Wolfgang Reitzle im Interview | Das Medienschiff „Pioneer One“
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
08.05.2019
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pexels, imago
Guten Morgen,
Gegenwart und Zukunft scheinen sich in diesen Tagen zu berühren. Wir erleben, wie die Welt von gestern im Nebel verschwindet:► Die Internetabdeckung funktioniert mittlerweile lückenlos, auch in den Bergen. Der erste Versuch mit dem ultraschnellen 5G-Netz wurde von der Telekom erfolgreich beendet. ► Die ersten selbstfahrenden Autos haben im vergangenen Jahr mehr als drei Millionen Kilometer zurückgelegt. Von Computern gesteuerte Fahrzeuge verursachten pro gefahrenem Kilometer weniger Unfälle als die Fahrer aus Fleisch und Blut. ► Die Abhängigkeit vom Kohlestrom nimmt endlich ab. Am Montag endete eine Rekordspanne von 122 Stunden, in denen landesweit keine einzige Kilowattstunde aus der Kohleverbrennung ins Netz gespeist wurde. ►Blinde können wieder lesen. Ein kleines Zusatzgerät, das man sich auf die Brille steckt, erkennt die Schrift in 24 Sprachen und liest sie vor. Ein technologisches Wunder aus den KI-Laboren.
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Der Nachteil dieser vier Zukünfte: Sie finden nicht in Deutschland statt. Das Hochgeschwindigkeitsinternet und den erfolgreichen 5G-Test hat die Telekom in Österreich absolviert. Kanzler Sebastian Kurz macht die Digitalisierung der Alpenrepublik zu seinem Thema. Die selbstfahrenden Autos von Waymo und GM Cruise kurven durch die Straßen im Westen der USA. Die Regierung von Kalifornien erteilt Genehmigungen und kontrolliert die Hersteller, derweil anderswo noch das Für und Wider debattiert wird. Der Rekord von 122 Stunden ohne Kohlestrom wurde in Großbritannien aufgestellt. Das Land hat sich verpflichtet, seine CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent gemessen am Stand von 1990 zu reduzieren. Und der entscheidende Punkt: Das Land versucht, seine Klimaversprechen auch einzuhalten. Die Brille für Blinde – ich habe sie am Montag selbst ausprobiert – wird von allen deutschen Krankenkassen bezahlt. Aber entwickelt hat sie nicht Zeiss, sondern die Firma OrCam aus Israel.
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Deutschland ist, und darauf wollte ich hinaus, der ökonomische Riese, dem die Füße eingeschlafen sind. Wenn es einen Oscar für Ambitionslosigkeit gäbe, hätte Angela Merkel ihn verdient.
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Wirtschaftsführer, die in längeren Horizonten denken, werden allmählich unruhig. Einer von ihnen ist Wolfgang Reitzle, der eben erst mit der Fusion von Linde und Praxair den drittgrößten DAX-Konzern geschmiedet hat. Im Gespräch für den Morning Briefing Podcast  sagte er:
Deutschland hat sich im selbstverständlich gewordenen Wohlstand eingerichtet und ist unsensibel geworden.“
Wir haben den Höhepunkt schon überschritten. Die Steuereinnahmen laufen zeitversetzt nach. Deswegen merkt man es noch nicht, aber es ist absehbar, dass wir als Land zurückfallen.“
Mit der Energiewende von Angela Merkel rechnet er schonungslos ab:
Die Energiewende ist ein tragisch verlaufendes Desaster. Wir schalten die sichersten Kernkraftwerke der Welt ab und gewinnen dabei nichts für die Sicherheitslage der Bevölkerung. Die unsichersten Kraftwerke wie Tihange in Belgien stehen direkt neben Aachen und bedrohen unsere Bevölkerung viel mehr als jedes deutsche Kernkraftwerk.“
Wir haben den höchsten Strompreis Europas, den zweithöchsten der Welt. Für ein Industrieland wie Deutschland ist der Strom das, was das Blut für einen Körper bedeutet. Dass man damit sehr behutsam umgeht, versteht sich eigentlich von selbst.“
Reitzle empfindet die politische Diskussion unserer Tage als defokussiert:
Wir suchen immer neue Gerechtigkeitslücken, um den Sozialstaat weiter auszubauen. Dabei ist er schon der beste der Welt. Die Lösung der wahren Probleme verschieben wir in die nächste Generation. Es ist nicht fair, wie man mit den jungen Leuten umgeht.“
Fazit: Deutschland genießt eine Gegenwart, die vergeht. Deutschland verpasst eine Zukunft, die anderswo längst begonnen hat.
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Jährlich richtet Umsatzsteuerbetrug in der EU und vor allem in Deutschland große Schäden an. Unter Führung des deutschen Journalistennetzwerks „Correctiv“ haben 63 Journalisten aus allen EU-Staaten recherchiert, wie durch betrügerische Karussell- oder Kettengeschäfte jährlich bis zu 50 Milliarden Euro hinterzogen werden. Allein in Deutschland werden dem Fiskus dabei rund 14 Milliarden Euro pro Jahr vorenthalten. Grund ist eine europäische Fehlkonstruktion, die uns 1993 als Innovation verkauft wurde: die Abschaffung der Umsatzsteuer für den Handel über EU-Grenzen hinweg. Was den Freihandel erleichtern sollte, fördert den Betrug: Für Güter wie Handys, Spielkonsolen, Strom und vor allem CO2-Zertifikate lassen sich Kriminelle die Umsatzsteuer erstatten – obwohl diese nie bezahlt wurde. Die Güter werden dafür auf dem Papier über die EU-Grenzen hinweg im Kreis bewegt. Kommen die Behörden den Betrügern auf die Schliche, lösen sich deren Briefkastenfirmen auf und werden zum sogenannten „Missing Trader“. Besonders Deutschland ist ein Paradies für diese Geschäfte. „Correctiv“ nennt hierfür zwei Gründe: ► Die Umsatzsteuer ist Ländersache: Finanzämter und Staatsanwaltschaften arbeiten meist nicht vernetzt. Bundesweit und international agierende Netzwerke bleiben daher meist unentdeckt. ►Das deutsche Steuergeheimnis behindert Ermittlungen: An dem Betrugsfrühwarnsystem der EU (TNA), das auffällige Steuerbewegungen in Echtzeit erfassen soll, nimmt Deutschland als einziger EU-Staat neben Großbritannien nicht teil und gewährt keine Einsicht in seine Steuerunterlagen. Der Steuerstaat hat allen Grund aufzuwachen. Zumal die „Bild“ heute Morgen berichtet, dass der Finanzminister sich verrechnet habe: „GroKo versinkt im 100 Milliarden-Steuer-Loch“.
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Die drei großen US-Aktienindizes nähern sich ihren historischen Höchstständen: Der Dow Jones kletterte dieses Jahr elf Prozent, der S&P 500 legte seit Jahresbeginn um 13 Prozent zu, genau wie die Tech-Börse Nasdaq. Die Rally dürfte weitergehen, trotz des Handelskriegs mit China und auch ohne, dass Kleinanleger oder Großinvestoren die Kurse treiben. Seit elf Wochen ziehen sie ihr Geld sogar von der Börse ab. Es sind die börsennotierten Konzerne selbst, die den Boom befeuern – durch massive Aktienrückkäufe. Nach der Rekordsumme von mehr als einer Billion US-Dollar in 2018 – allein im S&P 500 waren es 806 Milliarden (siehe Grafik) – haben die US-Firmen bis Ende April schon wieder für 272 Milliarden US-Dollar eigene Aktien an der Börse eingekauft. Statt in neue Produkte, zusätzliche Jobs oder moderne Fabriken zu investieren, wird das eigene Wertpapier gedopt. Eine Studie der Abu Dhabi Investment Authority kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass die Netto-Rückkäufe zwischen 1997 und 2017 für 80 Prozent der Renditen an den Aktienmärkten verantwortlich seien. Alles kann man heutzutage kaufen, auch den passenden Aktienkurs.
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In eigener Sache: Gestern hat der Axel Springer Verlag bekannt gegeben, dass er sich mit 36 Prozent an Media Pioneer beteiligt. Das ist meine Firma, die bisher Steingarts Morning Briefing und den dazugehörigen Podcast publiziert. Gemeinsam wollen wir nun in den digitalen Qualitätsjournalismus, in neue Veranstaltungsformate und das Medienschiff „Pioneer One“ investieren.
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Mehr Informationen dazu gibt es auf der Webseite mediapioneer.com  und im heutigen Morning Briefing Podcast . Dort kommen der Media Pioneer-Geschäftsführer Ingo Rieper, einst Finanzchef der Handelsblatt Media Group, der künftige Chefredakteur von Media Pioneer, Michael Bröcker, heute Chefredakteur der „Rheinischen Post“, die Projektleiterin für das Medienschiff „Pioneer One“, Chelsea Spieker aus New York, und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner zu Wort.
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Ingo Rieper spricht über das Geschäftsmodell:
Gewinne folgen einem Investment. Und niemals umgekehrt. Selbst die Goldgräber mussten erst in ihre Schaufeln investieren. Jetzt sind wir in einer Phase, wo wir in diese junge Firma investieren – in wirklich herausragende Journalisten, in Technologie und in dieses wunderbare Medienschiff.“
Am Ende dieses Zyklus werden wir vor die Leserinnen und Leser, vor die Hörer und Hörerinnen treten müssen und sagen: gutes Geld für gute Arbeit. Wir werden ein Club-Modell anbieten – für all jene, die lesen, die hören und auf dem Schiff dabei sein wollen. Qualitätsjournalismus, davon bin ich als Kaufmann und als Staatsbürger überzeugt, gibt es nicht zum Nulltarif.“
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Michael Bröcker erzählt, warum ihn dieses publizistische Abenteuer reizt:
Nach 15 Jahren bei der „Rheinischen Post“ hatte ich wieder große Lust, journalistisches Neuland zu erforschen. Und an einem Projekt mitzuarbeiten, das den digitalen Journalismus mutig vorantreibt. Kein Mainstream, das muss der Anspruch sein.“
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Chelsea Spieker verrät Details zu dem 40 Meter langen und sieben Meter breiten Redaktionsschiff „Pioneer One“, das ab Frühjahr 2020 im Berliner Regierungsviertel unterwegs sein wird:
Es wird ein schwimmender Newsroom sein, der mitten im Regierungsviertel durch die Spree gleitet.“
Das Schiff hat einen Hybridantrieb, das heißt, wir können in der Stadt rein elektrisch fahren – und wenn wir weit fahren wollen, springt ein Range Extender ein. Zugelassen ist die „Pioneer One“ für 200 Leute.“
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Und Mathias Döpfner berichtet, warum sein Medienkonzern sich an diesem Start-up beteiligt:
Axel Springer ist grundsätzlich aufgeschlossen für Projekte, die auf den ersten Blick verrückt klingen und sich, weil sie mutig sind, als besonders spannend und erfolgreich erweisen.“
Der Ansatz ist sehr eigenständig. Gerade die Idee, Nachrichten für ein Publikum, das hohe Ansprüche besitzt, ohne Werbung anzubieten, ist ein interessantes Modell.“
Es ist Zeit, dass man neue Wege geht. Es braucht digitalen Qualitätsjournalismus.“
Und bleibt das Morning Briefing damit journalistisch so unabhängig, wie es heute ist? Döpfner verspricht:
Qualitätsjournalismus kann nur gedeihen, wenn es große redaktionelle Freiheit gibt. Diesen Rückhalt, diese Unabhängigkeit wollen wir gewährleisten.“
Ich bedanke mich auf diesem Wege für alle Glückwünsche und aufmunternden Zurufe, die mich gestern, heute Nacht und in aller Frühe erreichten. Das macht Mut. Es klingt pathetisch und ist doch nichts als die Wahrheit: Es ist eine Ehre, für derart engagierte Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer zu arbeiten. Dankeschön! Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor