Trump giftet gegen China | Lufthansa fliegt mit Gegenwind
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
07.05.2019
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Guten Morgen,
die Zeitenwende in den transatlantischen Beziehungen hat ein Gesicht – und zwar das von Sigmar Gabriel.Der Vorstand der Atlantik-Brücke – 1952 durch den ehemaligen Hohen Kommissars der USA in der Bundesrepublik, John J. McCloy, und den Bankier Eric M. Warburg gegründet – wird heute den Ex-SPD-Chef und einstigen Außenminister der Bundesrepublik als seinen neuen Vorsitzenden nominieren. Das bedeutet in doppelter Hinsicht einen Bruch mit der bisherigen Geschichte der Atlantik-Brücke.
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Erstmals wird ein ausgewiesener Sozialdemokrat dieser altehrwürdigen Institution vorstehen. Und: Eine Organisationen, die sich trotz aller Detailkritik in der Ära ihres Vorsitzenden Friedrich Merz bisher als transatlantischer Freundschaftsverband definierte, wird zur Plattform eines Europäers neuen Typs.
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Gabriel versteht sich nicht als Souffleur der Mächtigen in Washington. Er will die Atlantik-Brücke revitalisieren und emanzipieren, wie im Gespräch mit dem Morning Briefing Podcast  deutlich wird. Gabriel sieht ein Amerika, das mit den Handelsrouten auch seine Machtachsen neu verlegt:
Amerika wird nie wieder so werden, wie es mal war. Und hoffentlich nicht so bleiben, wie es jetzt unter Trump ist.“
Gabriel sieht eine strategische Gelegenheit für Europa, die sich aus den neuen Prioritäten der Amerikaner ergibt:
Amerika blickt in den Pazifik. Der große Konkurrent ist China. Deswegen ziehen sich die Amerikaner aus ihren alten Aufgaben und Einflussgebieten zurück. Das wird einen Zuwachs an Verantwortung für uns bringen.“
Und Gabriel wäre nicht Gabriel, würde er die Gelegenheit nicht nutzen, den Schwung der Trump-Kritik für den Aufbau eines europäischen Selbstbewusstseins fruchtbar zu machen. Ihm schwebt eine Neuschöpfung vor, die europäische Sanftheit mit amerikanischer Robustheit kombiniert:
Weltpolitisch wird Europa schon jetzt als Vegetarier wahrgenommen in einer Welt voller Fleischfresser. Wenn die Briten gehen, dann glaubt die Welt, wir sind Veganer. Ich will nicht, dass wir Fleischfresser werden, aber wir werden sowas wie Flexitarier werden müssen.“
Deutlich wird, dass dieser Flexitarier für ihn kein außenpolitischer Kuschelbär sein darf. Die Freiheit, die Gabriel meint, soll wehrhaft und daher bemuskelt sein.
Ein Flexitarier ist jemand, der sich seiner Macht bewusst ist und auch bereit ist, sie im Zweifel einzusetzen.“
Sein Ziel beschreibt Gabriel mit dem Terminus „strategische Souveränität“: Das aber bedeutet für ihn nicht, dass Europa künftig in neutraler Äquidistanz zu den anderen Großmächten auftreten dürfe. Die USA bleiben Partner, aber einer, mit dem man „neue Verabredungen“ treffen müsse. Fazit: Die Atlantik-Brücke tritt heute in eine aufregende Phase ihrer Geschichte ein. Der einstige Honoratioren-Club emanzipiert sich. Die USA sind nicht mehr der große Bruder, sondern der bevorzugte Partner. Die Nachkriegszeit geht zu Ende.
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Gestern hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier versucht, seine Nationale Industriestrategie 2030 hinter verschlossenen Türen ausgewählten Vertretern aus Wirtschaft und Industrie nahezubringen. 54 Persönlichkeiten waren in den Ludwig-Erhard-Saal gekommen, um ihren Unmut loszuwerden über den Minister, der offenbar nicht mehr an die „unsichtbare Hand“ des Adam Smith glaubt, sondern an die eiserne Faust der staatlichen Industrieplaner. Altmaier hatte sich Gelassenheit verordnet: „Wenn man einen Stein ins Wasser wirft, dann darf man sich hinterher nicht wundern, wenn er Wellen wirft“, sagte er vor der Zusammenkunft. Während des Treffens schwappte ihm die Welle des Unmuts allerdings frontal ins Gesicht.
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Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), sagte, was der „liebe Herr Minister“ da vorgelegt habe, „wird den Perspektiven des industriellen Mittelstands nicht gerecht.“ Und weiter: „Es kann nicht sein, dass wir eine fehlgeleitete Re-Nationalisierungspolitik anderer Länder kopieren.“
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Auch der Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“, Reinhold von Eben-Worlée, wurde deutlich. Altmaier schaltete unverzüglich von Minister auf Ministrant. Eben-Worlée berichtet heute im Morning Briefing Podcast :
Altmaier hat natürlich eine starke Präsenz, aber er hat sich heute zurückgenommen und mehr zugehört und mitgeschrieben als selber geredet. Insofern war das eine zielführende Veranstaltung.“
Jetzt will man in Arbeitsgruppen zusammenkommen, um dann im Herbst eine gemeinsame Strategie zu verabschieden. Altmaiers Industriepolitik wird bis dahin kleingeraspelt. Der Präsident der Familienunternehmer raspelt fröhlich mit. Er lobt nicht den Minister, aber dessen Demut: „Wenn einer einen Fehler zugibt, dann wirft man nicht noch Steine hinterher.”
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Donald Trump verunsichert die Börsen. Am Sonntag drohte der US-Präsident mit neuen Strafzöllen im Handelsstreit mit China: Importe im Wert von 200 Milliarden US-Dollar sollen in Zukunft mit 25 statt bisher zehn Prozent belastet werden, Zölle auf weitere chinesische Einfuhren im Wert von 325 Milliarden US-Dollar könnten folgen. ► Der SSE Composite Index in Shanghai fiel nach Trumps Drohung um knapp sechs Prozent. ► In Europa verloren besonders die Aktien der Autobranche, die Notierungen von BMW sanken um 2,2 Prozent. Banken-, Chemie- und Industriewerte gaben ebenfalls nach. ► Am deutlichsten meldet die aufkeimende Unruhe der Volatilitätsindex VIX. Er ist so etwas wie der Seismograf der Anlegerstimmung – und legte mit zwischenzeitlich 46 Prozent in Reaktion auf Trumps Tweets so rasant zu, wie seit dem Flash Crash im Februar 2018 nicht mehr. Trump ficht das nicht an. Die vom White-House-Insider Mike Allen gegründete Nachrichtenseite „Axios" erfuhr aus Trumps Umfeld, dass die gute Entwicklung am Jobmarkt den US-Präsidenten dazu veranlasst habe, eine härtere Linie im Handelsstreit zu fahren. Trumps Motto laut einem anonymen Berater: „Ihr Typen wollt euch mit mir anlegen? Nur zu!“
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„Speak softly and carry a big stick” („Sprich sanft und trage einen großen Knüppel“): Mit diesem Spruch prägte der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt die amerikanische Außenpolitik auf Jahrzehnte. Anders Donald Trump: Das sanfte Sprechen ist nicht seine Sache, der große Knüppel aber schon. In dieser Woche hat er sich für einen 330 Meter langen Knüppel entschieden, aus Stahl und mit mehr als 5.000 Soldaten bemannt: der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln. Der wird an die Straße von Hormus (siehe Karte) verlegt, vor die iranische Küste.
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Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton, ein ausgewiesener Iran-Feind, begründete den Schritt mit „einer Reihe beunruhigender und eskalierender Anhaltspunkte und Warnzeichen“, auf die man nun reagiere. Nachdem sich die USA aus dem Nuklear-Abkommen mit dem Iran zurückgezogen haben, drohte der Iran mit einer Blockade der Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Erdölproduktion transportiert werden. Der weitere Hergang der Ereignisse entzieht sich der Prognostizierbarkeit. Oder um es mit Sebastian Haffner zu sagen: „Wir kennen nicht das Stück, in dem wir unseren Auftritt haben.“
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Die Lufthansa ist kein Katastrophenfall wie Bayer oder die Deutsche Bank. Doch wenn man tiefer in die Bilanz schaut, lässt sich erkennen: Da braut sich was zusammen. ► Im ersten Quartal 2019 musste Europas größte Fluglinie einen operativen Verlust vor Zinsen und Steuern von 336 Millionen Euro vermelden. Im ersten Quartal 2018 stand da noch ein Plus von 24 Millionen Euro. ► Die Eigenkapitalrendite sank 2018 von 26,1 auf 22,9 Prozent. ► Die steigenden Treibstoffpreise werden zum Problem: Der Aufwand für Flugbenzin stieg im Jahr 2018 von 5,2 auf gut sechs Milliarden Euro. Für 2019 rechnet die Lufthansa mit Mehrkosten für Kerosin von weiteren 700 Millionen Euro. Vorstandschef Carsten Spohr muss sich deshalb nicht grämen, nur gegensteuern. Er kennt die kostspieligen Unwägbarkeiten der Flugindustrie, die Richard Branson einst so beschrieb: „Wenn Sie Millionär werden wollen, starten Sie am besten mit einer Milliarde – und gründen dann eine neue Airline.“ Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor