US-Börsen optimistisch / Apple will Autokonzern werden
 
DAS MORNING BRIEFING
12.07.2018
 
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Guten Morgen,
man kann Donald Trump vieles nachsagen, aber nicht mangelnde Klarheit. Er will – das wurde beim Nato-Gipfel deutlich – das westliche Verteidigungsbündnis nicht sprengen, aber transformieren. Der gute Zweck – die gemeinsame Verteidigung – heiligt für ihn nicht mehr das Mittel einer expansiven amerikanischen Budgetpolitik. In Trumps Kopf steckt das Sternenbanner; in seinem Portemonnaie ein Igel. Klaus-Dieter Frankenberger, der große Amerika-Kenner der „FAZ“, stellt  in der heutigen Ausgabe ernüchtert fest: „Transatlantische Feldgottesdienste werden nicht mehr gefeiert.“ Die Trump-Fans zu Hause sind genau deshalb aus dem Häuschen. „Breitbart News“ schlagzeilt heute Morgen: „Trump Rocks Nato.“
 
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Trump betrachtet das Verhältnis zu Merkel und Deutschland nicht als Liebesheirat, sondern als Zweckehe. Deshalb erwartet der US-Präsident von der wohlhabendsten europäischen Nation, dass sie a) ihre Verteidigungsausgaben steigert, b) ihre Bestellungen bei den US-Rüstungskonzernen erhöht, und c) russische Energielieferungen durch amerikanisches Schiefergas ersetzt. Trump hat seinen Wählern exakt das versprochen. Nicht Deutschland First. Nicht Nato First. Und auch nicht Diplomatie First. Die Trump’schen Sprüche fand die deutsche Regierung mit Blick auf die opportunistischen Notwendigkeiten jedweder Wahlkampfführung noch in Ordnung. Was man Trump vorwirft, ist die Ungehörigkeit, seine Versprechen auch einlösen zu wollen. Das findet man im Kanzleramt ungewöhnlich, unklug, unpolitisch, oder in einem Wort gesagt: populistisch.

Schwer wiegt das vorsätzliche Nichtverstehen der US-Position durch das Auswärtige Amt und die außenpolitische Abteilung im Kanzleramt. Ständig ist man überrascht, entsetzt und angewidert. Die Kanzlerin wird auch deshalb permanent auf dem falschen Fuß erwischt. Die Eigenständigkeit Europas, von der sie auch gestern wieder sprach, ist ein Schlagwort ohne Strategie geblieben. Man hat das Gefühl, die Diplomaten, die der Kanzlerin zuarbeiten, wollen die neue Wirklichkeit interpretieren, aber nicht verändern. Sie erinnern fatal an den Helden in Botho Strauß’ „Der Fortführer“: „Er legte abends den Kopf auf ein vielmals verschlungenes Seil und horchte durch alle Knoten hindurch, ohne sie je lösen zu wollen.“ So fehlt Deutschland bis heute eine strategische Antwort auf Trump. Das wiederum ist ungewöhnlich, unklug und unpolitisch.
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Der US-Präsident wird heute noch nach London weiterreisen, um nach dem WM-Aus für England Tröstungsarbeit zu leisten. Es ist sein erster Staatsbesuch in Großbritannien. Abends gibt’s ein Festessen mit Theresa May und 120 Geschäftsleuten des Landes an einem aus Sicherheitsgründen noch geheim gehaltenen Ort. Am Freitag folgt dann eine Begegnung mit der Queen. Spätestens hier werden jene Bilder produziert, die im US-Wahlkampf von der politischen Größe und der historischen Bedeutsamkeit des Präsidenten künden. Die Amerikaner hassen und bewundern die Monarchie. Ihr Buckingham-Palast heißt Weißes Haus. Der Präsident ist ihr Ersatzmonarch.
 
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Nach dem Selbstmord eines Afghanen in Kabul, den das Innenministerium erst kürzlich hat dorthin abschieben lassen, ist Horst Seehofer ins Fadenkreuz seiner Kritiker geraten. Sie spüren, was alle spüren: Der CSU-Chef ist schwer angeschlagen. Seit er den Machtkampf mit der Kanzlerin gewagt und verloren hat, liegt seine Zukunft hinter ihm. Mittlerweile wirkt die Rücktrittsdrohung von einst als Rücktrittsforderung auf ihn zurück. Auch die bedeutendste Tageszeitung in Bayern, die „Süddeutsche Zeitung“, legt Seehofer heute den Rückzug nahe, was den Wahlkampf der CSU schwer belastet. Kommentator Bernd Kastner: „Seehofer täte sich und dem Land einen großen Gefallen, wenn er ginge. Von sich aus.“
 
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Im Vorfeld der Berichtssaison dominiert der beginnende Handelskrieg mit China die Stimmung an der Wall Street. Der Dow Jones notierte 0,9 Prozent tiefer und schloss bei 24.700 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 gab um 0,7 Prozent auf 2.774 Zähler nach. Auch der Index der Technologiebörse Nasdaq konnte das Vortagesniveau nicht halten. Die Analysten erwarten in den kommenden Tagen einen Reigen positiver Unternehmenskennziffern. Am Freitag legen die Großbanken JP Morgan Chase, Wells Fargo und Citigroup ihre Zwischenbilanzen vor. Das Analysehaus Keefe, Bruyette & Woods prognostiziert für die US-Banken im zweiten Quartal ein eher schwaches Wachstum im Kreditgeschäft von 2,8 Prozent. Dennoch erwarten die Analysten solide Zahlen. Die Fundamentaldaten des Finanzsektors werden für überdurchschnittliche Ergebnisse sorgen, wenn die geopolitischen Risiken verschwinden. Für die Deutsche Bank bedeutet das: Schlechte Zahlen sind kein Schicksal, sondern eigene Schuld.
 
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Eine Nachricht, die auf den Vorstandsetagen von BMW, Volkswagen, Audi und Mercedes für gespitzte Ohren sorgen dürfte: Das geheimnisumwitterte Apple-Projekt zum Thema selbstfahrende Autos ist deutlich größer dimensioniert, als man es bisher annahm. Im Zuge einer FBI-Ermittlung kam jetzt heraus, dass rund 5.000 Apple-Mitarbeiter an dem Roboterauto der Zukunft arbeiten. Mehrere Dutzend Testwagen seien in Kalifornien angemeldet. Eigene Chips für die Roboterwagen-Systeme würden entwickelt. Apple will offenbar nicht nur die Kommunikation revolutionieren, sondern auch den Transport. Alle, die den Niedergang der Firma prognostiziert hatten, dürften sich als widerlegt betrachten: Steve Jobs ist verstorben, seine Leidenschaft lebt. Besessenheit ist offenbar doch vererbbar.
 
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Es gibt Tage, da hat man das Gefühl, wir sind die Statisten in einem Science-Fiction-Film. So gibt es jetzt den Prototypen eines neuen Transportgeräts, das aussieht wie eine moderne Eisenbahn – bis es abnehmbare Flügel montiert bekommt und abhebt. Der Vorteil: Passagiere werden in den Innenstädten abgeholt und nicht mehr in die Randzonen der Zivilisation geflogen. Der fliegende Zug ist eine Erfindung des französischen Unternehmens Akka und wird derzeit als Konzept dem Luftfahrtkonzern Boeing angeboten, wie „Bloomberg“ heute Nacht berichtet. „Nachdem Autos elektrisch betrieben werden und alleine fahren, wird die nächste große Disruption in der Luftfahrtindustrie stattfinden,” sagt Akka-Chef Maurice Ricci. Schade ist nur, dass die traditionellen Bahnunternehmen von jeglicher Disruption bislang ausgenommen waren. Dort scheint man schlechten Kaffee, mittelprächtigen Service und Funklöcher zu konservieren. 

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den Donnerstag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor