Kuka-Chef geht | ifo-Institut korrigiert Index nach unten | GM streicht Stellen
 
DAS MORNING BRIEFING
27.11.2018
 
…
NASA
Guten Morgen,
manchmal geschehen Wunder, die wir nur deshalb nicht als Wunder betrachten, weil sie uns als Fortschritt vorgestellt werden. Die Landung der Sonde „InSight“ auf dem Mars, die gestern Abend live zu verfolgen war, ist eine dieser unerhörten Wirklichkeiten. 

In einer Welt, in der schon ein Handy-Gespräch zwischen zwei Bahnhöfen in ein Funkloch plumpsen kann, aus dem es nie wieder herausfindet, lässt sich in 485 Millionen Kilometer Entfernung tatsächlich ein Miniatur-Fahrzeug landen und manövrieren. Der Roboter kann bohren, filmen, tasten. Wer das Staunen nicht verlernt hat, sollte sich seiner Gefühle heute Morgen nicht schämen.
 
…
 
Zur gleichen Stunde an einem anderen, einem unwirklichen Ort, der sich Erde nennt, geraten Ukrainer und Russen aneinander. Die einen rammen das Boot der anderen, woraufhin der Präsident des einen Landes zur Freude des Präsidenten des anderen Landes den Kriegszustand ausruft. Ein Attentat auf die europäische Gemütlichkeit.
…
 
Nationen sind zuweilen nicht viel mehr als Kränkungsgemeinschaften. Der ukrainische Botschafter in Berlin, offenbar in der Absicht, Sarajevo 1914 nachzuspielen, ruft denn auch voller Empörung das deutsche Militär um Hilfe. Die Bundesmarine möge vor der Krim aufkreuzen. Gut, dass Angela Merkel ihren eigenen Text spricht und nicht den von Kaiser Wilhelm II.
…
dpa
 
Für den Morning Briefing Podcast  habe ich den langjährigen ARD-Korrespondenten in Russland, Udo Lielischkies, der mit seiner Familie in Moskau lebt, angerufen. Er sortiert uns die Motive des Wladimir Putin, den er als Hooligan der Weltpolitik beschreibt. Der Kreml-Herrscher suche den Konflikt, um vom Scheitern seiner Wirtschaftspolitik abzulenken. Russland sei das Land der zwei Wirklichkeiten, sagt Lielischkies: „Von der einen Wirklichkeit berichtet das Fernsehen, von der anderen der Kühlschrank.“
 
 
…
dpa
 
Das ifo-Institut hat zum dritten Mal in Folge den ifo-Index, die maßgebliche Prognose für die deutsche Wirtschaft, nach unten korrigiert. „Alles kühlt sich ab“, sagte ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Gründe: die aggressive US-Handelspolitik, der Brexit und die italienische Schuldenpolitik. Das deutsche Wirtschaftswachstum beträgt im vierten Quartal 2018 nur noch 0,3 Prozent. Und die EZB will mit einem Ende ihrer Anleihekäufe 2019 zur Normalität zurückkehren. Womöglich wird das dann mehr Normalität sein, als die europäische Wirtschaft derzeit vertragen kann.
 
 
…
dpa
 
Der Aufstieg von Facebook ist eng mit dem Namen Sheryl Sandberg verbunden. Doch jetzt wird Sandberg plötzlich für die große Krise des Social-Media-Pioniers verantwortlich gemacht. Die Daten- und Fake-News-Skandale kreidet man ihr an. Auch der schrumpfende Zuspruch für die einst so hippe Plattform in Europa – das Medienportal „Meedia“ spricht von einem „Seniorentreff“ – wird mit ihr in Verbindung gebracht. Sie kippt noch nicht, aber ihr Stuhl hat zu wackeln begonnen.
 
 
…
dpa
 
Bei General Motors sitzt der Vorstand fest im Sattel, aber viele Arbeiter blicken in den Abgrund. Konzernchefin Mary Barra möchte sich in den nächsten Monaten von 15 Prozent ihrer Belegschaft in Nordamerika – also rund 14.000 Mitarbeitern – trennen. Fünf Werke sollen in Amerika geschlossen werden, die meisten befinden sich in Ohio und Michigan – dem amerikanischen „Rostgürtel“. Der heimliche Vorsitzende der Industriearbeiter-Gewerkschaft, Donald Trump sein Name, reagierte verärgert. „I'm not happy“, sagte er vor Reportern in Washington. Es war kein guter Tag für den Präsidenten: Der Aktienkurs von GM kletterte gestern um fast fünf Prozent, aber Trumps Chancen auf Wiederwahl sind gesunken.
 
…
 
In Europa sprechen seit dem Dieselskandal und den Fahrverboten in den Innenstädten alle von der Elektromobilität. Doch die Batterien für die Fahrzeuge kommen fast ausschließlich aus China und Südkorea – und sind bis heute nur bedingt leistungsfähig. Beides soll sich ändern, sagt die Bundesregierung. Sie will die heimische Batterieproduktion mit einer Milliarde Euro subventionieren. Das ist für die Puristen der Marktwirtschaft viel, aber für die weltweiten Gepflogenheiten der Batterie-Industrie wenig. Denn bis 2030 soll der Bedarf auf 1559 Gigawattstunden steigen – das 21-fache von 2017 (siehe Grafik). Alles ist eben relativ: Fünf Haare auf dem Kopf sind relativ wenig, fünf Haare in der Suppe relativ viel.
 
…
 
Der Chef der Roboterfirma Kuka, Till Reuter, muss nach fast zehn erfolgreichen Jahren an der Spitze eines der innovativsten deutschen Unternehmen seinen Posten räumen. Der Grund sind Schwierigkeiten mit der Führung des chinesischen Großaktionärs Midea. Und auch der Aktienkurs zeigte sich zum Schluss widerborstig. „Ich bin traurig“, sagt Reuter im Abschieds-Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“. Er möge sich trösten: Zehn Jahre an der Spitze eines Technologieunternehmens sind in der heutigen Zeit eine Ewigkeit.
 
 
…
dpa
 
Die 1001 Delegierten des Hamburger Parteitages dachten, sie müssten nur einen neuen Vorsitzenden bestimmen. Und jetzt geht es plötzlich um Inhalte. Angela Merkel ist noch nicht entschieden, ob sie sich einem Mehrheitsvotum des Parteitages beugen soll, wenn dieser den UN-Migrationspakt ablehnt. Der von ihr installierte Leiter der Antragskommission, Thomas de Maizière, ihr langjähriger Minister, teilte vorsorglich mit, dass der Parteitag kein imperatives Mandat besitze. Die Kanzlerin sei in ihrer Entscheidung frei.

Was er eigentlich meint ist dieses: Die Basis nervt. Das Letzte, was Merkel jetzt gebrauchen kann, ist die eigenmächtige Wortergreifung der bürgerlichen Mitte, die sich unter anderem in einer von 80.000 Menschen unterschriebenen Bundestagspetition gegen den Migrationspakt ausdrückt. Die Kanzlerin will zurücktreten, aber sie will sich nicht zurücktreten lassen. Sie kennt ihr Zeitmaß, aber sie möchte nicht mit der Stoppuhr daran erinnert werden. Sie hasst Parteitagsanträge, die im Grunde in Papier verpackte Waffen sind. Oder um es mit Peter Sloterdijk zu sagen: „Papier ist das meist unterschätzte Produkt der Neuzeit, subversiver als Pulver und Kanonen.“

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor