Emir will Türkei retten | CDU-Mann auf Abwegen
 
DAS MORNING BRIEFING
16.08.2018
 
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Guten Morgen,
aus der Türkei weht der Angstschweiß der dortigen Bankenmanager mittlerweile auch zur Wall Street herüber, wo heute Nacht die Kurse deutlich nachgaben. Die Finanzinstitute in Istanbul und Ankara müssen Dollaranleihen im Wert von rund 34 Milliarden bedienen. Der Liraverfall, ca. minus 40 Prozent seit Jahresanfang, macht die Rückzahlung mühsam bis unmöglich. Hinzu kommt: Über ihre Hausbanken haben sich türkische Unternehmen und Haushalte massiv in US-Dollar verschuldet. Kurz gesagt: In den türkischen Bankbilanzen tickt eine Zeitbombe.
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Als Retter in der Not betritt nun der Emir von Katar die große Bühne. Nach einem dreistündigen Gespräch mit Erdoğan verkündete er gestern, er wolle 15 Milliarden US-Dollar in die schwer angeschlagene Volkswirtschaft stecken. Die beiden passen gut zueinander: Die Türkei braucht frisches Geld. Und Katar braucht neue Freunde.
 
 
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Der Wirtschaftsjournalist und Springer-Manager Christoph Keese veröffentlicht im Herbst sein neues Buch. Es heißt: „Disrupt yourself!“ und handelt von der Notwendigkeit, sich selbst und das eigene Geschäftsmodell infrage zu stellen. Pflichtlektüre für die meisten Manager. Einer, der es definitiv nicht lesen muss, ist SAP-Chef Bill McDermott.
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McDermott hat sein altes Geschäftsmodell nicht stur verteidigt, sondern ist kraftvoll in das Geschäft seiner Angreifer eingestiegen. Heute erzielt er mehr Umsatz mit dem Cloud Computing, also der Vermietung von SAP-Software über das Internet, als mit dem klassischen Verkauf von Lizenzen, wie er jetzt dem Internet-Magazin „The Information“ verriet. Das genau ist der Unterschied zwischen Wirtschaft und Sport: Beim Fußball ist es nicht sinnvoll, auf das eigene Tor zu stürmen. Im heutigen Wirtschaftsleben gewinnt man genau dadurch das Spiel. Diese Strategie heißt Disruption.
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Die gute Nachricht lautet: SAP erfindet sich immer wieder neu. Die schlechte Nachricht: Eine SAP macht noch keinen Sommer. Derweil Deutschland sich beim Exportieren von Maschinen, Autos und Kraftwerken an der Weltspitze bewegt, fällt der Saldo der Dienstleistungsbilanz negativ aus (siehe Grafik unten). Amerika liegt hier vorn. Deutschland aber ist – das kann man an der Statistik unserer Importe und Exporte exakt ablesen – ein Industrieland geblieben. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft findet in unseren Zeitungen, aber nicht in unserer Wirklichkeit statt. SAP ist die Ausnahme von der Regel.
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Der Schleswig-Holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther hat sich mit seiner Idee, CDU und Linkspartei sollten doch mal miteinander koalieren, um Kopf und Kragen geredet. Franz Josef Strauß dürfte sich nicht nur im Grabe gedreht, sondern das Grab wahrscheinlich mit Furor verlassen haben.
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Hätte Günther sich auch nur eine Minute mit der Wanderungsbewegung zu und von der CDU bei der letzten Bundestagswahl beschäftigt (siehe Grafik oben), wäre ihm das nicht passiert: Die CDU verlor massiv an die Liberalen – 1,36 Millionen Wähler – und 980.000 an die AfD. Eine weitere Linksverschiebung der Koordinaten würde also den Blutverlust der CDU nicht stoppen, sondern erhöhen. Wenn es in der Politik fair zuginge, müsste der linksverträumte CDU-Ministerpräsident sein August-Gehalt vom FDP-Vorsitzenden überwiesen bekommen. Günther ist derzeit Lindners bester Mann.
 
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Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung enthüllt die „erschreckenden Bildungsdefizite“ der Jugend, meldete vor wenigen Tagen „Die Welt“. Der Umsatz der Videospielbranche in Deutschland ist von Januar bis Juni 2018 um 17 Prozent gewachsen, berichtet heute morgen die „BILD“. Viele Eltern und ihre Kinder sind in der Handy-Sucht vereint. Vielleicht muss man die erste Meldung als die Fortsetzung der zweiten begreifen. Nur wer die Wahrheiten aus dem Zusammenhang reißt, kann sie begreifen.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor