DIW-Chef Marcel Fratzscher im Interview | Linde plc als Börsenstar

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
06.08.2019
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Guten Morgen,
Donald Trump, Clemens Tönnies und Björn Höcke sind Brüder im Geiste, was hier nicht als Polemik verstanden werden soll. Sie haben deutlicher und früher als andere ein gesellschaftliches Problem als solches erkannt – die Migration und ihre Folgen für die bisherige Normalität des Westens.

Der Fleischfabrikant Tönnies wollte mit dieser Erkenntnis nur Applaus einheimsen. Die anderen beiden streben nach Macht, der eine nach ihrem Aufbau, der andere nach ihrer Befestigung.

Dafür aber müssen sie – und das ist die Schattenseite ihrer Erkenntnis – permanent für Vergrößerung und Vergröberung sorgen, um das Thema auf Platz 1 der Angst-Charts halten zu können. Jedes Abrutschen des Wahlkampfschlagers Migration gegenüber Klimawandel, Mietenexplosion, Digitalisierungsangst und Konjunktursorgen wirkt sich auf die Interpreten negativ aus. Deshalb wird die Tonlage ständig erhöht.
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Die sie umgebende politische Klasse reagiert unterstützend, das heißt hysterisch. Man kümmert sich weiterhin nicht um die realen Probleme der Migration, dafür aber hingebungsvoll um die Tonalität der Kritiker. Tönnies soll als Schalke-Aufsichtsratschef abtreten. Und er wird das – nachdem heute die Ethik-Kommission seines Vereins getagt hat – womöglich auch tun. Falls nicht, droht eine Befassung durch das entsprechende Moral-Gremium des DFB.

Doch vielleicht sollten wir die morgendliche Stille für eine Minute der Einkehr nutzen. Es gibt drei gute Gründe, Alarmismus nicht mit Alarmismus zu beantworten, sondern mit Republikanischer Gelassenheit.

Erstens: Der linke Alarmismus verstärkt den rechten Alarmismus. Deshalb hat Tönnies Nachsicht und nicht Vergeltung verdient – und zwar schon aus taktischen Gründen. Sobald es in der öffentlichen Wahrnehmung zur Verschiebung der Prioritäten kommt, verliert das Lager der Rechtspopulisten an Relevanz.

Marine LePen musste nach der Parlamentswahl 2017 – entgegen der Prognose aller deutschen Medien – um den Erhalt des Fraktionsstatus für ihre Front National kämpfen.

Donald Trump verlor bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Repräsentantenhaus.

► Auch mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2020 kann sich Trump nicht in Sicherheit wiegen. Der einfühlsame Demokrat Joe Biden liegt im direkten Vergleich deutlich vorn (siehe Grafik).
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► Die Attacken auf das „Pack der vier linken Demokratinnen“ (Trump) elektrisiert nur die ohnehin Elektrisierten. Die anderen wenden sich ab, weshalb das sogenannte „Approval Rating“ des Präsidenten sinkt.
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Zweitens: Die ökonomischen Interessen der entwickelten Industriestaaten passen nicht zu den Parolen der Rechtspopulisten, weshalb eine Mehrheit der Deutschen und der Amerikaner nicht bereit sein dürfte, den Weg von der Migrationsfurcht zum Ausländerhass mitzugehen. Der internationale Handel ist – anders als in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts – der große Treiber für Jobwachstum und privaten Wohlstand. Nationalismus kommt für die Beschäftigten eines global tätigen Unternehmens, ob Dax oder Mittelstand, einer Selbstverletzung gleich.

Drittens: Ein Politiker, der die nationale Agenda in eine nationalistische zu verwandeln sucht, dürfte in den multikulturell verfassten Gesellschaften auf Schwierigkeiten stoßen. In den heutigen Einwanderergesellschaften kann die Identitätsfrage des Soziologen Samuel Huntington „Wer sind wir?“ nicht mehr eindeutig beantwortet werden: Wir sind sie und sie sind Teil des Wir.
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Höcke ist nicht der Beginn von etwas Großem, sondern bildet mit seinen Anhängern die Nachhut der Geschichte. Er profitiert von den Nachwirkungen der DDR, die eine große Konservierungsanstalt war. Nur in der Homogenität des Ostens – die in niedrigen Ausländerzahlen, minimalen Exportquoten (siehe Grafik) und fehlenden Konzernstrukturen ihren Ausdruck findet – kann seine Botschaft räsonieren. 

Auch Trump verliert mit seiner Kampagne für das reinrassige Amerika den Anschluss an die bunte Vielfalt der Wirklichkeiten. Die Quartiere der Latinos, der zugewanderten Asiaten, der einst verschleppten Afrikaner und nicht zuletzt das Amerika der Mischehen sind für ihn mittlerweile eine große No-Go-Area.

Fazit: Trump, Höcke und Tönnies fungieren als die Rauchmelder der Gegenwart. Sie sind nicht die Lösung, nur die Sirene. Wir sollten unseren eigenen Landsleuten alles zutrauen – auch Vernunft und Mitgefühl. Die meisten wissen und ahnen es: Die modernen Wohlstandsgesellschaften sind global oder gar nicht.
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Die Politik des billigen Geldes wurde an dieser Stelle oft kritisiert. Die Instabilität, die sie bekämpfen will, ruft sie erst hervor. Das ist die eine Meinung.

Prof. Marcel Fratzscher vertritt die andere. Er ist Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und war von 2008 bis 2013 Leiter der Abteilung International Policy Analysis bei der EZB in Frankfurt. Er hat unter EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seinem Nachfolger Mario Draghi gedient. Er meint, die EZB rettet Europa und kauft den Politikern Zeit.

Im Morning Briefing Podcast  führen wir das, was wir uns vorgenommen haben – eine respektvolle Debatte. Die Argumente sollen entscheiden, nicht die Lautstärke. Hier sind die Kernaussagen von Professor Fratzscher:
Die EZB hat Europa mehrmals vor der Krise gerettet und auch die wirtschaftliche Stärke, die wir heute in Deutschland haben, wäre ohne die EZB nicht möglich gewesen.“
Wenn man eine gemeinsame Währung einführt wie den Euro, heißt das: Sie tragen gemeinsam Verantwortung. Punkt. Und auch ohne gemeinsame Währung gilt: Wenn Italien in eine Rezession, in eine Krise abgleitet, dann merken wir das in Deutschland durch Handel, durch Direktinvestitionen und eben auch über den Euro. Eine gemeinsame Währung heißt Solidarität.“
Der Euro wird stärker werden, mehr Länder werden beitreten. Mit der Einführung des Bargeldes hatte er elf Mitglieder, heute sind es 19. Und viele Europäer wollen beitreten, weil der Euro wirklich eine Stärke ist.“
Die EZB tut, was sie tun kann. Aber die EZB allein kann es nicht leisten. Die Regierungen müssen ihre Reformen machen, also ihre Wirtschaft auf Vordermann bringen, sodass Unternehmen wieder investieren. Sie müssen auch gucken, dass die Staatsausgaben ordentlich gemanagt werden, dass es also keine Überschuldung gibt.”
Fazit: Eine Schlussfolgerung aus dieser Debatte muss jeder für sich selbst ziehen. Das Gespräch mit Prof. Marcel Fratzscher, dessen Langfassung Sie am Samstag in einem Sonderpodcast hören können, soll dieser Meinungsbildung behilflich sein. Danach sind Sie dran: Schreiben Sie mir unter [email protected].
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China hat im Handelskrieg gegen die USA die nächste Eskalationsstufe gezündet. Nach der Abwertung der Landeswährung Yuan auf ein Elf-Jahres-Tief und die Einstellung des Imports von US-Agrarprodukten erlebte die Wall Street am Montag einen heftigen Kursrutsch. Der Dow Jones fiel um 2,9 Prozent, der S&P 500 um drei Prozent, der Nasdaq büßte sogar 3,5 Prozent ein. 

Die Reaktion des US-Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten. Er sprach von „Währungsmanipulation“ und einem „schwerwiegenden Verstoß, der China im Laufe der Zeit noch erheblich schwächen wird“. Die bisherige Wahrheit dieses Handelskrieges: Amerika ist stark genug, den Chinesen weh zu tun. Die Chinesen aber sind selbstbewusst genug, dafür Schmerzensgeld zu verlangen.
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Was für eine Überraschung: Der aus der Linde AG und dem US-amerikanischen Konkurrenten Praxair hervorgegangene Konzern Linde plc will in diesem Jahr mehr erwirtschaften als bislang gedacht. Bei der gestrigen Bekanntgabe der Quartalszahlen schraubte Linde seine bereits im Mai angehobene Prognose noch einmal nach oben. Pro Aktie will der Gase-Konzern zwölf bis 16 Prozent mehr Gewinn produzieren als im Vorjahr.
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Schon die gestrigen Zahlen, die Konzernchef Steve Angel der Öffentlichkeit präsentierte, waren beeindruckend: Zwar stagnierte der Quartalsumsatz mit 7,2 Milliarden Dollar auf Vorjahresniveau, der um die Fusionskosten und Sondereffekte bereinigte Betriebsgewinn aber kletterte um sechs Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar – mehr als die Analysten prognostiziert hatten. 

Das Wertpapier, für das CEO Angel und sein Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle die Verantwortung tragen, schwamm gestern mal wieder gegen den Strom. Alle großen Aktienindizies drehten ins Minus. Linde drehte auf. So sehen Vorbilder aus.
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Falls Sie einen neuen Job suchen: Werden Sie doch einfach Parteichef der SPD. Und wenn Sie gerne mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner zusammenarbeiten, dann bewerben Sie sich am besten gemeinsam. Duos werden bevorzugt!

Einer, der sich jetzt als politischer Single zu einer Bewerbung entschloss, heißt Robert Maier. Der 39-Jährige hat das Shopping-Portal Ladenzeile.de gegründet und dann verkauft. Heute ist er vermögend, beteiligt sich weiter an Start-ups und ist Vize-Vorsitzender des SPD-Wirtschaftsforums. Seine Mutter heißt auch Maier, Ingrid Matthäus-Maier, ehemals FDP!

Kurz und gut: Wenn Sie Robert Maier kennenlernen möchten, können Sie im Morning Briefing Podcast  hören, was der Mann zu sagen hat. Dann erfahren Sie, warum er Otto Schily mehr schätzt als Ralf Stegner. Wieso er die Flüchtlingsfrage für wichtig, aber nicht für zentral hält. Und warum er die Tonalität der SPD gerne ändern würde:
Ich will, dass die SPD wieder eine Partei wird, die Zukunftsoptimismus ausstrahlt.“
Ich wünsche ihm bei dieser Mission allen erdenklichen Erfolg und uns allen einen optimistischen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor