Queen braucht Trump / Nasdaq boomt
 
DAS MORNING BRIEFING
13.07.2018
 
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Guten Morgen,
Donald Trump hat den Europäern beim Nato-Gipfel Lehrstunden in seinen Lieblingsfächern „Herrschaftskunde“ und „Biologie der Männlichkeit“ erteilt. Der gelehrigste Schüler war Frankreichs Premier Macron, der wie ein Erleuchteter vom „moment of truth“ sprach. „Now we have to deliver“, fasste er seine Hausaufgaben zusammen.
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Die Europäer haben Trump zugesagt, rund 40 Milliarden Dollar zusätzlich in die Rüstungskasse zu zahlen. Wer heute in die Morgendämmerung hinaushorcht, kann es hören: Auf den Vorstandsetagen von Lockheed Martin, General Dynamics und Northrop Grumman knallen die Champagnerkorken. Donald Trump ist für die amerikanische Rüstungsindustrie der Mitarbeiter des Jahrhunderts. Die Finanzierung seines Präsidentschaftswahlkampfes 2020 darf als gesichert gelten. 

Angela Merkel wurde in Brüssel zwar nicht zum Trump-Fan, aber notgedrungen zu seinem Follower. Sie versprach, bis zum nächsten Mal ihre Hausaufgaben in Sachen Aufrüstung erledigt zu haben; jedes Mitglied der Nato-Klasse müsse sich fragen, sagte sie geflissentlich, „what more we can do.” Auch die deutschen Verteidigungsausgaben werden nun also steigen. Auch wenn kein Wähler danach verlangt hat. Auch wenn die neuen Aggressoren weder Panzer noch Kampfflieger besitzen, sondern Rucksackbombe und Sprenggürtel.
 
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Den Oscar für Opportunismus hat sich Nato-Generalsekretär Stoltenberg aus Norwegen verdient. Er gab beim Nato-Gipfel den eifrigen Trump-Assistenten und dankte dem Zuchtmeister aus Washington ausdrücklich dafür, dass er die Europäer in den Senkel gestellt hatte: „The clear message from President Trump is having an impact.“ Kaum ein 68er ist beim langen Marsch durch die Institutionen so weit marschiert wie Jens Stoltenberg. Er hat sich vom Vietnamkriegsgegner über den Posten als Vize-Chef der Sozialistischen Jugendinternationalen bis in die Gesäßtasche von Donald Trump vorgearbeitet. In Amerika würde man sagen: Ein klarer Fall von brown-nosing, was aus Gründen der Appetitlichkeit hier nicht übersetzt werden soll.
 
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Der Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci ist ebenfalls ein Trump-Loyalist, aber kein Opportunist. Wenn der einstige Fox-News-Kommentator und erste Kommunikationsdirektor im Weißen Haus von Trump sich in der heutigen „Financial Times“ kritisch mit der Wirtschaftspolitik des Präsidenten auseinandersetzt, hören viele zu – mutmaßlich auch Trump.
 
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Bisher habe der Präsident in der Wirtschaftspolitik alles richtig gemacht, schreibt Scaramucci: niedrige Steuern, weniger Regulierung und eine Pro-Business-Rhetorik. Doch die Handelspolitik könne alles zunichtemachen. Scaramucci – wie Trump einer der Superreichen im Lande – rät seinem Freund zum Kurswechsel: Nur eine erneuerte Partnerschaft mit Europa, eine Reform des Freihandelsabkommens Nafta, ein kluger transpazifischer Deal und ein nach den Regeln der WTO geführter Kampf gegen die chinesische Dumpingpolitik würden am Ende den Weg zu mehr Wohlstand und zur Wiederwahl weisen. Der Autor weiß, auf welchem Ohr Trump hellhörig ist.
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Der US-Präsident, der mittlerweile von Brüssel in London gelandet ist und sich von dort in den Geburtsort von Kriegspremier Winston Churchill hat fliegen lassen, soll heute die Queen treffen. Die alte Dame wird ihn, wie gestern Abend schon Theresa May, auf ein Freihandelsabkommen mit den Briten einschwören. Nach der Abkehr von der EU ist Großbritannien anlehnungsbedürftig. Trump ist es allerdings nicht. Er sagte gestern Abend, dass Boris Johnson ein großartiger Premier wäre und drohte Theresa May, dass ein sanfter Brexit mit allzu großer Nähe zur EU eine Freihandelszone USA/Großbritannien „killen“ würde. So reden Chefs mit ihren Untergebenen.
 
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Ob die Queen an der Schulter von Trump Trost findet, wird sich zeigen. Zumindest dürfte der Preis hoch sein: wirtschaftliche Kooperation gegen politische Vasallentreue. Das einst stolze Königreich, das zu Zeiten seiner größten Ausdehnung ein Drittel der Weltbevölkerung beherrschte, hat sich mit dem Brexit selbst verzwergt. Großbritannien ist dabei, zur Kronkolonie seiner Ex-Kolonie zu werden. Die Geschichte weiß, wie Ironie funktioniert.
 
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Die technologische Revolution bleibt die wichtigste Antriebskraft unserer Zeit, auch für die Börsen. Während S&P 500 und Dow Jones Industrial Average heute Nacht nur leicht zulegten – jeweils um plus 0,9 Prozent – erreichte die Technologiebörse Nasdaq sogar ein neues Allzeithoch. 7.366 Zähler!
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Das Schlusslicht bildeten heute Nacht an der Wall Street Versorger, Banken und erneut Automobilunternehmen und -Zulieferer. Die Pioniere der neuen Zeit heißen Amazon, Apple und Alphabet. Sie besiedeln das virtuelle Neuland (Merkel), in das wir als Nation gerade umziehen. Das für viele Zeitgenossen verwirrende ist die Parallelität der Ereignisse: Wir leben geographisch auf der alten Scholle, aber geistig und ökonomisch in einer neuen Welt. Wir sehen Gedächtniskirche und Kölner Dom, aber wir fühlen den Herzschlag der Algorithmen. Und der deutsche Herzmuskel selbst hat sich, was als medizinische Sensation gelten darf, verlagert – von Rhein und Ruhr über München, Frankfurt und Hamburg nach San José und Mountain View.
 
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Die Lufthansa ist eine deutsche Ikone, und eine deutsche Ärgerlichkeit ist sie auch. Die Verspätungen und Annullierungen von Flügen haben seit Gründung von Eurowings und mit der Übernahme von Air Berlin spürbar zugenommen. Allein Eurowings strich im ersten Halbjahr 2018 mehr als 1000 Flüge. Es ist derzeit leichter im Kasino zu gewinnen als einen pünktlichen Flug zu erwischen, weshalb Trigema-Chef Wolfgang Grupp in einem Brief an den Lufthansa-Aufsichtsrat ankündigte, künftig auf Flüge mit ihrer Fluggesellschaft zu verzichten.
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Ich schließe mich dem Flugboykott an, wenn auch nur für die nächsten vierzehn Tage. Statt auf digitale Anzeigetafeln und überfüllte Sicherheitsschleusen werde ich morgens – zum Beispiel beim Verfassen dieser Zeilen – über das fruchtbare Marschland der Nordseeküste schauen. Dieser Boykott des Alltags heißt übrigens Urlaub.

Wenn Sie in Gedanken auf dem Stuhl neben mir sitzen möchten, der (siehe Foto) auf der Nordseeinsel Pellworm steht, würde mich das sehr freuen. „Wahrheit gibt es nur zu zweien“, hat Hannah Arendt gesagt. Bitte nehmen Sie Platz! 

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Start in das Sommer- und Endspiel-Wochenende. Bei aller Fußball-Begeisterung sollten wir Angelique Kerber nicht vergessen, die morgen im Finale von Wimbledon steht. Das ist mehr als großartig. Wir sehen und hören uns am Montagmorgen wieder. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor