Boeings MAX-Problem | US-Botschafter droht
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
13.03.2019
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Guten Morgen,
es gibt Zeiten, da muss die Marktwirtschaft vor dem Kapitalismus in Schutz genommen werden. In einer solchen Zeit leben wir. 

Im Westen der USA hat sich in einem Gebiet mit der anderthalbfachen Bevölkerungsgröße von Berlin, bekannt als Silicon Valley, eine wirtschaftliche Macht versammelt, für die es historisch kein Vorbild gibt. In der dortigen Digitalwirtschaft, die durch Unternehmen wie Facebook, Apple, Google oder Netflix vertreten wird, ist ein de facto Monopol entstanden, das die Mitglieder des Rockefeller-Clans wie „Die kleinen Strolche“ aussehen lässt.

Der Facebook-Konzern erreicht mit seinem sozialen Netzwerk, dem Messenger, dem Bilderdienst Instagram und WhatsApp täglich rund 2,5 Milliarden Nutzer. Das ist ein Drittel der Weltbevölkerung. Allein in Europa nutzen mehr als 280 Millionen Menschen Facebook jeden Tag. Zum Vergleich: Die gedruckte Auflage von Europas auflagenstärkster Zeitung, der „Bild“, beträgt rund zwei Millionen Exemplare.

Dank der täglich erhobenen Datenmenge von insgesamt vier Petabyte (vier Millionen Gigabyte) weiß allein Facebook mehr über den geografischen Aufenthaltsort, die finanzielle Lage, die sexuellen Präferenzen, die religiösen und politischen Gewohnheiten sowie die Zukunftspläne jedes Einzelnen als die CIA, die KGB-Nachfolgeorganisation und der Mossad zusammen.

Wirtschaftlich handelt es sich um eine Machtkonzentration, wie wir sie seit dem Öl-Kartell der Familie Rockefeller vor mehr als einem Jahrhundert nicht mehr gesehen haben. Die Google-Mutter Alphabet erwirtschaftete im Vorjahr einen Gewinn, der den Umsatz der Bertelsmann AG in 2017 um drei Viertel übertraf. Mit einem Jahresgewinn nach Steuern von 30,7 Milliarden US-Dollar verdient Alphabet in neun Tagen so viel wie die Axel Springer SE im ganzen Jahr, deren bereinigtes EBITDA in 2018 rund 738 Millionen Euro betrug – was im Kontext der deutschen Verlage wiederum ein Spitzenwert ist.
 
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EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager brachte bei der Tech-Konferenz South by Southwest (SXSW) in Austin erstmals die Möglichkeit einer Zerschlagung „als allerletztes Mittel“ ins Spiel. Die demokratische US-Präsidentschaftsbewerberin Elizabeth Warren ist schon weiter: „Es ist an der Zeit, Amerikas Tech-Riesen aufzuspalten“, sagte sie jüngst.
 
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Es wäre nicht das erste Mal, dass Unternehmen aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung zerschlagen wurden: Ölbaron John D. Rockefeller kontrollierte in den 1880er Jahren 90 Prozent der US-Ölproduktion und damit zwei Drittel des Weltmarkts. Damals debattierte die Politik fast dreißig Jahre lang, bis 1911 das Konglomerat in 34 Einzelunternehmen zerschlagen wurde.

1982 wurde mit AT&T der größte Monopolist der Welt und der älteste Telefonkonzern mit einer Million Mitarbeitern und über drei Millionen Aktionären – damals wertvoller als Exxon und General Motors zusammen – filetiert. Acht regionale Einzelunternehmen, darunter sogenannte „Baby Bells“ – benannt nach Firmengründer und Telefonerfinder Alexander Graham Bell – sind entstanden.
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Worin genau besteht die Gefahr, die von diesen Digitalkonzernen ausgeht? Ist die Zerschlagung wirklich der richtige Weg? Und was bedeutet diese Auseinandersetzung für die ohnehin angespannten Beziehung zwischen Amerika und den Europäern?

Darüber habe ich für den Morning Briefing Podcast  mit dem Politikwissenschaftler Josef Braml gesprochen, der einst für die US-Demokraten im Kongress arbeitete und heute für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik tätig ist. Der Amerika-Kenner, der den Blog Der USA-Experte  betreibt, macht sich über die Ambitionen der USA keine Illusionen. Die US-Regierung schützt die Interessen der Digitalkonzerne. Sie will die technologische Überlegenheit ihrer Firmen gegen die chinesische Weltmachtssehnsucht verteidigen. Europa ist zwischen alle Fronten geraten.
Diese Machtkonzentration im Silicon Valley bedeutet weniger Markt, weniger Wettbewerb, weniger Leistung. Und was noch gefährlicher ist: Diese Plattformen wollen die politischen Spielregeln bestimmen – also noch weniger Regulierung und noch weniger Steuern.
Wir haben keine freie Marktwirtschaft mehr, sondern eine vermachtete Wirtschaft.
 
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Die USA drohen wegen des möglichen bundesweiten 5G-Netzausbaus durch Huawei der Bundesregierung mit einem Abbruch der Geheimdienstzusammenarbeit. Dazu flatterte bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ein Drohschreiben des US-Botschafters Richard Grenell ins Haus: „Sichere Kommunikationssysteme“ für die Kooperation in den Bereichen Verteidigung und Geheimdienste seien „essenziell“. Huawei könne die „Vertraulichkeit dieses Austausches gefährden“.

Werden die Amerikaner dieser Erpressung wirklich Taten folgen lassen? Und falls ja, welche Folgen hat das für die Sicherheit der Bundesrepublik? Zur Beantwortung dieser Fragen habe ich im Morning Briefing Podcast  bei Georg Mascolo durchgeklingelt, dem ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur und jetzigen Anführer des investigativen Rechercheverbunds zwischen WDR, NDR und „Süddeutsche Zeitung“. Er sagt:
Deutschland ist von amerikanischen Geheimdienstinformationen abhängig, wenn es um den Terrorismus und auch wenn es um Cybersicherheit geht. Die Bundesregierung steckt jetzt ziemlich in der Klemme.
 
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Der tragische Absturz einer Boeing 737 MAX 8 der Ethiopian Airlines am Sonntag ist schon der zweite dieses Flugzeugtyps binnen fünf Monaten. Das bleibt für Boeing nicht ohne wirtschaftliche Folgen. Die Boeing 737 ist das meistverkaufte Verkehrsflugzeug der Welt, die 737-MAX-Reihe die neueste Variante des Verkaufsschlagers. 5.012 Bestellungen sind bereits eingegangen, von den bisher 376 ausgelieferten Maschinen müssen nun die meisten am Boden bleiben.

China, Singapur, Malaysia und Australien verhängten als erste Flugverbote für den Typ, mittlerweile hat auch die europäische Luftfahrtbehörde EASA den europäischen Luftraum für das Modell gesperrt. Das Problem liegt in der Steuerungssoftware des Flugzeugs – also im Gehirn des Vogels. Der Aktienkurs verlor seit der Tragödie am Sonntag fast zwölf Prozent. Boeing und der internationale Flughafen Berlin-Brandenburg könnten gemeinsam ein Museum für gescheiterte Ambitionen gründen.
 
Drei gute Nachrichten haben wir uns für den Schluss aufgehoben:
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Erstens: Siemens führt die europäische Patentstatistik erstmals seit 2011 wieder an. Mit Bosch folgt der nächste deutsche Konzern erst auf Platz 10, also herzlichen Glückwunsch nach München. „Die Symbiose von Laptop und Lederhose“, von der Bundespräsident Roman Herzog 1998 sprach, scheint auch für Siemens-Chef Joe Kaeser weiterhin zu funktionieren.
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Die gute Nachricht Nummer zwei: In den nächsten zehn Jahren will VW 70 rein batteriegetriebene Fahrzeugmodelle auf den Markt werfen. Bislang waren 50 geplant. Die gesamte Produktion soll klimaneutral organisiert sein und einen „Dekarbonisierungsprozess“ einleiten. Wenn der Wechsel vom bekennenden Bleifuß-Indianer Martin Winterkorn zum praktizierenden Klimaschützer Herbert Diess tatsächlich gelingen sollte, hat sich der Dieselskandal womöglich doch noch gelohnt.
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Und zur Nummer drei: Heute wird der Sportartikelhersteller Adidas seine jüngsten Geschäftszahlen vorstellen und eine Gewinnprognose für das Jahr 2019 abgeben. Einhellig rechnen die Analysten mit einer Fortsetzung der Erfolgsgeschichte von Adidas-CEO Kasper Rørsted. Allein bei den Gewinnschätzungen übertrifft das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktie den Dax-Durchschnitt um märchenhafte 100 Prozent. Rørsted kombiniert Ideenreichtum mit Härte in der Umsetzung. Er hat Max Weber aufmerksam gelesen: „Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit.“

Ich wünsche Ihnen einen unbeschwerten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor