Globale Abstiegskandidaten | Rørsted liefert | Kartell der Wirtschaftsprüfer?
 
DAS MORNING BRIEFING
10.08.2018
 
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Guten Morgen,
Eine neue Folge von Star Wars ist heute Nacht angelaufen. Aber nicht in den Kinos, sondern im Weißen Haus. Vize-Präsident Mike Pence will „lebensnotwendige US-Interessen im Weltraum schützen“. Die USA sollen die beherrschende Weltraummacht des 21. Jahrhunderts sein. Deshalb werde neben dem Heer, der Marine, der Luftwaffe, dem Marineinfanteriekorps und der Küstenwache als sechste Teilstreitkraft eine „Space Force“ gegründet. Das Budget der Weltraumkrieger soll acht Milliarden US-Dollar für fünf Jahre betragen. „Frieden kommt nur durch Kraft“, sagte Pence. Trump twitterte hinterher: “Space Force all the way!” Offenbar will Trump vollenden, was Ronald Reagan mit seinem 1983 gestarteten SDI-Programm (Strategic Defense Initiative) begonnen hatte. (Außerirdische) Völker, hört die Signale!
 
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Die Welt der Finanzmärkte teilt sich derzeit in eine Zone glühender Prosperität und eine Region, die an ökonomischer Erkaltung leidet. Die eine Formation unterstützt Donald Trump und fliegt mit der Wall Street den Sternen entgegen. Die andere Gruppierung lebt im Widerstand mit den USA und steigt ab in die Hölle ökonomischer Depression.
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Zu letzterer Gruppe gehört der türkische Präsident Erdoğan. Er wollte sein Land stark machen, doch die Währung und die Börsen gehen allmählich in die Knie: Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn zum US-Dollar über ein Drittel an Wert verloren. Gestern wurde ein neues Rekordtief erreicht.

Die Inflation hat sich auf brutale 15 Prozent hochgeschraubt. Als Rendite auf die zehnjährige türkische Staatsanleihe muss die Türkei eine Risikoprämie von fast 20 Prozent zahlen. Das Buch „Aufstieg und Fall eines Autokraten“ dürfte bald erscheinen. Das Schlusskapitel wird gerade geschrieben.

Der Ghostwriter dieses Schlusskapitels ist Donald Trump, der dem Regime in Istanbul versucht, den Todesstoß zu versetzen. Denn Erdoğan weigert sich, dem Sanktionsregime der USA gegenüber Russland und Iran beizutreten. Der Staat am Bosporus bezieht aus beiden Staaten den Großteil seiner Öls und würde es dabei gern belassen. Die Rache des Weißen Hauses fällt furchtbar aus. Es gilt das alte stalinistische Motto: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlage ich dir die Fresse ein.
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Auch Russland bekommt den Liebesentzug der Amerikaner zu spüren. Trotz des Kuschelgipfels von Helsinki zeigt sich Donald Trump unnachgiebig und erließ Wirtschaftssanktionen, die der ohnehin labilen russischen Wirtschaft die Luft zum Atmen nehmen. Ab dem 22. August ist das Land de facto von westlicher Technologie abgeschnitten.

Der Verfall des russischen Rubels hat die Talfahrt an der Moskauer Börse weiter beschleunigt. Der Börsenindex RTS steht kurz vor einem neuen Jahrestief. Das Vertrauen der Investoren ist dahin. Putin besitzt mit Iran und Syrien die falschen Freunde. Und für ein Leben ohne Freunde fehlen ihm die ökonomischen Muskeln.
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Auch in China leidet die Wirtschaft, seit Donald Trump dem Land den Krieg erklärt hat. Dieser Krieg tarnt sich zwar als Handelskrieg. Aber in Wahrheit will der amerikanische Präsident den Aufstieg Chinas zu einer Weltmacht bremsen. Das Reich der Mitte wurde vom Partner zum Rivalen heruntergestuft.

Fazit: Ob Trump mit den negativen Energien, die er in die Welt jagt, erfolgreich sein wird, lässt sich schwer prognostizieren. Aber fest steht: Der Mann organisiert sich Respekt. Trump will Geschichte nicht erdulden, sondern schreiben. Wer diesen Präsidenten und seine Ambition nicht ernst nimmt, ist selbst schuld.
 
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Merkwürdig, aber wahr: Die deutsche Geburtenrate sinkt, die Zahl ausländischer Kindergeldempfänger dagegen steigt stark an. „Im Juni 2018 wurde für 268.336 Kinder, die außerhalb von Deutschland leben, Kindergeld gezahlt“, heißt es aus dem Bundesfinanzministerium. Dreieinhalbmal so viel wie 2010. Vieles spricht dafür, sagen etliche Oberbürgermeister, dass es eine Migration in das deutsche Sozialsystem gibt – mit echten und mit erfundenen Kindern. Derartige Missstände sind günstige Vorprodukte für die Munitionsfabriken der AfD – auch wenn sie kein Massenphänomen sind, wie die heutigen Ausgaben von „Süddeutsche“ und “Handelsblatt“ glaubhaft nachweisen.
 
 
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Nach Bekanntgabe der Quartalszahlen schoss der Kurs des Sportartikel-Herstellers Adidas um zeitweise 10 Prozent nach oben. Der Grund der Euphorie: Im zweiten Quartal ist der Überschuss um rund 20 Prozent auf 418 Millionen Euro gestiegen – fünfmal so stark wie der Umsatz. Wenn die Fußballnationalmannschaft so spielen würde wie Adidas-Chef Kasper Rørsted seine Firma führt, wäre Deutschland im Endspiel gewesen. Weltmeister ist auch Rørsted noch nicht. Er stürmt zwar ideenreich und unermüdlich. Aber Nike liegt zur Halbzeit knapp vorn.
 
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Die Marktwirtschaft ist ein wunderbares System, wenn der Kunde vergleichen und wählen kann. Wer A sagt, darf beim nächsten Mal auch B sagen. Doch bei den internationalen Wirtschaftsprüfern funktioniert dieser Wettbewerb nur bedingt, wie eine Analyse der „Financial Times“ präzise nachweist. Price Waterhouse Cooper (PwC), KPMG, Deloitte und Ernst & Young (EY) bilden die “Big Four”, die sich dem Bericht zufolge den Markt europaweit aufgeteilt haben. Für die Kunden gebe es keine Auswahl, sondern „An illusion of choice”. Jetzt würde man gern hören, was Kartellamt und Monopolkommission dazu sagen. Ludwig Erhard, auch wenn er mittlerweile auf Wolke sieben sitzt, hat eine Antwort verdient.

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes Wochenende. Ich freue mich jetzt schon auf den Montagmorgen mit Ihnen. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor