Schmu im DAX? / Grill den Teyssen
 
DAS MORNING BRIEFING
02.07.2018
 
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Guten Morgen,
wer nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft glaubte, der Sommer würde nun seine spannungsfreie Phase eröffnen, hat die Rechnung ohne die CSU gemacht. Heute Nacht wurde in München und Berlin das „Finale der Wahrheitsfindung“, so die CSU-Landesgruppe im Bundestag, fernsehgerecht inszeniert. Horst Seehofer hatte eine persönliche Stellungnahme angekündigt, die er dann Stunde um Stunde um Stunde verschob. Selbst wer sich bis dahin für das Persönliche von Horst Seehofer eher weniger interessiert hatte, wurde allmählich neugierig. Was hat dieser Mann seinem Land zu sagen? Mit welchen inneren Kräften ringt er, dass er nicht frei heraus und zur angekündigten Zeit sprechen kann?

Doch das erlösende Finale des Finales fand heute Nacht nicht statt: Seehofer erklärt, dass er sich noch nicht erklären will. Er bietet intern seinen Rücktritt an, zieht ihn aber auf Drängen seiner CSU-Recken öffentlich wieder zurück. Heute um 17:00 Uhr soll es ein letztes, ein klärendes Gespräch mit der Kanzlerin geben. Doch eine Lösung ist weit und breit nicht in Sicht. Er will Asylbewerber an der deutschen Landesgrenze auch im Alleingang zurückweisen dürfen. Sie will das auf keinen Fall. Er will Härte demonstrieren. Sie steht für europäischen Geist. Er denkt an die heimischen Wähler. Sie ans Geschichtsbuch. Er ist bereit, alles zu geben, notfalls eben auch seine Ämter als Parteichef und Innenminister. Sie ist bereit, notfalls alles zu nehmen. 

Ein Rückzug Seehofers bringt Linderung für die Regierung, aber keine Lösung. Das liegt auch daran, dass der ursprüngliche Brandherd eben nicht in der CSU, sondern im Volk zu suchen ist. Eine Mehrheit wünscht sich eine deutliche Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik und hat das bei der Bundestagswahl auch zum Ausdruck gebracht. Merkel verlor, Seehofer verlor, und Schulz sowieso. Schulz ist weg, Seehofer steht nur noch auf einem Bein, aber das wird er sich auch noch stellen. Merkel hält sich bisher wacker. Doch das Wahlergebnis, auch wenn es keiner der Beteiligten für sich hat zunächst annehmen wollen, wirkt nach. Die Wirklichkeit kann nicht zurücktreten. „Die Wirklichkeit frisst sich durch“, pflegt Kurt Biedenkopf zu sagen. 

Für Deutschland folgen nun Wochen der Ungewissheit, wie wir das sonst nur aus Italien kennen. Die Regierung taumelt. Die Kanzlerin regiert von einem Schwächeanfall zum nächsten. Die Parlamentarier der eigenen Partei sagen ihr bei laufender Kamera Unterstützung zu, um sie in den Hinterzimmern zu desavouieren. Es riecht nach Neuanfang. Aber es riecht eben auch nach Anarchie.
 
Am Ende dieser Woche werden wir genauer wissen, wie es um unseren Wohlstand und unsere Arbeitsplätze bestellt ist. Am Dienstag stellt der Verband der Automobilhersteller seine Konjunkturprognose vor. Am Donnerstag veröffentlichen die Maschinenbauer ihre Auftragseingänge für den Mai. Am Freitag liefert das Statistische Bundesamt Daten zur Lage des verarbeitenden Gewerbes, das für unsere Volkswirtschaft nach wie vor eine große Rolle spielt. Eine Prognose zur Prognose sei gewagt: Wir erleben eine abnehmende wirtschaftliche Dynamik. Der Aufschwung verliert an Schwung. Das wiederum bedeutet für die Verteilungspolitiker in Berlin: Bitte jetzt die Hand aus der Staatskasse nehmen. Ab in die Sommerpause! Rückkehr nicht vor Herbst 2019.
 
Der DAX feiert heute seinen 30. Geburtstag. Aber das ist eher ein Grund für Nachdenklichkeit. Denn der DAX, das wird gern verschwiegen, ist im Vergleich zum Dow Jones oder zum S&P 500 ein Börsenbarometer, dessen Höhe die Firmen beeinflussen können. Denn: Dividenden und deren Wiederanlage werden in den DAX eingerechnet. Damit sagt dieser Index viel über die glorreiche Vergangenheit aus, derweil der Dow Jones Index die Zukunftserwartungen der Investoren spiegelt.
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Berechnet man den DAX genauso wie den Dow Jones, also abzüglich aller Dividendenausschüttungen, dann stünde er momentan nicht bei 12.000 Punkten, sondern würde bei 6.000 Punkten notieren. Auch die in den Zeitungen veröffentlichte DAX-Performance würde ohne das Instrument der Ausschüttungspolitik deutlich anders aussehen. Der durchschnittliche Anstieg von 8,3 Prozent pro Jahr schrumpft ohne das Mittun der Finanzvorstände und ihres „financial engineering” auf eine jährliche Rendite von nur noch 5,66 Prozent. Das ist das Schöne am Kapitalismus: Man kann alles kaufen, auch die Wirklichkeit. Happy Birthday, DAX!
 
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Disruption für Fortgeschrittene: Handelsgigant Amazon hat mit der schlichten Ankündigung, rund eine Milliarde Dollar in das Geschäft der Internet-Apotheken zu investieren, die Aktien der großen US-Drogerieketten, darunter Walgreens und CVS, über Nacht ihres bisherigen Wertes beraubt. Wenn die europäischen Apotheker und Drogisten etwas über ihre Zukunft lernen wollen, müssen sie nur in die USA schauen. Die „Financial Times“ fasst das turbulente Geschehen wie folgt zusammen: „Amazon investiert eine Milliarde Dollar und lässt dadurch vierzehn Milliarden Dollar verschwinden.“
 
George Osborne war Finanzminister in der Regierung von David Cameron. Sein Spitzname: Architect of Austerity. Anschließend wechselte er als Herausgeber zur Tageszeitung „Evening Standard“. Doch der ökonomischen Entwicklung des Blattes hat der Konservatismus nicht gutgetan. Der 2,2-Millionen-Pfund-Gewinn des Geschäftsjahres 2017 wird sich nach Recherchen der BBC bis Ende September 2018 in einen Verlust von 9,98 Millionen Pfund verwandelt haben. Die Strategie, Print zu halten und nur zögerlich in die Digitalisierung zu investieren, ist wahrscheinlich gar keine Strategie, sondern eine Verlegenheit. So erzählt denn die Bilanz des „Evening Standard“ die wahre Geschichte darüber, was einem Traditionshaus blüht, wenn nichts Neues blüht.
 
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Beim FC Bayern München weiß man nicht nur, wie Fußball, sondern auch, wie Kapitalismus funktioniert. Der Versuch des lokalen Autobauers BMW, die Schwäche von Audi, seines Zeichens Autobauer und Anteilseigner von Bayern München, für sich zu nutzen, schlug fehl. Obwohl sich der Bayern-Aufsichtsrat Edmund Stoiber für BMW einsetzte, wird der Club nun doch nicht Audi gegen BMW austauschen. VW-Chef Diess warf sein Renommee und ein paar zusätzliche Millionen in die Waagschale. Der Lokalpatriotismus hatte keine Chance mehr. Beim FC Bayern rechnet man nicht in Toren, sondern in Euro.
 
 
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Vor Politikern, Spitzenbeamten und Medienmenschen werde ich heute Eon-Chef Johannes Teyssen im Berliner Regierungsviertel interviewen, oder besser gesagt: auf seine Belastbarkeit testen. Es geht um die zahlreichen Strategieschwenks der Firma, um den 100-prozentigen Männeranteil im Vorstand und den Klimaschutz. Das Format, das per Live-Stream im Netz übertragen wird, heißt ganz offiziell: Grill den Teyssen. Wenn mich Leserinnen und Leser des Morning Briefings zu diesem journalistischen Barbecue begleiten möchten, würde mich das sehr freuen. Los geht’s: [email protected]

Ich wünsche Ihnen einen ausgeruhten Start in die neue Woche. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor