Autoaktien kommen / Der Aufschwung bleibt
 
DAS MORNING BRIEFING
06.07.2018
 
…
Guten Morgen,
heute Morgen gegen zwei Uhr ist der Taucher Samarn Unan, ein ehemaliges Mitglied der thailändischen Navy, in der Tham-Luang-Höhle gestorben. Der Retter, der Sauerstoff für die zwölf Jungs und ihren Trainer in das Höhlensystem einbringen sollte, ist mutmaßlich beim Tauchen erstickt. Damit wird auch die Rettung der Jungs immer unwahrscheinlicher. Es dauert nach Auskunft von Experten fünf Stunden, um dem unterirdischen und komplett finsteren Höhlensystem zu entkommen. Einige der Jungs können nicht schwimmen. Alle Jungs sind durch fehlende Lebensmittel enorm geschwächt. Das Mitgefühl von Millionen Menschen begleitet die Eingeschlossenen. Die hier zum Ausdruck kommende internationale Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.
 
…
Gegrummelt hatte es im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp schon länger. Gestern schlug im Zimmer des Vorstandsvorsitzenden der Blitz ein. Der menschlich angenehme, aber wirtschaftlich nur mäßig erfolgreiche Heinrich Hiesinger bat die Kontrolleure darum, ihn der Verantwortung zu entbinden.
…
Vorausgegangen war eine spürbare Ernüchterung im Kontrollgremium: Nicht nur die angelsächsisch geprägten Investoren, sondern auch der Ex-Telekom-Vorstandsvorsitzende René Obermann und die deutsche HSBC-Chefin Carola von Schmettow hatten Hiesinger das Vertrauen entzogen. Unter Hiesinger wurde vieles anders, aber nicht alles besser. Den Auftrag, die einst stolzen Stahlikonen Thyssen und Krupp zu reanimieren, konnte er nicht erfüllen. Vielleicht kann diesen Auftrag niemand erfüllen. Die deutsche Ruhrindustrie befindet sich seit längerem schon im Koma. Und keiner traut sich, die Geräte abzuschalten.
 
…
Innenminister Horst Seehofer zeigte sich gestern hochzufrieden mit dem Asylkompromiss: „Das ist alles von A bis Z so, wie man sich das als zuständiger Minister wünscht.“ Damit verdrängt er die Tatsache, dass seine Kernforderungen nach robuster Sicherung der deutsch-österreichischen Grenze und einseitiger Zurückweisung von bereits registrierten Asylbewerbern unerfüllt bleiben werden. Seehofer ist der Verlierer, der sich dem Wahlvolk als Gewinner präsentiert. Das Gnadenbrot der Kanzlerin versucht er im bayrischen Wahlkampf als Delikatesse zu verkaufen. Der Mann hat Niccolò Machiavelli nicht nur gelesen, sondern auch verstanden: „Man soll nie versuchen, durch Gewalt zu siegen, wenn man es auch durch Betrug vermag.“
 
…
Da aller Schwindel als Metaphernschwindel beginnt, wird in Berlin heftig um Worte gerungen. Nachdem die Hotspots für Flüchtlinge zuletzt in Transferzentren umbenannt wurden, regt sich auch dagegen Widerstand. In der „Welt“ beschreibt Bestsellerautor Robin Alexander das Parlament als große Vernebelungsmaschine: „Da die Grünen zu ihrem eigenen Ärger die Kanzlerin weiter nur aus der Opposition unterstützen dürfen, müssen sie routiniert vor ‚Abschottung‘ und der ‚Festung Europa‘ warnen. Sonst hätte die Ökopartei einen Begriff vorschlagen können, der alle glücklich gemacht hätte: ‚Willkommenszentren‘.“
 
…
Durchatmen in der deutschen Autoindustrie: Das Angebot der Amerikaner, auf beiden Seiten des Atlantiks die Einfuhrzölle auf Autos zu streichen, nährt die Zuversicht, dass ein Handelskrieg abgewendet werden kann. Die Autoaktien machten gestern in Frankfurt einen Freudensprung von zum Teil über fünf Prozent. Sie rissen auch den Dow-Jones-Index der Standardwerte aus der Lethargie und selbst der breiter gefasste S&P 500 gewann schließlich 0,9 Prozent hinzu. Nicht zum ersten Mal beeindruckt Trump die Investoren. Auf dem Börsenparkett hasst man zwar seine dogmatischen Aussagen zur Handelspolitik, aber man liebt seine Fähigkeit, das eigene Geschwätz zu ignorieren.
 
Die Auftragseingänge in Deutschland sind zum ersten Mal seit vier Monaten wieder gestiegen. Entgegen aller Erwartungen sogar um stolze 2,4 Prozent. Vor allem im Euro-Raum wird wieder stärker expandiert und investiert. Das Risiko einer unmittelbar bevorstehenden Abkühlung der Konjunktur scheint damit gebannt. Kassandra muss vor dem Stadttor bleiben.
…
Selbst die Inflation, die wieder in Gang gekommen ist und über dem Zielkorridor der europäischen Zentralbank von zwei Prozent liegt, muss uns derzeit nicht sorgen. Denn die Zahl ist das eine, die Reaktion der Verbraucher das andere. Und die reagieren besonnen, ziehen keineswegs größere Anschaffungen vor. Die Angst vor Preisanstieg ist nicht ihre Angst, zumindest nicht derzeit. In einer gründlichen Analyse der Wechselwirkungen von Fakten und Gefühlen, von Tatsachen und Erwartungen kommt die heutige „Süddeutsche Zeitung“ zu dem Schluss: „Die antrainierte Gelassenheit der Konsumenten wirkt als Gegengewicht zur Inflation.“ Oder anders gesagt: Zukunft wird aus Zuversicht gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Gelassenheit. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor