Macron greift Trump an | Obama enttäuscht Fans
 
DAS MORNING BRIEFING
[12.11.2018 ]
 
…
dpa
Guten Morgen,
das Vorbild der Angela Merkel hat stilbildend gewirkt. Nun will auch CSU-Chef Horst Seehofer jenes hohe Parteiamt loslassen, das er bisher mit eisernem Griff umklammerte. Wahrscheinlich räumt er sogar freiwillig das Innenministerium, wo er sich seit Monaten verschanzt hält. Noch ist alles höchst informell und vorläufig, wie es gestern Abend aus seinem Umfeld hieß. Wenn Horst Seehofer ein Logo besäße, wäre es die Hintertür.
 
…
ZB
 
Erstmals haben die Grünen einen Bundesparteitag absolviert, ohne sich anzugiften. Es gab Konflikte, aber die wurden hinter der Kulisse ausgetragen. Wären die heutigen Grünen keine Partei, sondern ein Auto, dann wären sie mit Sicherheit ein Elektrofahrzeug: spritzig in der Beschleunigung und im Fahrbetrieb nahezu geräuschlos. Allerdings: Wie lange die Batterie hält, weiß kein Mensch.
 
…
ZB
 
Wären die anderen Parteien ebenfalls Autos, könnte man den Unterschied nicht nur sehen, sondern auch erleben: FDP-Chef Christian Lindner fährt mit einem Porsche vor, die CDU ist mit dem Fahrerwechsel beschäftigt – und die SPD hat ’nen Platten. Wir erkennen, wie Andrea Nahles sich über den Kofferraum beugt. Sie sucht den Wagenheber.
 
…
Wachtel | Pexels
 
Die drei Kandidaten um den CDU-Vorsitz – Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn – gehen auf große Deutschlandtour: Die CDU sucht den Superstar. Auftritte sind in Lübeck, Mainz, Halle, Seebach in Thüringen, Böblingen, Düsseldorf, Bremen und Berlin geplant. In diesem mehrwöchigen Bewerbungsgespräch, das von Meinungsumfragen (siehe Grafik) begleitet wird, zählen nicht Taten, sondern Worte. Dr. Stefan Wachtel, ein renommierter deutscher Reden-Trainer und Management-Coach, bewertet im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast  das Auftreten der Kandidaten. Seine Empfehlung: „Ein guter Redner besitzt einen Plan, aber keinen Text. Er ist nicht authentisch, sondern spielt seine Rolle.“
…
 
 
…
dpa
 
Die europäischen Staats und Regierungschefs nutzten die Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkrieges, um auf subtile Art und Weise mit US-Präsident Donald Trump abzurechnen. Angela Merkel warnte vor „nationalem Scheuklappendenken“ und meinte damit Trumps „America First“-Politik. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte den Unterschied zwischen gutem französischen Nationalstolz und den falschen Gefühlen der Amerikaner: „Patriotismus ist genau das Gegenteil von Nationalismus.“ Wir lernen: Der Weltkrieg ist beendet, der Wettbewerb der Rechthaber nicht.
…
imago
 
EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm wählte andere Worte, aber zielte auf dieselbe Kerbe: „Make yourself great again! Mach Dich groß, indem du die anderen klein machst. Das ist der Sirenengesang der Populisten, der aus so vielen Ecken dieser Welt mit voller Lautstärke auf uns eindringt.“

Dies mag für die Führung der AfD zutreffen. Für einen Großteil ihrer Wähler, die frisch von SPD und CDU gewechselt sind, trifft es nicht zu. Diese Menschen fühlen sich nicht großartig, sondern abgehängt. Sie fühlen sich nicht überlegen, sondern bedrängt. Sie wollen Afrika nicht dominieren, sondern sind froh, wenn sie selbst nicht dominiert werden. Bevor der Sirenengesang überhaupt Gehör findet, fand eine Vertreibung statt. Der Aufstieg der Populisten ist nicht aus sich erklärbar, sondern nur als Gegenbewegung zum politischen Versagen der etablierten Kräfte. Vielleicht sind die Verführten gar nicht verführt, nur verstoßen.
 
 
…
dpa
 
Außenminister Heiko Maas wird das Elend der deutschen Sozialdemokratie für anderthalb Tage gegen die Herrlichkeit des chinesischen Kommunismus tauschen. Doch genießen kann er diesen Ausflug nach Peking nicht, denn das Auswärtige Amt verlangt von ihm, dass er die Menschenrechtslage in der Provinz Xinjiang thematisiert.

Die Minderheit der dort lebenden muslimischen Uiguren ist Repressalien ausgesetzt. Manche sprechen von Arbeitslagern. Maas muss sich nun als Balancekünstler beweisen. Er darf den politischen Anstand nicht verraten und zugleich die Absatzmärkte der deutschen Exporte nicht gefährden. Er muss die KP auf Deutsch kritisieren und auf Chinesisch hofieren, in der Hoffnung, dass die verfolgten Uiguren den Übersetzungsfehler nicht bemerken. Karl Kraus hat es geahnt: „Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker mattgesetzt werden.“
 
…
EPA
 
Morgen erscheint die Biografie von Michelle Obama. „Becoming“, übersetzt „Werden“, heißt das Werk mit rund 400 Seiten. Ihre Fans, die sie wegen ihrer ungewöhnlichen Mischung aus Glamour und Bodenständigkeit lieben, dürfte dieses Buch dennoch enttäuschen. Denn Michelle Obama erklärt, warum sie als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten nicht zur Verfügung steht: „Ich war noch nie ein Fan von Politik, und meine Erfahrung der vergangenen zehn Jahre hat wenig dazu beigetragen, das zu ändern.“ So ist „Becoming“ denn nicht nur eine Biografie, sondern auch ein Etikettenschwindel. Der Abschied wird als Aufbruch verkauft. Das Becoming der Michelle Obama ist ein Home Coming.
 
…
 
Nicht die Medien, sondern die internationalen Investoren verleihen Tesla seinen außergewöhnlichen Status. Erstmals fällt der Börsenwert des Elektropioniers höher aus als der von BMW. In München hält man das für einen Hype, an der Börse für die Zukunft. Der BMW-Vorstand arbeitet, Elon Musk erfindet. Die Münchner verkaufen ein Produkt, Tesla eine Vision. Ihre Autos fahren, seine bewegen. Oder um es mit Woody Allen zu sagen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er einen Drink.“
 
…
 
An der Wall Street steht den Investoren eine turbulente Woche bevor. Über 400 Firmen werden innerhalb der nächsten fünf Tage ihre Quartalsergebnisse vorlegen. Unsere Börsenreporterin Sophie Schimansky in New York berichtet von den Details – im Morning Briefing Podcast . Der wiederum erfreut sich seit seinem Start im August einer anhaltend hohen Beliebtheit (siehe Grafik).
…
 
Allen Zuhörerinnen und Zuhörern, die uns auf Platz 1 gesetzt haben, möchte ich an dieser Stelle herzlich danken. Wir teilen eine große Leidenschaft, nämlich die für unabhängigen Journalismus. Es gilt das Motto des ehemaligen Journalisten und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt: „Journalismus kann abdanken, wenn er harmlos wird.“

Ich wünsche Ihnen einen beherzten Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor