Anleger gehen in Deckung | Autobosse schnappen nach Luft
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
19.12.2018
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Guten Morgen,
Friedrich Merz überrascht Freund und Feind mit einem ungewöhnlichen Spielzug: Ganz gegen seine Gewohnheit und Neigung bietet er sich proaktiv als Minister an. „Ein solches Amt würde ich mir aufgrund meiner Erfahrungen in Wirtschaft und Politik zutrauen. Das aber liegt nicht in meiner Hand, sondern ist Sache der Kanzlerin“, sagt er mit gespielter Harmlosigkeit in der heutigen „FAZ“.
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Damit wärmt Merz die Herzen seiner Anhänger, strapaziert aber die Nerven der Kanzlerin und verstärkt den Druck auf die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Denn die müsste, will sie dem Wirtschaftsflügel entgegenkommen, eine Berufung von Merz ins Kabinett gegen Merkel durchsetzen. Da der Posten des Finanzministers von der SPD gehalten wird und somit nur das Wirtschaftsministerium infrage kommt, würde AKK ausgerechnet am Stuhl von Merkels Vertrautem Peter Altmaier sägen, der in vielen vertraulichen Telefonaten mit CDU-Delegierten eben erst für sie geworben hatte.
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dpa
Die neue Vorsitzende hat also nun die Qual der Wahl: Setzt sie sich für Merz ein, riskiert sie einen Krach mit Merkel und den Bruch mit Altmaier. Tut sie es nicht, wird die Aussöhnung mit dem Wirtschaftsflügel der Partei wohl nie gelingen. Annegret Kramp-Karrenbauer befindet sich in jenem klassischen Dilemma, das Woody Allen einst so beschrieben hatte: „Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten.“
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Das Sterbeglöckchen für den Verbrennungsmotor läutet immer lauter. Die EU-Kommission beschloss gestern: Autos, die in Europa neu zugelassen werden, sollen zwischen 2021 und 2030 im Schnitt 37,5 Prozent weniger CO2 ausstoßen. Das wären weniger als 70 Gramm pro Kilometer. Nicht zu schaffen, stöhnt es aus den Chefetagen in Wolfsburg, Stuttgart und München.
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Ach was, sagt der deutsche Autopapst und Hochschulprofessor Ferdinand Dudenhöffer im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast . Den Paukenschlag aus Brüssel bedauert er nicht, sondern begrüßt ihn. Das sei ein sehr guter Tag für die Automobilindustrie, sagt er, denn jetzt würden die Weichen für die Elektromobilität gestellt. Seine Hoffnung: „Die Kreativität kehrt zurück in die Vorstandsetagen.“ Auch sonst lässt es der Mann in unserem Gespräch nicht an Klarheit fehlen:
„Man kommt mit diesem Totschlagargument der Arbeitsplätze einfach nicht mehr weiter.“
„Unsere CEOs sind ängstlich.“
„Die Ära Merkel war eine Ära des Augenzudrückens. Besser ist es, wenn es klare Vorgaben gibt, die kontrolliert werden. Dann entstehen, wie im Silicon Valley, Innovationen.“
„Man hat konventionelle Produkte, die die Cashcows von heute sind. Das hilft jedem CEO mit einem Drei- oder Fünfjahresvertrag, aber in der Zukunft wird es für das Unternehmen schwierig.“

Ferdinand Dudenhöffer

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Zum Börsencrash wird nicht geklingelt, lautet eine alte Regel der Investoren. Doch so ganz stimmt das nicht mehr. Denn die Wortmeldungen des legendären ehemaligen US-Notenbankpräsidenten Alan Greenspan werden weltweit als genau das verstanden: als letzte Warnung vor dem Börsengewitter.
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dpa
Gestern ließ Alan Greenspan, von 1987 bis 2006 Chef der US-Zentralbank, wieder einen seiner berühmten Blitze los. Mit schmucklosen Worten („Es wäre sehr überraschend, wenn sich die Aktienkurse stabilisieren sollten und dann wieder anziehen“) warnte er die Anleger in einem CNN-Interview vor einer schmerzhaften Korrektur. Er rät, sich jetzt schnell in Deckung zu bringen: „At the end of that run, run for cover.“
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Die regelmäßigen Leser des Morning Briefings kann diese Warnung nicht überraschen: Über den bereits Monate anhaltenden Sinkflug der Automobilaktien, der Bankenwerte, sowie der Pharma- und Chemie-Titel haben wir an dieser Stelle des häufigeren berichtet. Auch 15 der größten US-Aktien haben seit September ein Fünftel ihres Wertes verloren – darunter die Sterne am Himmel des Digitalzeitalters wie Facebook, Apple und Google.
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Der Chef-Anlagestratege der Deutsche Bank für Privat- und Firmenkunden, Dr. Ulrich Stephan, der selbst einen Vier-Milliarden-Fonds managt, macht sich über den weiteren Verlauf dieser Entwicklung keine Illusionen. Es werde weder eine Jahresend-Rally 2018 geben, noch dürfte das neue Jahr mit einer Aufholjagd beginnen: „Die Liquidität ist mittlerweile dünn. Der Markt trocknet aus“, sagt er im Gespräch mit dem Morning Briefing Podcast .
„Viele Dinge haben wir so noch nie erlebt. Zum Beispiel einen US-Präsidenten, der in einen Boom hinein stimuliert. Im nächsten Jahr wird das Defizit der Vereinigten Staaten voraussichtlich mehr als eine Billion US-Dollar betragen.“

Dr. Ulrich Stephan

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Die großen Fonds flüchten aus den Aktien, sie halten so wenige Wertpapiere wie zuletzt vor der Brexit-Abstimmung. Sie parken ihr Geld lieber in Anleihen, was zu steigender Nachfrage und damit zu sinkenden Renditen der US-Staatsanleihen (siehe Grafik) führt. Erstmals seit der Finanzkrise 2008 haben die Pessimisten wieder das Regiment übernommen, fand die Bank of America in einer Umfrage unter 243 internationalen Fondsmanagern heraus. Die Champagner-Gläser sind halb leer. Finanzwirtschaft und Realwirtschaft finden sich im Pessimismus vereint. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer, steht so schlecht da wie seit zwei Jahren nicht. Alle wichtigen Konjunkturforscher haben ihre Wachstumsprognosen für 2019 korrigiert – auf 1,1 bis 1,6 Prozent. So sehen Weltuntergänge im Zeitalter des Massenwohlstandes aus. Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor