Koalitionsausschuss ohne Ergebnis / Schulden auf Rekordhöhe / Das Börsenzittern
 
DAS MORNING BRIEFING
27.06.2018
 
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Guten Morgen,
Donald Trump weiß, wie man die Welt in Aufregung versetzt. Ständig hält er die Streichhölzer in der Hand. Erkennbar sucht der Mann die Auseinandersetzung, erst mit Europa und jetzt mit der Volksrepublik China. Chinesische Produkte im Wert von rund 50 Milliarden Dollar sollen mit hohen Schutzzöllen belegt werden. Beim Chinesen kauft man nicht.
 
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Staatspräsident Xi Jinping hat gelernt, Trump zu lesen – und entsprechend zu reagieren. Laut „Wall Street Journal“ sagte er vor den Chefs multinationaler Konzerne: „Im Westen gibt es die Neigung, die rechte Backe hinzuhalten, wenn jemand auf die linke geschlagen hat. In unserer Kultur schlagen wir zurück.“ Das klang nicht nach Konfuzius, sondern nach Karate Kid.
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Ein gefährliches Wettdrohen ist in Gange gekommen, auf das der Berliner Koalitionsausschuss (der bis kurz nach Mitternacht im Kanzleramt tagte) mit Sprachlosigkeit und die Börsen mit Nervosität reagieren. Der Leitindex Shanghai Composite verlor seit dem Jahreshoch im Januar mehr als 20 Prozent, der Dow Jones knapp neun Prozent. Ohne Not riskiert Trump einen Handelskrieg, der den Wohlstand der Völker bedroht. Ohnehin ist der Zustand der Globalwirtschaft von Labilität geprägt:
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Die weltweite Staatsverschuldung hat sich seit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise exzessiv nach oben entwickelt und liegt nun bei 170 Billionen Dollar. Als Reaktion auf eine Weltschuldenkrise, die in Amerika mit Immobilienkäufen auf Pump begann, wurden die Schulden erhöht – plus 100 Prozent. Der Aufschwung, dessen Früchte wir seither genießen, ist der beste Aufschwung, den man für Geld kaufen kann.
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Die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen der Staaten zeigen die Stärke Chinas und die Verwundbarkeit der USA. Trumpland ist auf den Außenhandelsmärkten nicht großartig, sondern importsüchtig.
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Der Unternehmenssektor arbeitet mit Aufputschmitteln. Laut CNN müssen US-Unternehmen bis zum Jahr 2022 etwa 4,4 Billionen Dollar zurückzahlen. Die Gelder flossen in erheblichem Umfang in die Pflege, um nicht zu sagen Manipulation der Aktienkurse. Anders als es uns Marx mit seinem historischen Materialismus gelehrt hat, bestimmt seither der Schein das Sein. Oder anders gesagt: Amerika halluziniert.
 
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Man kann Trumps notorische Streitlust, die permanente Überreiztheit als albern, als wenig ergiebig und sogar als unpolitisch empfinden. Aber mit dem gleichen Recht kann man diese Energie auch als gefährlich einstufen. Stefan Zweig hat in seinem Generationenportrait „Die Welt von gestern“ das Hineinstolpern in den Ersten Weltkrieg präzise beschrieben, die aufgekratzte nationalistische Stimmung, die Ahnungslosigkeit der Eliten, die Kettenreaktion der Ereignisse, die vor etwas mehr als hundert Jahren keiner geplant und jeder befördert hat.

Zweig spricht vom „Aufpeitschungsdienst“ der Schriftsteller und Journalisten, beschreibt die Klänge der „Hasstrommel“, die aller Orten geschlagen wurde. Unwillkürlich muss man an Trump, Bannon und deren Anhänger denken, wenn Stefan Zweig eine „Entzündung der Seele” diagnostiziert und jene „unbändige Lust, Gefühle und Ideen noch ganz heiß aus sich herauszustoßen“. Wo war das Bürgertum? Zweig sagt: „Wir täuschten uns alle in unserer Gutgläubigkeit und verwechselten unsere persönliche Bereitschaft mit jener der Welt.“

Heute wie damals hat der Stimmungsumschwung, der in den Gegenwartsdebatten um Migration und Protektionismus sich niederschlägt, seinen Ursprung nicht in den Regierungsstuben, sondern in der Gesellschaft, von wo er auf die Regierungen zurückwirkt. Eine „Internationale der Nationalisten“ hat sich formiert, schreibt die „Financial Times“, die ihre Kraft aus den unterirdischen Quellen des Volkes bezieht. Nochmal Stefan Zweig:

„Das übelste Gerücht verwandelte sich sofort in Wahrheit. Die absurdeste Verleumdung wurde geglaubt. Die Massen, die stillschweigend und gefügig der liberalen Bürgerschaft durch Jahrzehnte die Herrschaft gelassen, wurden plötzlich unruhig, organisierten sich und verlangten ihr eigenes Recht. Das neue Jahrhundert wollte eine neue Ordnung, eine neue Zeit.
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Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Doch wir sollten nicht so tun, als durchlaufe die westliche Gesellschaft zum ersten Mal eine solche Transformation. Das Heraufsetzen von Zöllen geht mit der Herabsetzung von Menschen einher. Auf dem Schlachtfeld der Globalisierung wird der große Stellvertreterkrieg vorbereitet. Wir gegen die, er gegen uns. Wobei Donald Trump nicht der Vater der Verhältnisse ist, sondern das Kind seiner Zeit. Vielleicht bewegen wir uns gar nicht in der Moderne, wie wir eben noch glaubten, sondern leben bereits in der Welt von gestern.

Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Start in den neuen Tag, herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor