Trump triumphiert / WM und Zuversicht
 
DAS MORNING BRIEFING
15.06.2018
 
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Guten Morgen,
der Polit-Thriller „Die Flüchtlinge“ geht in die nächste Staffel. Die Regie lässt zwei getrennt fahrende Züge aufeinander zurasen. In Zug Nr. 1 sitzt ein Großteil der CDU-Bundestagsabgeordneten. Innerhalb der nächsten 14 Tage will man am Zielbahnhof einer „europäischen Lösung“ angekommen sein. Bundeskanzlerin Merkel sitzt im Salonwagen; griesgrämig starrt sie aus dem Fenster. Die Heimat fliegt an ihr vorbei.
 
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Die CSU sitzt in Zug Nr. 2, der von Bayern aus mit Hochgeschwindigkeit losgerast ist. Bis zur CSU-Gremiensitzung am Montag will man eine deutsche Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik durchgesetzt haben. Notfalls soll der Innenminister im Alleingang die Grenze sichern. Der Merkel-Zug in Richtung Brüssel muss entweder freiwillig stoppen oder wird durch Karambolage zur Entgleisung gebracht. Auf der Lok sitzt Bayern-Premier Söder. Seehofer schippt die Kohlen.
 
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Das Publikum ist so fasziniert wie angewidert von dem Spektakel. Dass christliche Politiker im 21. Jahrhundert derart kaltschnäuzig gegeneinander losziehen, hatten viele nicht erwartet. Die düstere Szenerie, die jetzt Wolfgang Schäuble als Vermittler betreten soll, erinnert an die Zeit der Zwangsmissionierung unter Papst Urban VIII., der offen für die „Vernichtung der Ketzernester“ warb. Auch in der heutigen Union will jeder den anderen umpolen. Der Kabarettist Wolfgang Neuss hatte früh schon eine Ahnung, dass auf dieser Art von Politik kein Segen ruht. „Die von der CDU werden so lange machen, bis der liebe Gott aus der Kirche austritt.“
 
Als die Pflegeversicherung im Jahr 1995 eingeführt wurde, um das Risiko der Pflegebedürftigkeit abzusichern, betrugen die Ausgaben rund fünf Milliarden Euro. Für diese Cash Burn Rate, wie wir sie in dieser Ausprägung nur aus dem Silicon Valley kennen, ist nicht etwa die Verknöcherung der Gesellschaft verantwortlich, sondern die ständige Neudefinition dessen, wer und was als Pflegefall gilt. Kann einer beim Gesundheitscheck kein Triple-A-Rating erzielen, gilt er als bedürftig. Unsere Politiker sind mutig, wenn es darum geht, den Sozialstaat zu expandieren. Ihr Talent, dafür das Geld anderer Menschen einzusammeln, ist überproportional ausgeprägt – wie auch die frisch verkündete Erhöhung der Pflegebeiträge beweist. Pädagogen würden von einer Inselbegabung sprechen.
 
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Die Sieben-Tages-Bilanz des Donald Trump kann sich sehen lassen, auch wenn im Internet die Spötter den Ton angaben. Das war seine Woche: Trump hat die Europäer düpiert, den kanadischen Premierminister in den Senkel gestellt, den nordkoreanischen Bösewicht als Vertragspartner präsentiert und schließlich die Fußball-WM 2026 ins Land geholt. Die Umfragen zu den Midterm-Elections, das sind die anstehenden Zwischenwahlen für Repräsentantenhaus, Senat und etliche Gouverneurs-Posten, zeigen deutliche Geländegewinne für die Republikaner. Der Mann im Weißen Haus ist manchmal irre, aber derzeit vor allem irre erfolgreich.
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Fangfrage: Wie heißt eigentlich der Gegenkandidat von Trump bei den nächsten Präsidentschaftswahlen? Richtig! Es gibt ihn oder sie nicht. Der erlösende Kandidat kommt erst später hinterm Busch hervor, beschwichtigen die Demokraten in Washington. Aber man wird das Gefühl nicht los: Hinterm Busch, da sitzt gar keiner.
 
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Am Sonntag spielt die deutsche Nationalmannschaft gegen Mexiko. Das Team von Jogi Löw wird von den edelsten Hoffnungen begleitet – und von bangen Fragen. Vor vier Jahren kämpften Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose für Deutschland. Sie werden nun fehlen. Manuel Neuer reist zwar wieder mit, aber die alles entscheidende Frage, ob der Torwart nach den Verletzungen noch ein Bollwerk ist, kann derzeit keiner beantworten. Nicht mal er selbst. Zuversicht ist in dieser Situation Pflicht. Wunder erleben schließlich nur die, die an Wunder glauben.

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende. Am Montagmorgen sehen wir uns wieder. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor