Saudi-Arabien verliert Handelspartner | Der Bilanz-Bluff
 
DAS MORNING BRIEFING
20.11.2018
 
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dpa
Guten Morgen,
die Unionsführung ist vom Vorstoß des Jens Spahn in Sachen UN-Migrationspakt genervt. Die Basis aber horcht auf. So viel Aufmüpfigkeit gab es in der autoritätsgläubigen CDU der Angela Merkel noch nie. Es lebe die innerparteiliche Demokratie! Mit Sachsen-Anhalt stellte sich sogar ein Landesverband an die Seite des bisherigen Außenseiters. Auch in Thüringen sucht man den Schulterschluss mit Spahn. Die CSU weiß er ebenfalls hinter sich. Jens Spahn ist der Bauchredner einer grummelnden Basis.
 
Alles richtig gemacht, sagt im Morning Briefing Podcast  der Politik-Stratege Béla Anda, der einst als Regierungssprecher für Bundeskanzler Gerhard Schröder arbeitete und im vergangenen Bundestagswahlkampf den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz beriet. Spahn gewinnt, sagt Anda, wenn schon nicht das Rennen, so doch an Profil: „Er hat ins Wespennest der Union gestochen.“

 

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Und wer wird neuer CDU-Vorsitzender? Anda sagt: „Vorne liegt gefühlt Annegret Kramp-Karrenbauer. Aber das wird nichts daran ändern, dass Friedrich Merz das Rennen gewinnt.“ Allerdings sei mit weiterem Gegenwind zu rechnen. Wenn es denn eine Lehre aus der Schlussphase der Kanzlerschaft Schröders zu beherzigen gelte, dann diese: „Stehen, wenn es hart wird. Den Mut zur Auseinandersetzung haben und sich auch auf Mitstreiter verlassen und nicht nur auf sich selbst.“
 
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Dem widerspricht der zweite Strategieexperte, den ich für den Morning Briefing Podcast  befragt habe. Michael Inacker, einst Kommunikationschef der Metro und heute Vorstandsvorsitzender der Kommunikationsberatung WMP Eurocom AG, sieht Merz klar hinten. Er vermisst die Angriffslust und das klare Profil: „Er müsste offensiver vorgehen.“ Inacker glaubt: „Friedrich Merz hat im Moment zuviel Angst und das blockiert ihn.“

Beide Strategen konstatieren allerdings, dass Merz gegen einen Gegner antritt, der auch für Profis nur schwer zu kalkulieren ist: den Zeitgeist. Der Kandidat doziert und teilt nicht so gern, sagt Anda. Auch Inacker wünscht sich einen Kandidaten, der die beschlipste Uniform verlässt und das Publikum überrascht. Inacker sagt: „Zu oberlehrerhaft.“ Anda ergänzt: „Merz funkelt noch nicht.“
 
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Die Bundesregierung hat sich gestern entschieden: In Zukunft sollen keine Waffen aus Deutschland mehr nach Saudi-Arabien exportiert werden. Damit stoppte man in Berlin alle zukünftigen Lieferungen und annullierte die Kontrakte, die bereits genehmigt, aber noch nicht vollzogen sind. Grundlage dafür ist ein CIA-Bericht über den Staatsmord an dem Journalisten Jamal Khashoggi. Demzufolge soll der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman den Mord persönlich angeordnet haben. Pressefreiheit gilt in Riad nicht als Recht, sondern als Ärgernis. Ein Prinz schreibt keine Leserbriefe. 



Die deutschen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien erhöhten sich nach dem Eintritt Saudi-Arabiens in den Jemen-Krieg signifikant. Allein in den ersten drei Quartalen 2018 wurden Exporte im Wert von 416 Millionen Euro (siehe Grafik) von deutschen Rüstungskonzernen genehmigt. Von dem Embargo ist vor allem die Bremer Lürssen-Gruppe betroffen, die mit dem Königreich zuletzt einen Deal über rund 50 Patrouillenboote im Wert von etwa 1,5 Milliarden Euro abgeschlossen hatte. Wir lernen: Ein Auftragsmord kostet doppelt, erst ein Menschenleben und dann viele Arbeitsplätze.
 
 
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imago
 
Die Brexit-Verhandlungen sind auf der „Zielgeraden“, was nicht automatisch heißt, dass die Unterhändler auch die Ziellinie erreichen. Die EU und Großbritannien wollen am Sonntag zwar ihren Brexit-Kompromiss absegnen. Fraglich aber ist, ob das britische Unterhaus und die zerstrittene Regierungskoalition möglicherweise dafür sorgen, dass Theresa May vorher die Puste ausgeht. Die Frau hat zwar einen eisernen Willen, aber kaum Gefolgschaft. Ihr Deal, der einen vorläufigen Verbleib Großbritanniens in der Zollunion vorsieht, bringt Freund und Feind auf die Palme. Unklar ist, ob sich ihre Gegner da oben festkrallen oder ihr von dort in den Rücken fallen.
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Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit David Marsh gesprochen, dem Tausendsassa unter den britischen Journalisten: Erst war er Frankfurt Korrespondent der „Financial Times“, dann Investmentbanker und heute ist er der Chef eines renommierten Think-Tanks in London. Ein zweites Referendum hält er nicht nur für unwahrscheinlich, sondern auch für unnötig: „Theresa May hat bessere Karten in der Hand als viele denken. Ihre Schwäche ist ihre Stärke.“

Seine Wette: Theresa May bleibt länger Premierministerin als Angela Merkel Kanzlerin. „Eure Verhältnisse in Berlin sehen wilder aus als unsere in London.“
 
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SAP
 
In den Bilanzen der Dax-Konzerne lauern versteckte Risiken durch überteuerte Firmenaufkäufe, berichtet heute der „Handelsblatt“-Analyst Ulf Sommer. Allein SAP bezahlte für die winzige, kaum je profitable US-Firma Qualtrics zuletzt rund das 20-fache des Jahresumsatzes des Marktforschungsunternehmens. Das Topmanagement um CEO Bill McDermott war begeistert. Doch die Anleger glauben nicht an den Deal – zu teuer. Durch Verkäufe der Anteilseigner verlor SAP seither sechs Milliarden Euro.

Überall in den Konzernbilanzen, sagt Sommer, sei der Goodwill, also die Differenz zwischen Kaufpreis und realem Wert fahrlässig hoch angesetzt. Allein Thyssen-Krupp häufte demnach in den vergangenen Jahren mehr Goodwill als Eigenkapital an. Auch bei Bayer befinde sich nach dem Kauf von Monsanto ein Wert in Höhe von 24 Milliarden Dollar in der Bilanz, der durch die Wirklichkeit nicht gedeckt sei. Was nun drohe, seien hohe Abschreibungen und Verluste – und zwar für fast alle Dax-Konzerne, sagt Sommer. Seine Zahlen sind der Sturmvogel, der vom kommenden Unwetter kündet.
 
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Die Bitcoinblase wird nicht platzen, sondern in sich zusammensacken wie ein vom Kindergeburtstag übriggebliebener Luftballon. 20.000 US-Dollar war ein Bitcoin im Dezember 2017 wert, jetzt bekommt man für das alternative Zahlungsmittel nur noch rund 5000 Dollar. Tendenz fallend. Der einst im Dezember vor einem Jahr so pralle 830-Milliarden-Dollar-Markt der Kryptowährungen führt nur ein Schattendasein in der Erschlaffung.
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Damit scheint sich die Prognose von Nouriel Roubini zu bestätigen: „Der faire Wert des Bitcoin ist negativ“, sagt der US-amerikanische Nationalökonom. Und tatsächlich ist der Energieverbrauch allein des Bitcoins riesig: Laut Digiconomist.net saugt die Bitcoinproduktion, weil hier Tausende von Computern durch die Blockchain-Technologie verbunden sind, schon jetzt jährlich so viel Strom wie ganz Österreich. Eine einzige Zahlung könnte laut Berechnungen des Energieverbrauchs rund 25 US-Haushalte an einem Tag mit Strom versorgen.
 
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Reuters
 
Die Verhaftung der Automanagerlegende Carlos Ghosn schockt die Anleger und den französischen Präsidenten. Dem CEO des mit rund 450.000 Angestellten zweitgrößten Automobilkonzerns der Welt, Renault-Nissan-Mitsubishi, wird Korruption und Untreue vorgeworfen. Er soll sich um rund 40 Millionen Euro bereichert haben und wurde in Japan daraufhin festgenommen. Der französische Staat ist mit 15 Prozent an Renault beteiligt, weshalb sich Macron nun für die Details interessieren muss. Auch im Leben eines Sonnenkönigs gibt es Schattentage.

Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor