Trump vs. Fed | Maas vs. Trump
 
DAS MORNING BRIEFING
22.08.2018
 
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Guten Morgen,
Heiko Maas legt als deutscher Außenminister eine neue USA-Strategie vor. Er spricht vom Konzept einer „balancierten Partnerschaft“ zwischen Europa und den USA. Der Kerngedanke des Papiers ist, dass man einen Kerngedanken bräuchte. Aber so richtig bekommt Maas ihn nicht zu packen. Er will mutig sein, aber nicht antiamerikanisch. Er will Trump die Stirn bieten, aber nicht den Rücken zukehren. Er strebt eine „Allianz für den Multilateralismus“ an, um dort, wo die USA „rote Linien“ überschreiten, ein „Gegengewicht“ zu bilden. Doch Europa hat derzeit mehr Gegen als Gewicht. Die europäische Einigkeit, die Maas unterstellt, zerfällt in nationale Partikularinteressen, sobald man nur die Stichworte „Verteidigungsgemeinschaft“, „Flüchtlingsabkommen" oder „Staatsschulden“ aufruft. Die balancierte Partnerschaft bleibt eine Wunschvorstellung, solange auf der einen Seite der Waage ein Gorilla sitzt und auf der anderen Seite eine Feder liegt. Aber mit Maas ist es wie mit einem talentierten Kleinkind: Gespannt schaut man ihm beim Wachsen zu.
 
Viele sagen, die Zukunft gehört dem Elektroauto. Und sie meinen damit in Wahrheit: Nur keine Eile. Jetzt schnell noch Diesel produzieren, Zukunft später. Doch diese Zeitgenossen sollten Nachhilfe nehmen bei jenen Managern, die an das ewige Leben von Schallplatte, Videokassette, Schreibmaschine, Festnetztelefonie, Desktop-Computer und gedruckter Tageszeitung glaubten. Deren Hoffnungen wurden oder werden fortlaufend enttäuscht, ihre Vermögenswerte lösen sich auf. Das ist nicht Zauberei, das nennt man Disruption.
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Die Ära der elektrischen Mobilität, darauf wollte ich hinaus, hat begonnen. Jetzt wurden erstmals mehr als 400.000 Elektrofahrzeuge pro Quartal verkauft. Bei VW geht man davon aus, dass der Anteil der Elektrofahrzeuge 2025 bei zehn Prozent liegen wird. 2025, das bedeutet in der Autoindustrie so viel wie: noch dreimal schlafen. Der neue VW-Chef Herbert Diess muss sich beeilen, wenn diese Zukunft nicht ohne ihn und seine Firma stattfinden soll. Das Besondere an Diess: Er weiß das. Er kennt das ihm verbleibende Zeitmaß.

Das „Handelsblatt“ fragt im heutigen Interview: „Herr Diess, Sie haben kürzlich in kleiner Runde gesagt, dass die deutschen Autohersteller das Wettrennen um die neue Mobilität nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent gewinnen werden. Solcher Pessimismus ist aus der deutschen Autoindustrie selten zu hören.“
 
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Diess retourniert kühl: “Sie nennen diese Einschätzung pessimistisch. Ich halte sie für ziemlich realistisch.“ Der neue VW-Chef hat also den Schuss gehört. Und er will, dass andere Automanager ihn auch hören und nicht warten, bis er als Echo aus Fernost zurückkommt.
 
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An der Wall Street herrscht Festtagsstimmung. Nach einer beispiellosen Aktien-Rallye und trotz einer politischen Bühne, auf der Dramen aus aller Herren Länder aufgeführt werden, hat der Aktienindex S&P 500 heute Nacht den höchsten Stand aller Zeiten – 2873 Punkte – erreicht. Wenn man die unterschiedlichen Kursverläufe in Europa und den USA betrachtet (siehe Grafik unten), sieht man, dass Pioniergeist belohnt und Beharrungsvermögen bestraft wird. Es gibt konservative Politiker, aber es gibt in diesen Zeiten keine konservativen Unternehmer. Der erfolgreiche Unternehmer ist progressiv oder gar nicht.
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Wie es einem Land geht, das sich der Moderne verweigert, erlebt derzeit London. Bei den großen Investmentbanken werden die Umzugskisten gepackt. Der Brexit ist ein Exportförderprogramm für Arbeitsplätze im Finanzgewerbe. Frankfurt profitiert, sagt eine neue Studie von Bloomberg. Glückwunsch Frankfurt! Vielleicht wäre es fair, den Brexit-Propagandisten Boris Johnson zum Ehrenbürger der Stadt zu ernennen.
 
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Trump attackiert die US-Notenbank Fed und viele sagen, typisch Trump. Dabei geht es um Interessenunterschiede der fundamentalen Art. Die Notenbank hat Angst vor ökonomischer Überhitzung und Inflation. Deshalb will sie zum dritten Mal in diesem Jahr die Zinsen erhöhen. Der US-Präsident hat Angst vor einem Dollar, der so stark ist, dass er die Exporteure ins Aus drängt. Seine “America first”-Mission leidet, weshalb er sich einen Verzicht auf die Zinserhöhung wünscht. Das Wünschen findet bei ihm immer laut statt. Der Mann kann eben kein leise. Typisch Trump.
 
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Heute treffen sich Unterhändler der USA und der von China, um den Handelsstreit nicht zum Handelskrieg werden zu lassen. Am selben Tag sollen Waren im Wert von 16 Mrd. US-Dollar mit Strafzöllen belegt werden. Die Chinesen zeigen derzeit eine der echten Weltmacht-Qualitäten: strategische Geduld. Trump findet in Peking einen asymmetrischen Gegner, der die Feindseligkeiten aus Washington als Schubkraft für sein Projekt einer erneuerten Seidenstraße benutzt. Aus Trump-Gegnern werden weltweit China-Verbündete. Die Regierung in Peking verfährt getreu der alten chinesischen Weisheit: „Wenn der Wind der Veränderung weht, baue nicht Mauern, sondern Windmühlen.“

Zum Thema „China: der Aufsteigerstaat“ spreche ich im heutigen Podcast mit dem Bestseller-Autoren und dienstältesten deutschen China-Korrespondenten in Peking Frank Sieren. Seit zwei Jahrzehnten lebt er im Reich der Mitte: Frank Sieren kennt die Chinesen nicht nur. Er versteht sie auch. Inmitten des weltpolitischen Nebels sieht er neue Chancen – für die deutsche Wirtschaft in China.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den neuen Tag, herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor