Autobosse kooperieren | US-Verteidigungsminister geht
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
21.12.2018
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dpa
Guten Morgen,
das ökonomische Großereignis der Deutschland AG im Jahr 2018 war der Absturz der Bayer AG. Das einst wertvollste deutsche Unternehmen verlor an den Weltbörsen rund 30 Prozent seines Wertes, also um die 30 Milliarden Euro.Der Grund: Die größte Firmenübernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte, der Kauf des US-Saatgutherstellers Monsanto, brachte kaum Synergien, dafür Rechtsrisiken, Reputationsschäden und aufgrund des hohen Kaufpreises eine Verschuldung von über 35 Milliarden Euro.
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Der Stratege hinter dem Deal ist der Ex-Finanzvorstand und heutige Vorstandschef der Bayer AG, Werner Baumann. Über ihn habe ich am 6. Dezember an dieser Stelle geschrieben:
„Was aussah wie eine Investition, war in Wahrheit eine Spekulation. Bayer benötigt an der Spitze wieder einen Unternehmer, keinen Spieler. Zumal der glücklose Amtsinhaber mittlerweile ohne Jetons an seinem Schreibtisch sitzt.“
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Doch Baumann wäre nicht Baumann, würde er sich daraufhin in seinem Vorstandszimmer verschanzen. Beherzt griff er zum Hörer, nicht um den Kritiker zu kritisieren, sondern um ihm ein Gespräch anzubieten: „Sie haben Ihre Argumente. Ich habe meine. Lassen Sie uns in den Austausch gehen.“
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Gestern haben wir uns in Berlin-Mitte getroffen. Baumann erschien im schwarzen Rolli und in a good fighting spirit, wie die Amerikaner sagen würden: „Ich dachte, ich komm' ohne Krawatte“, eröffnete er. Und schob augenzwinkernd hinterher: „Ich war mir nicht sicher, ob Sie eine besitzen.“
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Im Interview für den gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast  ging es dann hart, aber nicht unfair zur Sache: War die Firma Monsanto, die einst für die US-Armee das im Vietnamkrieg eingesetzte Entlaubungsgift Agent Orange produzierte, womöglich ein Fehlkauf? Lassen Sie die Schicksale der krebskranken Glyphosat-Opfer wirklich unberührt? Warum müssen jetzt 12.000 Mitarbeiter gehen, obwohl ihre Jobs rentabel sind? Wie lautet Ihre Vision? Springen Sie zuweilen Selbstzweifel an? Im heutigen Podcast erfahren Sie, warum Baumann den Aktienverfall für eine Überreaktion und Glyphosat für ungefährlich hält. Hier sind seine Kernaussagen:
„Der Kursverfall hat mit dem inneren Wert des Unternehmens wenig zu tun.“
„Das finanzielle Prozessrisiko im Zusammenhang mit Glyphosat ist deutlich geringer als der Kursabschlag.“
„Unsere Produkt-Pipeline könnte stärker sein.“
„4.000 von den 12.000 Stellen sind alleine aufgrund der Akquisition von Monsanto betroffen. Wir haben ein börsennotiertes Unternehmen übernommen und damit zwei Infrastrukturen, von denen wir nur eine brauchen.“
Fazit: Man muss die Argumente von Werner Baumann nicht teilen, aber man sollte sie kennen. Er ist derzeit nicht der erfolgreichste, aber der tapferste deutsche CEO.
Die positive Nachricht zum Jahresende kommt aus dem Herzen der deutschen Automobilindustrie: Die Rivalen Daimler und BMW wollen sich bei der Entwicklung von selbstfahrenden Autos verbünden. Neben der gemeinsamen Entwicklung von Elektroantrieben, Batterien und der Fusion der beiden Carsharing-Dienste Car2go und DriveNow prüfen die Rivalen eine noch engere Partnerschaft. Wer nicht als Kolonie des Silicon Valley enden will, muss alte Rivalitäten im Inland überwinden. Oder wie die Chinesen sagen würden: Die Hand, die du nicht abhacken kannst, sollst du schütteln.
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dpa
Der Konzernumbau bei Aldi Nord – lange Deutschlands größter Lebensmitteleinzelhändler – ist vorerst gescheitert. Bis Anfang 2019 wollte Aldi seine trostlosen Filialen für eine Milliarde Euro modernisieren und vier Milliarden Euro in neue Läden und Lager investieren. Jetzt steht Konzernchef Torsten Hufnagel vor der ernüchternden Bilanz seiner Strategie: Die Läden wurden besser, die Ergebnisse nicht. Erstmals in der mehr als 50-jährigen Unternehmensgeschichte schreibt Aldi Nord in Deutschland operativ rote Zahlen. Die Familie Albrecht wird es überleben. Der Blick in die „Forbes“-Liste der Reichen spendet Trost.
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dpa
Zur allgemeinen Verblüffung löst Donald Trump ein zentrales Wahlversprechen ein. Gegen den Rat des amerikanischen Sicherheitsapparates führt er Teile der im Ausland kämpfenden US-Armee zurück in die Heimat. Vor allem aus Syrien, aber auch aus Afghanistan wird abgerückt. Das erste Opfer des abrupten Schwenks war heute Nacht Pentagon-Chef James Mattis. Er trat zurück. Er wandte sich lakonisch an Trump: „Sie haben das Recht auf einen Verteidigungsminister, dessen Ansichten mehr auf einer Linie mit Ihren Ansichten sind.“
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Der Washington-Reporter des Morning Briefings, Ex-„Time“-Korrespondent Peter Ross Range, hält die Entscheidung Trumps für einen geostrategischen Fehler, der mehr Tote und mehr Terror bringen dürfte. Im Morning Briefing Podcast  sagt er:
„Der Iran wird das neue Machtvakuum mit Hisbollah-Kämpfern und wirtschaftlichem Einfluss füllen. Dies wird eine neue Rekrutierungswelle des Islamischen Staates auslösen, der noch immer über mindestens 20.000 kampfbereite Männer verfügt. Und Russland wird die stärkste Außenmacht in der Region werden.“
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dpa
Die Bundeswehr kann alles, nur nicht günstig. Die Sanierung des Segelschulschiffes „Gorch Fock“ der Bundesmarine sollte eigentlich zehn Millionen Euro kosten. Mittlerweile sind aber bereits 69,5 Millionen in das Projekt geflossen und das Schiff ist noch immer nicht zum Einsatz bereit. Die Frage, wofür moderne Streitkräfte überhaupt eine Dreimastbark brauchen, und das in Zeiten, wo die Truppen mit aus allen Kasernen zusammengeschnorrtem Material ins Nato-Manöver ziehen, ist so naheliegend, dass sie im Beisein der Ministerin nicht gestellt werden darf. Ein altes britisches Sprichwort kommt einem in den Sinn: „If you think it's expensive to hire a professional to do the job, wait until you hire an amateur.“
Ich wünsche Ihnen – im Namen des gesamten Morning Briefing-Teams aus leidenschaftlichen Journalisten, Researchern, Grafikern und Radio-Experten – geruhsame Weihnachtstage.
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Bleiben Sie uns gewogen. Ihre oft enthusiastische Zustimmung hat uns beflügelt. Wir legen jetzt eine kreative Pause ein und melden uns am 7. Januar wieder. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor