Warten auf die Henkel AG | Deutscher Buchpreis läuft an
 
DAS MORNING BRIEFING
13.08.2018
 
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Guten Morgen,
diese Woche beginnt im Schatten der Türkeikrise, die sich zu einer handfesten europäischen Krise ausweiten könnte – mit Folgen für unseren Wohlstand und die politische Stabilität Europas. Denn der schwierige EU-Nachbarstaat erleidet einen dramatischen Schwächeanfall. Die Währung sank allein am Freitag um 18 Prozent gegenüber dem US-Dollar. Am Montagmorgen, bei Eröffnung der asiatischen Märkte, ging es erneut um zehn Prozent bergab. Die Ankündigung des türkischen Finanzministers vom Wochenende, man werde heute Morgen geeignete Stabilisierungsmaßnahmen verkünden, zeigte keine Wirkung. Die Kapitalflucht hat begonnen. Vorsicht: Infektionsgefahr.

Zur Erinnerung: Es ist noch nicht lange her, da wollten viele die Türkei in die Wirtschafts- und Währungsunion integrieren. Im Jahr 2004 sprachen sich die Staats- und Regierungschefs der EU einhellig für den Beginn von Beitrittsverhandlungen aus. Der damalige Außenminister Joschka Fischer: „Es ist ein offener Prozess, was den Ablauf und die Schlussbewertung betrifft. Aber nicht offen, was das Ziel, nämlich den EU-Beitritt, angeht.“

Einen Militärputsch und viele Verhaftungsrunden später ist der EU-Beitritt eine Fata Morgana. Und dennoch: Europa und sein muslimisch geprägter Nachbar sind enger miteinander verbunden, als uns das jetzt recht sein kann. Der US-amerikanische Präsident stichelt aus sicherer Entfernung. Europa aber würde vom Patienten Türkei gleich fünffach in Mitleidenschaft gezogen:
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1. Europäische Banken haben das Wirtschaftswunder in der Türkei mitfinanziert. Der Währungsverfall entwertet de facto ihre Kreditpositionen. Die Forderungen deutscher Banken gegenüber der türkischen Wirtschaft beliefen sich Ende des zweiten Quartals auf 21 Milliarden Euro. Französische Banken haben doppelt so hohe Ausstände in der Türkei, spanische Geldinstitute viermal höhere als die deutschen. Aus der türkischen Währungskrise könnte schnell eine europäische Bankenkrise werden. Die EU-Administration in Brüssel hat beim Internationalen Währungsfonds in Washington schon nach einem Termin für ein Krisentreffen gefragt.
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2. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt sind die Ereignisse in der Türkei auf die europäischen Wertpapiermärkte übergesprungen. In ganz Europa verlieren die betroffenen Geldhäuser an Wert, was wiederum den Gesamtmarkt in den kommenden Wochen beeinflussen dürfte. Nach einem neun Jahre anhaltenden Börsenboom sind die Hände der europäischen Investoren zittrig geworden.

3. Für die realen Wirtschaftsbeziehungen besteht ebenfalls Ansteckungsgefahr. Zwar exportiert Deutschland in die Türkei Waren im Wert von nur 21 Milliarden Euro, fünfmal weniger als in die USA. Dennoch: Nach dem Rückzug aus Iran und Russland, einem unsicher gewordenen Großbritannien und China-Geschäft, ist die Welt für Deutschlands Exporteure erneut geschrumpft. Als Standort für Direktinvestitionen kommt die Türkei nur noch für Hasardeure in Betracht.
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4. Politisch rasen zwei Lokomotiven auf einander zu. Auf der einen sitzt Erdoğan, auf der anderen Trump. Erdoğan droht den USA damit, das westliche Bündnis zu verlassen und sich noch inniger seinen muslimischen Freunden in Nahost zu verschreiben. Trump ist nicht schreckhaft. Er hat Spaß an einem Konflikt, der für ihn ökonomisch unbedeutend ist. Am Wochenende legte er auf seiner Lokomotive noch Kohlen nach, indem er twitterte: „Habe soeben die Verdoppelung der Zölle für Stahl und Aluminium autorisiert.“
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5. Für die europäische Union und insbesondere für Merkel ist die Krise brandgefährlich. Denn die Ironie der Geschichte will es, dass Erdoğan und Merkel noch nie so eng aufeinander angewiesen waren wie heute. Der Grund für die rückläufigen Flüchtlingszahlen in Deutschland sind nicht Seehofers Ankerzentren, sondern ist der Türkei-Deal, der dem Land Milliarden beschert. Dafür betätigt sich Erdoğan als Türsteher der EU. Öffnete er die Türen, geriete vieles ins Rutschen – womöglich auch Merkels Kanzlerschaft.
 
Apropos Merkel: Nach einigen Tagen des absichtsvollen Verschollen-Seins meldet sich die Bundeskanzlerin zurück zum Dienst. Morgen stellt sie sich im thüringischen Jena einem Bürger-Dialog. Für sie wird es der erste Stimmungstest nach dem Sommer-Theater, welches, Sie erinnern sich, der Regie des berühmten Münchner Dramaturgen Horst Seehofer folgte, bis es ihm entglitt.

Was gibt es sonst noch in dieser Woche?

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Die Welt der Wirtschaft schaut am Donnerstag nach Düsseldorf, wo der Vorstandsvorsitzende der Henkel AG, der Belgier Hans Van Bylen, seine Quartalszahlen vorstellen wird. Nach den von Investoren und Henkel-Familie als märchenhaft empfundenen Jahren des Vorgängers Kasper Rørsted, der jetzt bei Adidas wirkt, muss „der Hans“, wie sie den freundlichen Ex-Marketingmanager nennen, zeigen was er kann.
 
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Die Welt der Literatur schaut in dieser Woche nach Frankfurt. Aus 165 eingereichten Romanen wählt eine Gruppe handverlesener Juroren die ihrer Ansicht nach 20 besten Bücher für die Longlist aus. Daraus werden dann später 6 Titel für die Shortlist. Das Grande Finale erleben wir am 8. Oktober, wenn der Deutsche Buchpreis feierlich vergeben wird.
 
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Mögen die Juroren mit jener Demut ihre Arbeit verrichten, zu der Kolumbiens großer Denker Nicolás Gómez Dávila allen Literaturkritikern riet: „Die Zuerkennung von Preisen an mittelmäßige Schriftsteller ist lächerlich, an große Schriftsteller unverschämt.“

Ich wünsche Ihnen trotz der krisenhaften Zuspitzung allerorten einen selbstbewussten Start in den Tag. Auch das hat der Kolumbianer gesagt, dessen Werk mir am Wochenende in die Hände fiel: „Der Mensch reift, wenn er aufhört zu glauben, dass die Politik seine Probleme löst.“

Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor