SPD leidet an Schwindsucht | BMW brilliert in China
 
DAS MORNING BRIEFING
12.10.2018
 
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Guten Morgen,
die Weltbörsen sind ins Trudeln geraten (Grafik unten). Der DAX verliert weiter an Boden. In Asien hat eine Art vorgezogener Winterschlussverkauf begonnen. Der Dow Jones verlor heute Nacht erneut über zwei Prozent. Die „Financial Times“ schreibt: „Der Ausverkauf hat begonnen.“

Die Angst geht also um. Warum fallen die Kurse? Warum jetzt? Und natürlich wird auch die Frage aller Fragen gestellt: Kommt nun der große Rums?
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Ich sage: nein. Hier sind meine fünf Gründe:

1. Die Weltwirtschaft wächst in diesem Jahr um 3,7 Prozent. Die Realwirtschaft dreht hochtourig. Die Unternehmensgewinne sprudeln, als hätte jemand eine Ölquelle angebohrt. Die leichte Wachstumsverlangsamung in den USA von 2,9 Prozent im Jahr 2018 auf 2,5 Prozent für 2019 ist bisher eine Prognose – und keine Realität.

2. Donald Trump hat viele der dummen Dinge, die er angedroht hat, bisher nicht getan. Er zog sich nicht aus der Welt zurück – und auch nicht aus der Nato. Seine Handelspolitik der Strafzölle hat den USA Wettbewerbsvorteile gebracht, ohne den Welthandel abzuwürgen. Die einzigen, die wirklich leiden, sind die Chinesen.

3. Auch das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta mit Mexiko und Kanada wurde nicht suspendiert, sondern erneuert. Amerikas Bergleute, die Bauern und die Autoindustrie profitieren. Die Arbeitslosenquote ist mit 3,7 Prozent so niedrig wie seit 1969 – dem Jahr der Mondlandung – nicht mehr. Unter Trump nahmen die Arbeitsplätze um zwei Prozent zu, unter Obama nur um 0,1 Prozent.

4. Trump hat die US-Wirtschaft just in dem Moment mit seiner Steuerreform (Volumen: 1,5 Billionen US-Dollar) stimuliert, als die Notenbank anfing, die Geldzufuhr zu drosseln und den Leitzins anzuheben. Er senkte die Unternehmenssteuern von 35 auf 21 Prozent und verschaffte den mittleren Einkommen dadurch mehr Netto vom Brutto. Das Ganze wirkt bis heute wie ein Konjunkturprogramm für die größte Volkswirtschaft der Welt. 

5. Die Psyche der Amerikaner ist robust wie lange nicht mehr. Jeder sieht doch, dass die Fabriken des Digitalzeitalters in den USA stehen, im Silicon Valley und in Seattle. Amazon und Apple sind mehr wert als alle 30 DAX-Unternehmen zusammen. Wenn also die Kurse von Amazon, Google, Microsoft und Apple in diesen Tagen nachgeben, dann ist das kein Kurssturz, sondern eine Kaufgelegenheit.

Fazit: Der Crash wird kommen. Aber nicht jetzt. Solange die Amerikaner konsumieren, können die anderen Volkswirtschaften nicht kollabieren. Der Weltuntergang muss verschoben werden.
 
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Nicht nur die CSU in Bayern befindet sich derzeit im freien Fall, auch die Bundes-SPD leidet an Schwindsucht. In der jüngsten Umfrage der Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung (GMS) und beim ARD-Deutschlandtrend wäre die SPD bei den Bundestagswahlen nur noch viertstärkste Kraft. Die Sozialdemokraten liegen also bei 15 Prozent. Eine Kanzlerkandidatur könnte sich angesichts dieser Kräfteverhältnisse als absurd erweisen. CDU und SPD sind keine Gegner mehr, sondern Leidensgenossen.
 
 
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Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will die Steuern senken und den Soli abschaffen. So steht es zumindest in einem Ideenpapier seines Ministeriums. Doch Vorsicht ist geboten: Solche Ideenpapiere tauchen regelmäßig kurz vor dem Wahltag auf, um mit großer Lässigkeit am Tag darauf wieder zu verschwinden. Die SPD ist strikt gegen jede Steuerrückzahlung an die Bürger. Das aber bedeutet: Der Zylinder, in den Altmaier greift, ist derzeit leer. Das Kaninchen steht noch bei Finanzminister Olaf Scholz im Stall.
 
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BMW verkündete gestern die Aufstockung seines Anteils am chinesischen Automobilhersteller Brilliance Automotive um 25 auf 75 Prozent. Damit ist BMW das erste ausländische Unternehmen, das eine Mehrheitsbeteiligung in China eingeht. Zudem kündigte BMW an, eines seiner Produktionswerke in China deutlich auszubauen. Der symbolische Spatenstich (siehe Bild) erfolgte bereits. Seit 2013 konnte BMW seinen Absatz in China fast verdoppeln. Wir lernen: Für Trump ist China das Problem, für die deutsche Autoindustrie die Rettung.
 
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Vor dem, was die Zukunft bringt, kann man sich fürchten. Oder ihr mit Zuversicht begegnen. Im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast  wollen wir heute Morgen letzteres tun – im Gespräch mit der Professorin und Herausgeberin der „Wirtschaftswoche“ Miriam Meckel. Sie beschäftigt sich seit langem schon mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Meckel spricht von einem „Jahrhundert des Gehirns“, und erklärt die Optimierung unserer Neuronen zur neuen „Wettbewerbszone“. Mit ihrem „Brief aus der Zukunft“ und der neuen Zeitschrift „Ada“ – benannt nach Ada Lovelace, der ersten Programmierin der Welt – nimmt sie uns mit auf eine Reise in unser künftiges Leben. Ihre Vision: Wenn wir schon jetzt so viele körperliche und geistige Tätigkeiten auf die Maschine übertragen, könnten wir bald das werden, was wir immer sein wollten – der menschlichste Mensch aller Zeiten.

Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Start in den Tag. Das ausführliche Gespräch mit Miriam Meckel erscheint Sonntag früh. Es möge Ihr Wochenende bereichern. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor