Audi-Chef verstummt +++ Seehofer zappelt +++
 
DAS MORNING BRIEFING
19.07.2018
 
…
Guten Morgen,
Wer Dan Coats als Deutschland-Botschafter von Präsident George W. Bush erlebt hat, der weiß: Dieser Mann, knorrig und konservativ, steht für sein Land. Right or wrong, my country. Ich erinnere mich an ein Abendessen, bei dem ich wie eine menschliche Pufferzone zwischen Coats und dem damaligen Außenminister Joschka Fischer platziert wurde. Der Irakfeldzug hatte die beiden entzweit. Es war ein schwieriger Abend, weil es mir nicht gelang, ein gemeinsames Gespräch in Gang zu bringen. „Mit diesem Mann reden Sie etwa?“, knurrte mich Fischer an. Coats zischte zurück: „Who‘s that man?“ Zum Abschied verweigerten beide einander den Handschlag.

Dieser Dan Coats, der mittlerweile von Bush auf Trump umgesattelt hat und seinem Land nun als Koordinator aller US-Geheimdienste dient, muss in diesen Tagen erleben, dass seine Loyalität zur Obrigkeit erstmals nicht erwidert wird. Der Präsident glaubt Putin, nicht Coats. Trump sagte heute Nacht, Russland habe „nicht mehr aktiv die USA im Visier“. Coats aber bleibt dabei: „Jeden Tag dringen ausländische Akteure – am Schlimmsten Russland, China, Iran und Nordkorea – in unsere digitale Infrastruktur ein und führen eine Reihe von Cyberangriffen auf Ziele in den Vereinigten Staaten durch.“
…
Trump muss aufpassen. Irgendwann hat er einen Gegner zuviel. Der gefeuerte FBI-Direktor James Comey, der attackierte Sonderermittler Robert Mueller und jetzt die Kraftprobe mit Coats. Wenn es denn einen Deep State gibt, eine ewige Staatlichkeit, dann ist es der Sicherheitsapparat der USA. Hier regieren nicht die Parteien, sondern der Korpsgeist. Hier gilt die Fahne mehr als der Präsident. Dieser Hund beißt ohne zu bellen. Und er beißt nicht in die Wade, sondern am liebsten in die Kehle.
 
…
Chinas Präsident Xi Jinping tourt derweil durch den Nahen Osten und besucht auch etliche afrikanische Länder. China braucht Rohstoffe und neue Verbündete. Die Arbeitsteilung zwischen China und Amerika funktioniert derzeit wie folgt: Die bisherigen Handelspartner werden von den USA brüskiert und von Peking umschmeichelt. Amerika sucht den eigenen Vorteil, China findet ihn.
 
…
Die Investoren an der Wall Street waren heute Nacht wieder optimistisch gestimmt: Dow Jones plus 0,32 Prozent, S&P 500 plus 0,22 Prozent. Wobei die Zuversicht nicht im Bauchgefühl von Spekulanten, sondern in den guten Zahlen von Firmen begründet ist. United Airlines und Morgan Stanley legten heute Nacht tadellose Zahlen vor. In der Berichtssaison zum zweiten Quartal haben bislang 41 Unternehmen aus dem S&P 500 ihre Rechenwerke präsentiert. 88 Prozent von ihnen übertrafen die Gewinnprognosen. Der gemäßigte Börsenboom, den wir derzeit erleben, ist der ehrlichste Börsenboom seit Langem.
 
 
…
Der in München inhaftierte Audi-Chef Rupert Stadler ist verstummt. Das berichtet das heutige „Handelsblatt” exklusiv. Zu Beginn seiner Haftzeit hatte Stadler noch geglaubt, durch Gesprächigkeit gegenüber der Staatsanwaltschaft könne er seine Freiheit zurückgewinnen. Diese Rechnung ging bisher nicht auf. Stadler sitzt und sitzt und sitzt. Daher habe er sich entschieden, vorerst nicht weiter auszusagen, so Oberstaatsanwältin Andrea Mayer gegenüber der Wirtschaftszeitung. Eine Rückkehr Stadlers auf den Chefposten bei Audi ist nicht mehr fraglich, sondern ausgeschlossen.
 
…
Quicklebendig präsentierte sich im britischen Unterhaus der gerade erst zurückgetretene Außenminister Boris Johnson. Er attackierte erneut die Premierministerin und ihren Kurs eines sanften Brexits: „Wir wählen freiwillig die ökonomische Vasallenschaft“, sagte Johnson. Es ginge jetzt darum, den Brexit zu retten. Die Rede war als Rücktrittserklärung angekündigt – und klang doch wie eine Antrittsrede. Der Gärungsprozess der britischen Konservativen ist erkennbar nicht zu Ende. Die Hefe treibt noch.
 
…
Apropos Treiben: In der CSU tobt weiter der Machtkampf. Nach dem gescheiterten Sturz der Kanzlerin und noch vor dem vom ARD-Bayerntrend (siehe Grafik) vorhergesagten Verlust der absoluten Mehrheit bei der bayerischen Landtagswahl am 14. Oktober werden Schuldige gesucht. Söder stichelt, Seehofer zappelt, Merkel genießt.
…
Im Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“, das heute morgen erscheint, erwehrt sich der CSU-Chef und Innenminister Seehofer seiner Haut und keilt in Richtung Söder zurück. Der Ministerpräsident könne doch „CSU pur“ umsetzen, denn er stütze sich auf eine absolute Mehrheit, „die wir 2013 unter meiner Führung geholt haben“. Seehofer bewies auch Humor. Als ihn während des Interviews eine Medienanfrage erreichte, ob es richtig sei, dass er einen Schlaganfall erlitten habe, antwortete er im Beisein der Redakteure unverzüglich: „Nein, bin schon verstorben.“

Ich wünsche Ihnen ebenfalls einen humorvollen Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor