Deutschlandfunk live
 
DAS MORNING BRIEFING
18.06.2018
 
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Guten Morgen,
Merkel und ihre Getreuen schauten gestern Abend im Kanzleramt der deutschen Nationalelf beim Verlieren zu. Vielleicht hätte umgekehrt die Truppe von Jogi Löw in der WM-Vorbereitung dem Berliner Endspiel CDU vs. CSU zuschauen sollen. Denn im Regierungsviertel wird seit Wochen rasanter, kreativer und auch härter gespielt als gestern Abend in Moskau.

Vor allem die Sturmspitzen der CSU, Seehofer und Söder, zeigen seit Tagen deutlich mehr Torjägerqualitäten als Draxler und Reus. Andererseits konnte die Nationalelf froh sein, dass Manuel Neuer im Tor stand und nicht Angela Merkel. Denn die hätte, so spottete man gestern im Internet, in Ermangelung einer europäischen Lösung wahrscheinlich jeden reingelassen.

Laut einer Forsa-Umfrage kommt die Große Koalition nur noch auf 46 Prozent – und besitzt damit keine Mehrheit im Lande. CDU und CSU erreichen in der Befragung zusammen 30, die Sozialdemokraten 16 Prozent. Profiteur ist die AfD, die bei 15 Prozent und damit dicht hinter der SPD liegt.
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CDU und CSU haben ein Wochenende rasender Ratlosigkeit hinter sich. Auch die nach dem Fußballspiel abgehaltene Krisensitzung brachte kein Ergebnis. Das strategische Problem: Jede lebensverlängernde Maßnahme für Merkel wirkt zeitgleich wie eine Sterbehilfe für die Union, denn das Problem wird so nicht gelöst, nur vertagt.
 
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Merkels Uhr hat trotz des Ultimatums, das die CSU ihr heute gewähren will, zu ticken begonnen. In der Kulisse herrscht bereits Unruhe, denn einige der heutigen Komparsen sehnen sich danach, endlich selbst in die Hauptrolle zu schlüpfen. Gleich hinterm Vorhang steht CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, die sich tatsächlich für kanzlerfähig hält. Dabei ist sie eher Sekretärin als General. Merkel und sie bewegen die Lippen synchron. Ein Merkel-Avatar wird für die Zeit danach mit Sicherheit nicht gebraucht.
 
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Söder ist von anderem Kaliber. Er ist zwar in der falschen Partei, aber er hat bewiesen, dass er in den zwei wichtigsten politischen Disziplinen, Finanzen und Intrige, sein Handwerk versteht. Als bayerischer Finanzminister wirkte er überzeugend. Und die Abschiebung des Horst Seehofer in das sichere Drittland Berlin war ein Meisterstück der Verschlagenheit, was wir ihm hier nicht vorwerfen wollen. Wer es als Kanzler später mit Putin, Trump und Erdogan aufnehmen will, muss aus Hartholz geschnitzt sein. Die Weichhölzer, das kann man an der Zitterpappel, aber auch an Außenminister Heiko Maas beobachten, sind zu elastisch. Einer wie Trump macht Zahnstocher aus ihnen.
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Für den Übergang kommt als Merkel-Nachfolger einzig ein Mann wie Wolfgang Schäuble in Betracht, auf den sich die Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU innerhalb weniger Minuten verständigen könnten. Er ist seit Langem schon kein Partei-, sondern ein Staatsmann. Sollte man sein Lebenswerk mit nur einem Wort würdigen, wäre es dieses: Respekt.

Kein anderer verkörpert wie er Wahrhaftigkeit, Stehvermögen und eine Kurskorrektur in der Flüchtlings- wie in der Europolitik. Obwohl er aus einer anderen Epoche stammt, trifft er den Ton unserer Zeit. Die Deutschen wollen gute Europäer sein, aber nicht der große Geldautomat. Sie haben längst ihren Frieden mit dem Euro gemacht, aber das bedeutet nicht, dass dieser vorsätzlich weich werden darf. Die Deutschen sind weltoffen, aber nicht naiv. Sie bieten den in Not Geratenen Hilfe an, aber eben nur denen. Die Mehrzahl der Deutschen ist nicht rechts und nicht links, sondern vernünftig. Sie liebt die staatliche Ordnung und hasst es, wenn das Gemeinwesen einen Kontrollverlust erleidet und die regierenden Politiker sich als unfähig erweisen, darüber mit dem Volk zu sprechen. 

Schäuble ist ein Mann des Volkes, der so denkt und fühlt wie die Mehrheit hierzulande. Sein Vorteil: Er redet nicht nur, er liest auch. Europa trägt er nicht auf den Lippen, sondern tief in seiner Seele. Er besitzt etwas, was man nicht bei Amazon kaufen kann: Haltung. Er ist die Alternative zur Alternativlosigkeit. Mit ihm an der Spitze könnten die Deutschen wieder besser schlafen. Und wenn Sie jetzt glauben, ich hätte den Mann über Gebühr gelobt, dann irren Sie. Ich habe ihn nicht gelobt. Ich habe ihn nur beschrieben.
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Nachher übrigens diskutiere ich über die aktuelle Lage im Deutschlandfunk mit Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau, und Robin Alexander, Bestsellerautor und Hauptstadtkorrespondent der „Welt“. Die Sendung heißt „Kontrovers“ und läuft live von 10.10 Uhr bis 11.30 Uhr. Wenn Sie Zeit haben, hören Sie gerne rein.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor