Das Morning Briefing als Podcast | Tesla im Sinkflug
 
DAS MORNING BRIEFING
20.08.2018
 
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Guten Morgen,
das Treffen zwischen Putin und Merkel ist ein notwendiger, aber noch kein hinreichender Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Normalisierung. Heute weiß Merkel: Es war ein Fehler, Putin aus dem Club der G8-Staaten zu werfen und damit dem US-amerikanischen Präsidenten den Weg zurück zur Diplomatie des kalten Krieges, mit Zweiergipfeln hinter verschlossener Tür, zu eröffnen. Merkel und Putin, das hat das Treffen auf Schloss Meseberg gezeigt, haben derzeit mehr Gemeinsamkeiten als Trump und Merkel, Merkel und Erdoğan. Eine neue deutsche Ostpolitik, die Chancen in Zukunft verwandelt, liegt im beiderseitigen Interesse. Merkel scheint gewillt, sich der US-amerikanischen Politik der ökonomischen Erpressung Russlands zu widersetzen. Der Satz von Willy Brandt gilt heute wieder: „Solange geredet wird, wird nicht geschossen.“
 
 
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Finanzminister Olaf Scholz (SPD) möchte das heutige Rentenniveau bis zum Jahr 2040 festschreiben. Wenn die CDU/CSU ihm das verweigern, will er einen Rentenwahlkampf führen. Angesichts eines ständig steigenden Steueranteils in der Rentenkasse und in Anbetracht der Verlängerung der Lebenszeit sowie der historisch rückläufigen Geburtenrate ist beides keine gute Idee. Olaf Scholz weiß es besser. Das ist Populismus, der am Ende zu Steuererhöhungen führt und spätestens dann gar nicht mehr populär ist. So tauscht man Glaubwürdigkeit gegen Schlagzeilen.
 
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Die Sommerpause für die Notenbankchefs geht zu Ende. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, EZB-Präsident Mario Draghi, der neue Chef der Federal Reserve Bank Jerome Powell und weitere Mitglieder des Geldadels treffen sich Freitag und Samstag im malerischen Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming. Zwei Themen werden diesen Gipfel der Geldelite dominieren:

• Da ist zum einen die wachsende Zinskluft zwischen Amerika und Europa. Draghi will auf absehbare Zeit bei der Nullzinspolitik bleiben. Jeder Zinsanstieg wirkt auf die hoch verschuldeten Länder Südeuropas wie eine Verknappung ihrer Luftzufuhr. Die Amerikaner dagegen werden im September zum dritten Mal in diesem Jahr den Leitzins erhöhen. Ihre florierende Wirtschaft braucht den Stimulus der Notenbank nicht mehr. Amerika und Europa driften auseinander – nicht nur politisch.

• Die Notenbanken wollen sich ganz offiziell mit der Macht der sogenannten „Super Companies“ befassen. Es geht um Apple, Google, Facebook, Amazon und einige andere Unternehmen, die ihre jeweilige Branche dominieren, und damit den Arbeitnehmern die Löhne und der Politik ihre Spielregeln diktieren. Wettbewerb findet in diesen Märkten kaum noch statt, so eine Untersuchung, die diesem Treffen zugrunde liegt. Das Thema gehört auf die Tagesordnung: auch in Bundeskabinett und Bundestag. Die Marktwirtschaft wird nicht von ihren Feinden, sondern von ihren Freunden bedroht.

Zugleich wäre Europa froh, wenn es auch nur ein einziges Superunternehmen vorweisen könnte. Die Amerikaner haben Apple und Google, die Chinesen Alibaba und Tencent. Europa aber, das ist die Sorge, wird zum Freilichtmuseum des Industriezeitalters.
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An Attraktionen herrscht kein Mangel: Einstige Zechen leben als Kulturzentren fort, auf dem Gelände des Stahlwerkes Rheinhausen befindet sich heute ein Außenlager der chinesischen Exportindustrie und der noch vor Inbetriebnahme stillgelegte Flughafen Berlin-Brandenburg präsentiert unverkäufliche Dieselfahrzeuge der Volkswagen AG. Nur bei den Start-ups, die größer sind als ein Grafikstudio oder ein Veganer-Restaurant, hapert es. Das Größte an Europa scheint seine Vergangenheit. Schade, dass man die nicht essen kann.
 
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Griechenland verlässt heute nach acht Jahren die diversen Rettungsprogramme von EU und IWF. Das Land will an den Kapitalmarkt zurückkehren. Die gute Nachricht: Der Patient lebt. Die schlechte Nachricht: Er ist ökonomisch halbtot. Die Staatsschuld ist mit 178 Prozent des Bruttosozialprodukts höher als zu hoch. Fast die Hälfte aller ausstehenden Kredite bei den Banken werden derzeit nicht bedient, es handelt sich um sogenannte „non-performing loans”. Die Steuerbelastung ist aufgrund des ständigen Drucks der internationalen Organisationen die zweithöchste innerhalb der OECD. Das Klima für Investoren könnte schlechter kaum sein. Griechenland bleibt also auch nach dem Ende der Behandlung auf der Intensivstation – als Europas ewiger Kranker.
 
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Für Tesla schlägt die Stunde der Wahrheit. Denn die Börsenaufsicht möchte genauer wissen, woher das Geld kommen soll, mit dem Elon Musk seine Aktien zurückkaufen will. Muss er wirklich alle Anteilseigner zu einem Preis von 420 US-Dollar pro Anteilsschein frei kaufen, wird’s teuer. Besitzt er dieses Geld gar nicht und steht damit als Hochstapler da, wird’s noch teurer.

Außerdem stellen sich ein paar Fragen, die nichts mit Elektroantrieb und Börse zu tun haben. In einem aufsehenerregenden Interview mit der „New York Times“ schilderte Musk in der vergangenen Woche seine Überforderung. Kein Urlaub, kein Privatleben, dafür Schlafmittel und Versagensängste. Bei Tesla wird offenbar nicht nur Geld, sondern auch Lebensenergie verbrannt. Die Firmenkasse und der Körper des Gründers leben gleichermaßen auf Kredit.

Arianna Huffington, Chefredakteurin und Mitbegründerin der nach ihr benannten „Huffington Post“, greift den Tesla-Gründer wegen seiner Lebensweise öffentlich an: „Du demonstrierst eine altmodische, unwissenschaftliche und schrecklich ineffiziente Art, mit menschlicher Energie umzugehen“, schreibt sie am Freitag in einem offenen Brief. Elon Musk erwiderte mit einem um 2:32 Uhr nachts verfassten Tweet, dass er soeben die Fabrik verlasse und keine Alternative dazu sehe: „Ford und Tesla sind die einzigen zwei amerikanischen Autofirmen, die noch nicht bankrottgegangen sind.“
 
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Heute erlebt das Morning Briefing seine Premiere als Podcast. Der Text dieser E-Mail wird dabei nicht vorgelesen. Vielmehr möchte ich im persönlichen Gespräch mit Ihnen den heranbrechenden Tag in Deutschland begrüßen. Wenn möglich auf den Punkt – und wenn es sein muss, auch schräg daneben.

Ich schalte heute Morgen zur Börsenreporterin Sophie Schimansky in New York, die seit vielen Jahren auf dem Parkett arbeitet. Ich spreche nach dem Treffen von Merkel und Putin mit Marija Aljochina, Mitglied der russischen Punkband Pussy Riot aus Moskau, die für ihre politische Überzeugung zwei Jahre im Gefängnis saß. Und ich habe FDP-Chef Christian Lindner interviewt, der die Lage der schrumpfenden SPD analysiert („... verliert das Lehrerzimmer an die Grünen und die Montagehalle an die AfD“) und einen klugen Vorschlag für den richtigen Umgang mit Donald Trump unterbreitet.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in die neue Woche und freue mich auf Ihre Rückmeldung zum neuen Podcast. Lob und Kritik sind willkommen! Schreiben Sie mir einfach an [email protected].

Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor