Angriff auf die Fed | Schmutzwäsche bei ThyssenKrupp
DAS MORNING BRIEFING
20.07.2018
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Guten Morgen,
Die Auseinandersetzung zwischen Trump und seinem Geheimdienst-Koordinator Dan Coats spitzt sich weiter zu. Trump gibt Interviews wie am Fließband, fand aber keine Zeit, Coats zu informieren. Der sagte jetzt: „Ich habe keine Ahnung, was beim Treffen zwischen Putin und Trump besprochen wurde.” Und: „Wenn man mich gefragt hätte, ich hätte ein solches Vorgehen nicht empfohlen.“ Coats macht damit deutlich: Not my president! Der Mann fürchtet den Rausschmiss nicht, er provoziert ihn.
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Derweil plant Trump schon im Herbst ein weiteres Treffen mit Putin. Der sprach in Moskau von „nützlichen Abmachungen“, die man in Helsinki getroffen habe. Die Neugier der Senatoren und Kongressabgeordneten könnte größer kaum sein. Welche Abmachungen? Ein Abgeordneter schlug gestern vor, den einzigen Kronzeugen des Spitzengesprächs zu einer Anhörung vorzuladen: die Dolmetscherin. „Time“ veröffentlichte derweil ein Cover, das Trump und Putin verschmelzen lässt – zu Donald Putin.
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Am Wochenende fliegt EU-Kommissar Pierre Moscovici zum G20-Treffen der Finanzminister und Zentralbankchefs in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Tuschelthema Nummer 1 wird auch dort der US-Präsident und sein bizarrer Regierungsstil sein. Denn nach dem Feuergefecht mit dem Sicherheitsapparat eröffnete Trump jetzt eine neue Konfliktlinie: Ohne Vorwarnung griff er heute Nacht die Notenbankgouverneure der Fed an. Er sei nicht glücklich über den starken Dollar und die Politik der schrittweisen Zinserhöhungen: „I'm not happy about it.“ Angesprochen auf die Tatsache, dass es zur Tradition gehört, die Unabhängigkeit der Notenbank zu respektieren, erwiderte Trump: „I couldn't care less.“ Man kann das dreist, unkonventionell oder übermütig nennen. Das wichtigste Gefühl, das ein tollkühner Trump innerhalb des republikanischen Establishments mittlerweile weckt, ist Lust – die Lust auf Rache.
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Die Börsen in den Vereinigten Staaten zeigten sich heute Nacht lustlos. Die Kursgewinne der vergangenen Tage führten zu Gewinnmitnahmen. Zudem fielen die Quartalszahlen einiger Firmen mau aus. eBay verpasste seine Umsatzziele. Der Aluminiumshersteller Alcoa setzte seine Gewinnprognose nach unten. Der US-Kabelriese Comcast gibt das Rennen um das Film- und Fernsehgeschäft von 21st Century Fox auf. Kein Wunder also: Der Dow Jones gab 0,53 Prozent auf 25.064 Punkte nach. Der S&P-500 sackte um 0,4 Prozent ab. Der DAX erhält für heute also aus Amerika keinerlei Impulse. Nach den handelspolitischen Drohgebärden der vergangenen Wochen muss man diesen Satz als Erleichterung begreifen.
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Die Bekleidungsfirma About You, ein Internet-Ableger des Otto-Konzerns aus Hamburg, ist jetzt in die Königsklasse der Start-ups aufgestiegen. Die Unternehmensbewertung liegt nach dem Einstieg neuer Investoren bei 1 Milliarde US-Dollar. Damit ist About You eines der seltenen deutschen Einhörner („Unicorns“). So nennt man Existenzgründungen, die das Niveau von Fitnesscentern, Schmuckgeschäften und Szene-Restaurants hinter sich gelassen haben, um in die Regionen volkswirtschaftlicher Relevanz aufzusteigen. Gut so! Ohne diese Mammuts des Digitalzeitalters würde Deutschland sich in einen Zoo für industrielle Dinosaurier verwandeln.
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Chinesische Firmen können nicht nur exportieren. Sie können auch sanieren. Volvo Cars, 2010 von der chinesischen Autofirma Geely übernommen, meldet für das zweite Quartal 2018 erneut einen Gewinnanstieg, diesmal um 29 Prozent. Es ist das vierte erfolgreiche Jahr in Folge für den ehemaligen Sanierungsfall Volvo. Geely heuerte mittlerweile Citigroup, Goldman Sachs und Morgan Stanley an, um einen Volvo-Börsengang noch für dieses Jahr zu organisieren. Chinas Führung hat erkennbar die Siebenmeilenstiefel angezogen. In Bezug auf den Börsenkapitalismus gilt, was der große chinesische Reformer Deng Xiaopeng einst sagte: „Es kommt nicht darauf an, ob die Katze weiß oder schwarz ist, sondern ob sie Mäuse fängt.“
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Bei ThyssenKrupp geht es weiter hoch her. Nach seinem Rücktritt sprach der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner im Interview mit der „Zeit“ von „Psychoterror“, den leitende Mitarbeiter des Konzerns seitens angelsächsischer Aktionäre aushalten mussten; einige Manager hatten anschließend psychiatrische Behandlung gebraucht. Der US-Hegdefonds Elliott, der mit fast drei Prozent an ThyssenKrupp beteiligt ist, wies die Vorwürfe nun in einem Brief an die ThyssenKrupp-Mitarbeiter zurück. Lehners Äußerungen seien diffamierend, bösartig und rücksichtslos. Fazit: Derzeit produziert man bei ThyssenKrupp nicht in erster Linie Stahl, sondern schmutzige Wäsche. Und im Aufsichtsrat findet sich offenbar niemand, der den Knopf für den richtigen Waschgang drückt. Die empfohlene Temperatur in diesem Fall: 95 °. Kochwäsche! Ich wünsche Ihnen ein Wochenende der Gelassenheit. Es grüßt Sie auf das Herzlichste, Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor