Merkel und das Geschichtsbuch / Stadler und die Wahrheit
 
DAS MORNING BRIEFING
19.06.2018
 
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Guten Morgen,
Das war endlich mal ein vergnüglicher Tag für den neuen Volkswagen-Chef Herbert Diess. Eben erst hatte er eine Lex Stadler ausgegeben, wonach alle VW-Manager abgestraft würden, die weiterhin nur scheibchenweise mit ihrer Rolle in der Dieselaffäre herausrücken. Bauernsohn Stadler war ein Meister dieser Salamitaktik. Diess war genervt. Außerdem galt Stadler als Nebenbuhler im Kampf um die Konzernführung. Gründe genug, ihn sanft in Richtung Ausgang zu bewegen. Nun hat die Staatsanwaltschaft dem VW-Chef diese Arbeit abgenommen und Stadler verhaftet. Geradezu ein Musterbeispiel für Public Private Partnership.
 
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Der Audi-Mann wurde festgenommen, weil man in seiner Wohnung Hinweise auf die Vernichtung von Beweismitteln und die Beeinflussung von Zeugen fand. Die Staatsanwaltschaft sah die Gefahr einer Verdunkelung. Zumindest für Stadlers Karriere trifft das jetzt zu. Dunkler geht’s kaum mehr. Ein Nachfolger war binnen Stunden benannt.
 
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Der Aufsichtsrat von Bayern München wird durch die Ereignisse immer mehr zum Club der Verruchten. Vielleicht sollten Uli Hoeneß, Rupert Stadler und Martin Winterkorn die WhatsApp-Gruppe „Böse Buben“ gründen. Die wiederum könnte mit anderen sozial auffällig gewordenen Managern in den Austausch treten. Thomas Middelhoff, Klaus Zumwinkel und ein halbes Dutzend Deutsche-Bank-Manager warten auf Anschluss.
 
In Berlin herrscht derweil weiter Belagerungszustand. Innenminister Seehofer hat der Kanzlerin eine Frist bis Anfang Juli gesetzt, um ihre Flüchtlingspolitik zu ändern. Die Kanzlerin, die weiter nach einer europäischen Lösung sucht, heute zum Beispiel mit Emmanuel Macron auf Schloss Meseberg, will das Ultimatum nicht akzeptieren. Sie bringt ihre von der Verfassung garantierte „Richtlinienkompetenz“ ins Spiel, also die mögliche Entlassung des Innenministers. Mit dem Mann möchte man nicht tauschen. Sein Stammplatz scheint die Herdplatte. Zieht er gegen Merkel los, kocht sie ihn ab. Zieht er zurück, wird er von Söder gegrillt.
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Apropos Söder: Der Mann hat uns nie im Unklaren gelassen über seine Kampfeslust. Im bayrischen Fasching zog er als Fabelwesen Shrek los. Das giftgrüne Monster muss im gleichnamigen Kinofilm der DreamWorks Studios zur Befreiung seines Sumpfes, den fremde Lebewesen eingenommen hatten, den Drachen besiegen. Bei dieser Mission wird er von einem sprechenden Esel begleitet. Wer dabei an Seehofer denkt, ist selber schuld.
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Im Netz jedenfalls werden die Berliner Ereignisse zunehmend von Sarkasmus begleitet. Nur eine bleibt scheinbar cool: die Kanzlerin. Das Geraune in den eigenen Reihen, die fehlende Mehrheit in den Umfragen und die mögliche Abspaltung der CSU kann sie nicht zu einer Umkehr bewegen. Sie hat – wie alle Regierungschefs kurz vor ihrem Abgang – weder die Medien noch ihr Parteipräsidium und auch nicht das Volk im Blick, sondern das Geschichtsbuch.
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Die Geschichtsschreibung aber funktioniert nach sehr eigenwilligen Regeln: Für Kompromisse gibt es Fußnoten, dem Kampf gehört das Kapitel. Die heldenhafte Niederlage ist die Königsdisziplin. Denn im großen Finale müssen die Person und ihre Prinzipien miteinander verschmelzen, um sodann zu versteinern. Die Staatsfrau wird zur Statue. 

Ich wünsche Ihnen einen erkenntnisreichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor