Daimler verliert Finanzvorstand | Italien macht der Commerzbank Angst
 
DAS MORNING BRIEFING
[10.10.2018 ]
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Guten Morgen,
die große Koalition will Ländern und Kommunen zwischen 2019 und 2022 mehr als 15 Milliarden Euro für die Kosten der Integration überweisen. Dabei – und das enthüllt die „Süddeutsche Zeitung“ heute – soll nicht mehr wie bisher für jeden Flüchtling abgerechnet werden. Stattdessen erhalten die Länder das Geld über einen großzügig berechnete Pauschalanteil am Umsatzsteueraufkommen. Damit verzichtet der Bund auf jede Kontrolle von Ländern und Kommunen. Man könnte das Gefühl haben, Finanzminister Olaf Scholz hat einen Dukatenesel im Keller stehen. Oder wie die „Süddeutsche“ heute kommentiert: „Der Finanzminister muss sich die Frage gefallen lassen, ob er sein Amt überhaupt ernst nimmt.“
 
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In Frankfurt geht die Angst vor einer neuen Bankenkrise um. Die Commerzbank verlor am gestrigen Handelstag 4,6 Prozent. Das Geldhaus ist Teil des Pokers, den EZB und italienische Regierung gerade um die Neuverschuldung Italiens austragen. Dieser führte zu einem Kurssturz der italienischen Staatsanleihen und Regionalbonds. Die Commerzbank besaß allein im Juni entsprechende Papiere im Wert von 8,5 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank hält italienische Anleihen und Staatspapiere im Wert von 18 Milliarden Euro. Man fragt sich, ob die Einkäufer dieser Papiere die einschlägigen Wirtschaftszeitungen – „FAZ“, „Handelsblatt“ und „Börsenzeitung“ – nur abonniert haben oder auch lesen.
 
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In den vergangenen fünf Jahren lief es für die deutschen Automobilhersteller nicht rund. Auch inflationsbereinigt legte der Dax kräftig zu – und die deutsche Autoindustrie sackte ab. Oder noch deutlicher formuliert: Die Aktionäre zahlten drauf. In ihren besten Jahren zogen die Konzerne den Dax aufwärts. Aber der einstige Goldschatz der deutschen Industrie ähnelt nun immer mehr einem Mühlstein. Hans im Pech.
 
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Bei Daimler wird nach Dieter Zetsche der nächste langjährige Manager seinen Vorstandsposten räumen. Das Unternehmen gab per Ad-hoc-Mitteilung das Ausscheiden des Finanzvorstands Bodo Uebber bekannt. Er war zum Schluss das Gesicht, das den Investoren schlechte Laune machte. Seine größte Innovation in den vergangenen Jahren ist ein neues Organigramm. Die Müdigkeit eines Unternehmens wird neu strukturiert.
 
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Auf dem Markt der Elektroautos ist der US-Hersteller Tesla trotz der Turbulenzen um seinen exzentrischen Gründer Elon Musk immer noch das Maß aller Dinge. Auch wenn die jetzt vorgestellten Fahrzeuge der deutschen Hersteller in den Kategorien Leistung und Reichweite mit Tesla mithalten können, handelt es sich bei ihnen nicht um Elektromobile im eigentlichen Sinne. Die Fahrzeuge von Tesla sind grundsätzlich für den Einsatz von Strommotor und Batterie gefertigt, die deutschen PKW, die jetzt oft als „Tesla-Killer“ bezeichnet werden, sind umgebaute Verbrennerwagen. Fake news auf Rädern.
 
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Auch bei der Abdeckung mit Ladestationen kann sich Tesla auf ein mittlerweile gut ausgebautes Netz – inklusive Superchargern – verlassen. In Deutschland ist gerade mal eine Gemeinschaftsladestation im Bau. Bis 2020 sollen europaweit 400 von diesen Schnellladestationen entstehen. Tesla hat heute bereits rund 11.000 Supercharger in Europa und im Nahen Osten zu bieten. Deutsche Automanager, die Tesla noch immer für einen Marketinggag des Silicon Valley halten, sollten zum Arzt gehen. Sie leiden unter einer Wahrnehmungsstörung.
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Im Interview mit dem Morning Briefing Podcast  liest Günther Schuh, Hochschulprofessor in Aachen und Chef des Elektro-Fahrzeugherstellers e.GO Mobile, den Vorständen die Leviten. Sein Urteil fällt hart, aber fair aus: Der Elektromobilitätsmarkt sei weiter als die deutschen Firmen. In dieser wichtigen Umbruchphase habe das Produktmanagement der deutschen Konzerne die technologische Entwicklung an sich vorbeiziehen lassen. Die Autoindustrie befinde sich nach wie vor im Ladevorgang. Professor Schuh erläutert, warum die „Großen Drei“ – BMW, VW und Daimler – den Massenmarkt ignorierten, der unter ihrem Angebot liegt (Grafik unten). Er spricht von einem „Fundamentalirrtum“.
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Der diesjährige Nobelpreis für Ökonomie geht an die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler William D. Nordhaus (Bild) und Paul M. Romer. Ausgezeichnet werden die beiden für ihre Beiträge im Bereich „Innovation und Klima und deren Wechselwirkungen“. Das heißt, die Umweltökonomen integrierten die Auswirkungen des Klimawandels erfolgreich in Wachstumsmodelle und wiesen nach, wie sich Klimaveränderungen auf das Wirtschaftswachstum auswirken können. Es schmelzen dann eben nicht nur die Polkappen. Der Wohlstand der Welt schmilzt mit.

Der Yale-Professor Nordhaus hatte als erster Wirtschaftswissenschaftler die ökonomischen Folgen einer Erderwärmung um drei Grad Celsius vorausberechnet – das legte den Grundstein für die späteren Zwei-Grad-Klimaziele der internationalen Gemeinschaft. Nordhaus fasste in Modelle, dass das Verbrennen fossiler Energieträger zu höheren Kosten führt statt wie bis dahin angenommen zu niedrigeren. Die frühen Grünen haben es gefühlt, die beiden Nobelpreisträger Jahrzehnte später berechnet. So schließt sich der Kreis.
 
 
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Der japanische Ministerpräsident Shinzō Abe würde Großbritannien im Fall eines No-Deals mit der EU im transpazifischen Handelsabkommen TPP aufnehmen, wie er der „Financial Times“ in einem Interview sagte. Abe sieht dementsprechend großes Potenzial für Großbritannien, auch außerhalb der EU erfolgreich Handel zu treiben. TPP ist ein Abkommen zwischen elf pazifischen Nationen, darunter Japan. Womöglich ohne es zu wollen, mischt sich Abe damit in die britische Innenpolitik ein. Das Interview zahlt auf das Konto von Boris Johnson ein.
 
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Der Franzose Guillaume Faury wird neuer Airbus-Chef und beerbt damit den Deutschen Tom Enders. Das beschlossen gestern die Aufsichtsgremien des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns. Enders überlässt Airbus nicht besenrein, aber gut aufgeräumt. Es ist neben Linde AG und Bayer AG das wahrscheinlich am besten geführte Industrieunternehmen Europas.
 
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Kein Wunder, dass der Chef der Baden-Württembergischen FDP und Vize der liberalen Bundestagsfraktion, Michael Theurer, in dem deutsch-französisch-spanischen Unternehmen ein Vorbild sieht. Er fordert – auch angesichts der jetzt in den USA aufgeflogenen chinesischen Industriespionage – ein „digitales Airbus“. Gemeint ist eine europäische Industriepolitik, die die drei wichtigsten Bestandteile des Digitalzeitalters – das Internet, die Cloud, den Chip – nicht länger Asiaten und Amerikanern überlässt. Im heutigen Morning Briefing Podcast  erläutert Theurer seine Position, die vom Neoliberalismus früherer Jahre deutlich abweicht. Oder um es mit John Maynard Keynes zu sagen: „Ändern sich die Fakten, ändert sich meine Meinung.“ 

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor