Handelskrieg: Das Ende der Globalisierung? | Pause für Tönnies

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
07.08.2019
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Guten Morgen,
der moderne Mensch ist nicht katholisch oder evangelisch, sondern politisch korrekt. Sein oberstes Gebot lautet: Im Namen des Guten sollst du dich belügen.

Der Fraktionsvize der Union im Bundestag, der 41-jährige Carsten Linnemann aus Paderborn, ist dieser Religion aus unerfindlichen Gründen nie beigetreten. Frischen Mutes regte der Sohn eines Buchhändlers in einem Interview an, die babylonische Sprachverwirrung an deutschen Grundschulen zu beenden. Er sagte zur „Rheinischen Post“:
Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“
In diesen Fällen sollte „eine Vorschulpflicht greifen“, notfalls müsse die Einschulung zurückgestellt werden.

Hintergrund dieser Anregung ist die dramatische Veränderung des deutschen Schulalltages. In vielen Grundschulen ist ein ordnungsgemäßer Lehrbetrieb nicht mehr möglich.
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dpa
Hier die Fakten:

► In Deutschland leben rund 13,4 Millionen Kinder, davon besitzen 4,9 Millionen – das sind mehr als ein Drittel – einen Migrationshintergrund.

► Laut einer Pisa-Sonderauswertung weisen fast die Hälfte der Jugendlichen mit Migrationshintergrund „sehr schwache Leistungen“ in der Schule auf, was vor allem in geringer Sprachkompetenz begründet ist.

► Laut derselben Studie sprechen rund 80 Prozent der Kinder aus der ersten Migranten-Generation in der Familie eine andere Sprache als Deutsch. Bei in Deutschland geborenen Migranten zweiter Generation liegt der Anteil noch bei rund 50 Prozent.

► In den Großstädten herrschen chaotische Zustände, weil das Lehrpersonal nicht verstanden wird. Laut einer Erhebung des Hamburger Senats sind an den 191 Hamburger Grundschulen Kinder mit Migrationshintergrund erstmals in der Mehrheit. An 65 Hamburger Schulen liegt der Anteil bei mehr als 70 Prozent.

Auf diese Faktenlage hat die Bildungspolitik noch nicht angemessen reagiert. Eine kluge Integrationspolitik muss beim Erwerb der Sprachkompetenz ansetzen – notfalls eben auch außerschulisch. Man hätte also erwarten dürfen, dass Carsten Linnemann mit Fanpost überschüttet wird. Doch das Gegenteil war der Fall. Der Orden der politisch Korrekten in Politik und Medien schlug erbarmungslos zu:
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imago
► Linken-Chefin Katja Kipping warf Linnemann „Stimmenfang im rechten Sumpf“ vor.

► SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte, die Aussagen Linnemanns seien „wirklich zum Fremdschämen“.

► Die schleswig-holsteinische CDU-Bildungsministerin Karin Prien empörte sich in der „Süddeutschen Zeitung“ über „populistischen Unfug“.

► Die Zeitung sekundierte artig: „Der CDU-Politiker nutzt eine Rhetorik der Ausgrenzung“.

► Die „dpa“ spitzte weiter zu und setzte eine Meldung in Umlauf mit der Überschrift: „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“.
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Aber was sagt der Betroffene selbst, der miterleben musste, wie eine Selbstverständlichkeit zum Skandal aufstieg? Im Morning Briefing Podcast  spricht Carsten Linnemann Klartext:
Ich möchte niemanden ausschließen, sondern im Gegenteil junge Menschen besser fördern. Das muss auch passieren.“
Wenn irgendwann die ersten Abgeordneten sagen: ,Ich tu mir das nicht mehr an in der Politik’, wäre das der Anfang vom Ende.“
Der Skandal war nicht meine Forderung, sondern der Umgang damit. Man wird als Rassist beschimpft. Das macht keinen Spaß mehr.“
Vor allem der Angriff aus der eigenen Partei macht Linnemann zu schaffen:
Wenn man bewusst jemanden falsch verstehen will, dann hört es auf. Das hat nichts mehr mit einer vernünftigen Debattenkultur in einer Partei zu tun. Das ist nicht redlich. Das trifft mich am meisten.“
Linnemann sollte sich über die vorsätzlichen Missverständnisse in Politik und Medien nicht ärgern, sondern nur wundern. So sieht in der post-feudalen Zeit der Ritterschlag aus: Wer keinen Ärger hat, hat keine Ideen.
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Chinas Staatschef Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump duellieren sich. Was mit der Zollpolitik begann, greift nun auf die Währungspolitik über. Die Welt der Ökonomen ist in Erregung vereint. Neil Shearing, Chefökonom des Analysehauses Capital Economics, prophezeit Apokalyptisches:
Womöglich werden wir Zeugen vom Ende der Globalisierung.“
Die Abwertung des Yuan gegenüber dem Dollar, mit dem die gestiegenen US-Zölle auf chinesische Waren kompensiert werden sollen, war womöglich nur ein Zwischenschritt zur nächsten Eskalation. Stephen Roach von der Universität Yale sagt:
Man sollte die Option Staatsanleihen nicht ausschließen.“
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Denn in der Tat: China ist der größte Anteilseigner am amerikanischen Schuldenberg und hält mit knapp 17 Prozent fast ein Fünftel der US-Staatsschulden (siehe Grafik). Das heißt: Amerika befindet sich in der Abhängigkeit seines Gläubigers. Stößt China seine Anlagen im großen Stil ab, würde das die Finanzmärkte und damit die Altersvorsorge vieler Amerikaner in Unordnung bringen. 

Diese Abhängigkeit hat Trump, als er anfing, die Chinesen zu jagen, womöglich nicht bedacht. Oder, um es mit einem alten amerikanischen Sprichwort zu sagen: An der Leine fängt der Hund keine Hasen.
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flickr
Großbritannien steuert unter Premier Boris Johnson zielsicher auf einen harten Brexit am 31. Oktober 2019 zu. Johnsons Regierungsmannschaft arbeitet deshalb fieberhaft an einem vom Weißen Haus in Aussicht gestellten Handelsabkommen, um den Wegfall eines erheblichen Teils des EU-Binnenhandels ausgleichen zu können.

Mit 18,6 Prozent des Exportvolumens sind die USA nach den 28 EU-Staaten (45,6 Prozent) der wichtigste Handelspartner der Briten, wohingegen Großbritannien mit einem Anteil von vier Prozent aller Exporte aus den USA nur der fünftwichtigste Handelspartner für Trump ist. Damit befindet sich Großbritannien in einer denkbar schlechten Position. Der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers rät Trump, diese auszunutzen:
Großbritannien ist verzweifelt. Großbritannien hat nichts anderes. Es bedarf sehr bald einer Einigung. Wenn du einen so verzweifelten Partner hast, dann machst du das beste Schnäppchen.“
In Großbritannien findet ein großes Menschenexperiment statt. Boris Johnson wird den Tag, an dem er beschloss, Populist zu werden, womöglich noch verfluchen. Oder zumindest wird sich die britische Wählerschaft fragen, warum sie einen Populisten zum Premier machte.
Der Aufsichtsratsvorsitzende von Schalke 04, Clemens Tönnies, wird sein Amt für drei Monate ruhen lassen. Darauf einigte sich der Ethikrat des Vereins, nachdem Tönnies sich diskriminierend über das Sexualverhalten „der Afrikaner“ geäußert hatte. Nach den drei Monaten darf der Reumütige bei Schalke weitermachen, nur nicht mit den Sprüchen.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor