Scholz und die Schrumpfbanken | Wahnsinnszins auf den Peso
 
DAS MORNING BRIEFING
31.08.2018
 
…
Guten Morgen,
gestern hatte Thilo Sarrazin seinen großen Auftritt. Acht Jahre nachdem sich Deutschland abgeschafft hat, wird es nun feindlich übernommen, meint jedenfalls der ehemalige SPD-Finanzsenator, ehemalige Bundesbank-Vorstand und nun leidenschaftliche Hobby-Islamwissenschaftler. Sarrazin breitete voller Stolz vor der Hauptstadtpresse jene Perlen aus, die ihm beim Lesen des Korans in die Hände gefallen sind. Kurt Tucholsky kannte das Phänomen: „Auf nichts ist der Mensch so stolz wie auf das, was er seit zwei Minuten weiß.“

Über das Sarrazin-Buch, das ich noch nicht gelesen habe, soll hier nicht geurteilt werden. Doch zwei Beobachtungen sprangen gestern bei der Buchvorstellung und heute bei der Zeitungslektüre ins Auge.
…
Erstens: Sarrazin wirkt selbstgewisser denn je. Die Ächtung durch große Teile der Öffentlichkeit hat ihm nicht gut getan. Wie ein Einsiedler lebt er offenbar ein Leben tief im Innern der eigenen Echokammer. Die Geräusche der Außenwelt dringen kaum noch an sein Ohr. Die Vielschichtigkeit der multikulturellen Gesellschaften, deren beglückende Pluralität mit einer verstörenden Parallelwelt aus Gewalt und Intoleranz kontrastiert, nimmt er nicht mehr wahr. „Wer Gesellschaft sagt, will betrügen“ – so beschrieb Peter Sloterdijk das verwirrende Nebeneinander der modernen Wirklichkeiten. Sarrazin entschied sich für ein Leben in der Eindimensionalität. In einem innigen Akt der Selbstliebe hat er sich mit seinen Thesen vereinigt.
…
Zweitens: Die Medien treten dem Mann wie ein Kollektiv von Scharfrichtern gegenüber. Keine Gnade nirgends. Das Buch sei so sinnvoll wie ein Ausbruch des Ebola-Virus, findet die „Süddeutsche Zeitung“. Sarrazin übernehme die Logik der salafistischen Prediger, meint die „taz“. Dass sein jüngstes Buch die Bestseller-Liste anführt, noch bevor es in den Buchläden ist, kann niemanden beeindrucken.
 
…
Angesichts des um sich greifenden Konformismus hatte ich Sehnsucht, mit dem bekennenden Nonkonformisten Henryk M. Broder zu sprechen. Nicht über Sarrazin und seine Thesen, sondern über uns Journalisten und den Hang zum Herdentrieb. Broder diagnostiziert eine mediale Selbstgleichschaltung: „Das Tolle an diesem System ist, dass es osmotisch funktioniert. Irgendwie sind alle einer Meinung, ohne sich darüber abgestimmt zu haben.“. Hören Sie unser Gespräch im heutigen Morning Briefing Podcast. Broders Analyse ist eine Zumutung – aber eine notwendige Zumutung für uns selbst.
 
…
US-Präsident Donald Trump hat heute Nacht damit gedroht, die Welthandelsorganisation (WTO) zu verlassen, wenn es nicht bessere Bedingungen für die USA gebe. „Wenn sie sich nicht weiterentwickelt, würde ich mich aus der WTO zurückziehen“, sagte er im Weißen Haus gegenüber „Bloomberg“. Die Welthandelsorganisation regelt seit 1995 internationale Handels- und Wirtschaftsbeziehungen und ist von Haus aus gegen Zollschranken und Handelskriege eingestellt. Die USA waren von Anfang an Mitglied. Trump will, das zeigt sich einmal mehr, die vorgefundene Weltordnung nicht akzeptieren. Er ist der Präsident der Disruption und damit auf geradezu unheimliche Weise nicht der Präsident der US-Amerikaner allein, sondern der Präsident seiner Zeit.
 
…
Derweil die Börsen in den USA heiß laufen (siehe Grafik oben), kriselt es an der Peripherie. Der Währungsverfall in Argentinien setzte sich heute Nacht fort. Die Notenbank in Buenos Aires erhöhte den Leitzins auf 60 Prozent – ein verzweifelter Versuch, die ausufernde Inflation einzudämmen (siehe Grafik unten). Das ist ein Weltrekord des Wahnsinns. Allein gestern sackte der Wert des Pesos um sieben Prozent ab. Wer statt in den Spielcasinos in Wiesbaden und Baden-Baden sein Geld an den Weltfinanzmärkten verlieren möchte, sollte heute Morgen auf den argentinischen Peso setzen.
…
…
 
 
…
Olaf Scholz traut sich was. Auf dem großen Bankengipfel des „Handelsblatts” warnte er die Finanzwelt vor der Möglichkeit eines ungeordneten Brexits. Und: In bisher nicht gekannter Deutlichkeit sprach er die geschrumpfte Bedeutung der deutschen Banken an, die „nicht die nötige Größenordnung” haben, um die europäische und damit auch deutsche Wirtschaft in der globalen Welt zu unterstützen.
…
Begleitet wurde der Banken-Gipfel wie bereits im letzten Jahr so auch diesmal von Gerüchten, dass Commerzbank und Deutsche Bank miteinander verschmelzen könnten. Doch angesichts der gleichgerichteten Probleme beider Institute – zu viele Filialen, veraltete Technik und ein Investment-Banking, das allenfalls im Mittelfeld spielt – würde eine Fusion wenig Sinn machen: 1 plus 1 könnte 0 ergeben.

Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Inspiration. Herzlichst grüßt Sie Ihr
…

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor