Stadler in Häftlingskleidung | Bayer stürzt ab
 
DAS MORNING BRIEFING
14.08.2018
 
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Guten Morgen,
die türkische Lira hat gegenüber dem US-Dollar seit Jahresanfang fast die Hälfte ihres Wertes verloren. Auch im Asienhandel heute morgen gab die Währung leicht nach. Der angekündigte „Aktionsplan“ der Regierung entpuppt sich eher als Stoßgebet denn als Konzept: Viel Unmut, kein Plan.

Alles, was währungspolitisch helfen könnte, wurde bislang nicht in Kraft gesetzt:

• Keine Leitzinserhöhungen, um die Lira wieder attraktiv zu machen.
• Keine Stützungskäufe durch die Notenbank, obwohl diese über Reserven von rund 21 Milliarden US-Dollar verfügt.
• Auch Kapitalmarktkontrollen lehnt die Regierung bisher ab, obwohl das Fluchtgeld sich bereits auf den Weg gemacht hat, die Türkei zu verlassen.
• Die Finanzhilfen des IWF in Washington werden zurückgewiesen, bevor sie überhaupt angeboten wurden.

Wenn man Spekulanten möglichst schwungvoll einladen möchte, gegen die Türkei zu wetten, dann hat Erdoğan alles richtig gemacht. Der Autokrat, der die Schule mit dem Fachabitur für Imame abschloss, wirkt überfordert. Im Sturm einer Währungskrise wäre es besser, er hätte Alan Greenspan an seiner Seite und nicht nur Allah.
 
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Die Bundeskanzlerin verfolge die Lage in der Türkei „durchaus aufmerksam“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Finanzminister Olaf Scholz ließ mitteilen, dass man zum Risiko für deutsche Banken nichts mitzuteilen habe. Hinter den Kulissen aber werden die Infektionswege abgeschritten. In der Abteilung 4 im Kanzleramt, zuständig für die wirtschafts- und währungspolitische Beratung der Kanzlerin, herrscht de facto Ausgangssperre.

Gut für die deutschen Sparer ist, dass die europäische Bankenunion mit ihrem eingebauten Rutschbahneffekt vom deutschen Sparkonto zum notleidenden Institut in Südeuropa noch nicht endgültig umgesetzt wurde. Wichtig ist: Die gemeinsame Bankenaufsicht funktioniert. Genauso wichtig aber ist: Die deutsche Einlagensicherung steht für Geldhäuser anderer Staaten nicht zur Verfügung. Risiko und Verantwortung, das lehrt auch die Türkeikrise, dürfen nicht entkoppelt werden.
 
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Trump ist derweil obenauf. Ölpreis und US-Dollar entwickeln sich gut (siehe Grafik oben). Die wichtigste, in Amerika nahezu stündlich erhobene „Zustimmungsrate“ (Approval Rate) zur Politik des US-Präsidenten reagiert positiv. Die Ablehnung (siehe Grafik unten, rot) verringert sich, die Zustimmung (schwarz) steigt. Die Welt leidet, Trump lebt. Zwischen der Ordnung, die er verspricht, und der Anarchie, die er befördert, besteht ein unsichtbarer Zusammenhang.
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Ein Gericht in San Francisco hat Monsanto wegen “verschleierter Krebsrisiken” seines Unkrautvernichters Roundup – der den Wirkstoff Glyphosat enthält – zu hohem Schadenersatz verurteilt. 289 Millionen US-Dollar soll die Firma zahlen, die mittlerweile zum Imperium der Bayer AG gehört. Tausende ähnlicher Klagen sind in den USA anhängig, weshalb die Aktie gestern nahezu senkrecht nach unten sauste. Die Börse liebt Chancen und hasst Prozessrisiken.
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Analysten sehen Bayer, einst die wertvollste Unternehmung im DAX, seit gestern mit anderen, mit deutlich skeptischeren Augen. Der Blick der Liebe, der auf die größte Firmenübernahme der deutschen Geschichte fiel, ist der Ernüchterung gewichen. Vorstandschef Baumann ist plötzlich beweispflichtig. Er hat seinen Monsanto-Deal (Kaufpreis: 63 Mrd. US-Dollar) im Himmel der errechneten Synergien geschlossen und muss den Nachweis der Nützlichkeit nun auf Erden erbringen.

Noch ist unklar, ob Werner Baumann der gefühlte Nachfolger des großen Chris Gent ist. Der ehemalige Vodafone-Chef übernahm in einem spektakulären Bietergefecht die Ruhrgebietsikone Mannesmann AG. Oder ob er als zweiter Jürgen Schrempp endet, dessen DaimlerChrysler-Deal schließlich rückabgewickelt werden musste. Der einstige Chef-Stratege der „Welt AG“ (Spiegel) endete als Reputationsschaden seiner Firma.
 
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Der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler bleibt, wo er seit fast zwei Monaten ist: hinter Gittern in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen. Das Landgericht hat seine Haftbeschwerde jetzt abgewiesen. Und Stadler? Zeigt Größe im Alltag. Da für ihn die Unschuldsvermutung gilt, dürfte er auch hinter Gittern weiter Jeans und Poloshirt tragen. Doch der Manager und Multimillionär schlüpft freiwillig jeden Morgen in die grüne Häftlingskleidung, was seinen Mitgefangenen nicht entgangen ist. Der Volksmund weiß warum: "Kein Gewand kleidet schöner als die Demut."

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den neuen Tag. Herzlich grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor