wirtschaftsminister Peter Altmaier – bald zur Disposition stehen dürften. Die Wirklichkeit frisst sich durch, pflegte Kurt Biedenkopf in solchen Fällen zu sagen.

Eines Morgens werden wir aufwachen und in den Überschriften der Zeitungen das eine Wort lesen: Neuwahlen. Denn die neuen Kabinettsmitglieder und der neue Regierungschef besitzen zwar Amtszimmer, Limousinen und Bodyguards. Aber demokratische Legitimation besitzen sie nicht.

Die Parteien der Großen Koalition fürchten diese Morgenstunde der Wirklichkeit, weil ihnen Einbußen der historischen Art bevorstehen dürften. Die seit dem Jahr 2015 verweigerte Aussprache mit dem Bürger wirkt als Wahlverweigerung zurück, wie CDU, CSU und SPD in Bayern und Hessen bereits erfahren haben.
 
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„Der erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen“, hatte Hannah Arendt einst geschrieben. Sie kannte nicht die deutsche Migrationsdebatte. Aber sie kannte die Verdrängungsmechanismen der Macht. Den Erfahrungen der Bürger im Zusammenleben mit den Migranten wird der Status als Tatsache aberkannt. Und der Souverän fühlt sich von seinem parlamentarischen Dienstleister nicht bedient, sondern verraten.
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imago
 
Die Grünen brauchen sich hier nicht angesprochen zu fühlen. In ihren Reihen wird der Dialog auch dann gesucht, wenn es schmerzt. So fiel der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer durch seine klare, aber nicht krawallige Stimme auf, die auch dann nicht zittrig wurde, als Gegenwind aufkam. In seinem Buch „Wir können nicht allen helfen“ schreibt er: „Die Flucht nach Deutschland war ein Glück für die Flüchtlinge, nicht für Deutschland.”

Für den Morning Briefing Podcast  habe ich ein nachdenkliches Gespräch mit ihm geführt – über Drogendealer, die Kriminalitätsstatistik und die Frage, was nun zu tun sei. Palmer schlägt vor, kriminellen Asylsuchenden das Geschäft zu entziehen, indem man sie aus den deutschen Stadtzentren an die Peripherie – Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann würde sagen „in die Pampa“ – versetzt. O-Ton Palmer: „Wir haben im Asylrecht die Möglichkeit, Wohnsitze zuzuweisen. Wenn man von diesem Instrument Gebrauch macht, dann könnte man geeignete Einrichtungen schaffen, in denen ausreichend Security und eine geeignete Lage dazu führen, dass es faktisch dann sehr schwer wird, unter so engmaschiger Aufsicht und Kontrolle noch schwere Verbrechen zu begehen.“

Der öffentliche Diskurs, sagt er, müsse sich mit der wahren Wirklichkeit beschäftigen: „Wir haben gedacht wir gewähren diesen Menschen Schutz, deswegen werden sie friedlich sein, und tatsächlich sind da offensichtlich schwarze Schafe dabei, die jetzt die Einwohner von Städten zu Schutzsuchenden machen.“ Palmer weist nach, dass Wahrhaftigkeit und Menschenfreundlichkeit sich nicht ausschließen müssen. Man kann auch in schwieriger Zeit vernünftig sein, ohne den Humanismus zu verraten.
 
 
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dpa
 
Die Aktie von Apple hat derzeit keinen guten Lauf. Sie fiel am Montag an der Wall Street um rund fünf Prozent auf 194 US-Dollar. Die Anleger fürchten, dass die guten Zeiten für Apple erst einmal vorbei sind. Die Hinweise darauf lieferte ausgerechnet ein Großlieferant von Apple, der chinesische Zulieferer Foxconn.

Denn der teilte mit, dass er für einen seiner Top-Smartphone-Kunden ursprünglich 60 Produktionslinien für ein neues Modell installieren wollte, aber nun lediglich 45 Produktionslinien braucht. Die „Financial Times“ vermutet, dass es sich um das neue iPhone XR-Modell handelt, das in Apples Gewinn- und Umsatzzahlen nun eine Bremsspur hinterlassen könnte. Wir lernen: Der Markt lebt nicht vom Mythos allein. Die Investoren lieben Apple – aber noch mehr lieben sie ihr Geld.
 
 
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dpa
 
Der Vorstandschef der Deutschen Bank, Christian Sewing, hatte gestern zum Frühstück offenbar Optimismus gespeist. Beim Wirtschaftsgipfel der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Sewing, dass die in seiner kurzen Amtszeit gefallene Bewertung der Aktie von elf auf neun Euro nur von vorübergehender Natur sei. Die Welt werde schon bald merken, dass die Bank ihre Bilanz aufgeräumt, die Kosten im Griff und neue Erträge erwirtschaftet habe. Es gilt das Motto von Oscar Wilde: „Am Ende wird alles gut! Und wenn es nicht gut wird, dann war’s noch nicht das Ende.“
 
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Deutlich besser dran ist Siemens-Chef Joe Kaeser, der zwar gegen die traditionelle Innovationsschwäche seines Großkonzerns zu kämpfen hat, aber mit effektivem Projektmanagement und der Neuorganisation der Holding zumindest die Börse bei Laune hält. Seine Amtszeit war bisher kein Triumphzug, eher ein Arbeitssieg. Die Firma funkelt nicht, aber glänzt.
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Und sie glänzt umso heller, je stärker der Blick zum Rivalen General Electric nach Amerika schweift. Dort ist der Stolz der Sorge gewichen (Grafik oben). Die früher erfolgsverwöhnten Aktionäre werden nun auf ihre Schmerzempfindlichkeit getestet. Einst verkörperte der Konzern den Fortschritt wie kein zweiter, aber heute gehen ihm die frischen Ideen aus.
 
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Der Softwarekonzern SAP will das US-Unternehmen Qualtrics für acht Milliarden US-Dollar in bar übernehmen. Qualtrics ist ein Unternehmen für Online-Marktforschung, das in Echtzeit ermittelt, wie zufrieden oder auch wie genervt Kunden sind. Umfragen, Kritiken in den sozialen Medien und das Kundenfeedback der Hotline werden ausgewertet und – darin liegt der Clou dieser Übernahme – mit der übrigen Betriebssoftware von SAP verbunden. Wenn alles wie geplant klappt, wird die traditionelle Customer-Relation-Software zum verkaufsfördernden Instrument.

Das zwanzigfache des Umsatzes hat SAP-Chef Bill McDermott dafür gezahlt. Soviel ist der Traum vom gläsernen Kunden derzeit wert. Der Verbraucher wird nicht nur vermessen, sondern geröntgt. Seine Interessen werden analysiert, seziert – und vielleicht auch manipuliert.
 
 
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dpa
 
Jan Böhmermann macht nicht nur Satire, er lebt sie. Als der Mann mit dem schrägen Humor, der als Erfinder des Schmähgedichts in die Literaturgeschichte eingehen wird, kürzlich den falschen Zug bestieg, gelang es ihm doch tatsächlich, den Zugbegleiter auf seine Seite zu ziehen. Der Zug hielt außerplanmäßig auf einem unbelebten Bahnhof, um Böhmermann den einsamen Ausstieg zu gewähren. Gut, dass Erdoğan und seine Häscher davon nichts mitbekommen haben.

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor