AfD-Wähler entmystifiziert | Audi erwischt
 
DAS MORNING BRIEFING
08.10.2018
 
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Guten Morgen,
die Geschichte der 68er-Revolution in Deutschland wird wohl für immer unvollendet bleiben. Jedenfalls hat man vergessen, beim langen Marsch durch die Institutionen bei der Jungen Union vorbeizuschauen. Am Wochenende war wieder „Deutschlandtag“ der JU. Angela Merkel wusste schon vorher: Hier wird nur gestichelt, nicht gestochen. Nach einem Festival der leeren Worte durfte sie im Applaus der Parteijugend baden.

Nur wer eine Stoppuhr besaß, konnte einen Hauch von Revolution spüren. Denn der Applaus für den 38-jährigen Gesundheitsminister und Merkel-Kritiker Jens Spahn fiel deutlich länger aus: 55 Sekunden gegenüber 110 Sekunden. APO für Anfänger.
 
Norbert Röttgen dagegen hat deutlicher hingelangt. Im „Spiegel“-Interview sprach der ehemalige Umweltminister und heutige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag von „der systemischen Müdigkeit der Demokratie“ und machte deutlich, dass er allmählich ungeduldig wird: „Dass sich politisch etwas verändern muss, ist mit Händen zu greifen. Es passiert aber nichts.“
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Aber was genau meint er damit? Grund genug, bei Röttgen nachzufragen. Im Morning Briefing Podcast  diagnostiziert der Mann „eine Kapitulation der Politik vor den Veränderungen“ – für ihn vor allem Digitalisierung und Migration – und spricht in diesem Zusammenhang von einer „Preisgabe des Gestaltungsanspruches“. Es gehe nun auch für die CDU „um das Projekt der Wiederbeheimatung von Politik in der Politik.“ Und dieses Projekt duldet für ihn keinen Aufschub: „Es ist von strategischer Bedeutung, dass die Weichen auf dem CDU-Parteitag im Dezember richtig gestellt werden.“
 
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Gleiches Thema, anderer Blickwinkel: Mit WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, der für die ARD mit dem Meinungsforschungsinstitut Infratest zusammenarbeitet und nahezu täglich die Bürger und ihre Wahlmotive analysiert, habe ich über die Seele der AfD-Wähler gesprochen. Und die schimmert – anders als die Seele von so manchem AfD-Funktionär – nicht braun, sondern rötlich. Die deutliche Zunahme der Asylverfahren (Grafik unten) habe die ohnehin bestehende Angst vor Veränderung bestärkt und vor allem die Sorge genährt, bei dieser Veränderung kulturell zu den Verlieren zu zählen. 

Schönenborn entmystifiziert die Klischees und korrigiert damit unser Bild von jenen Menschen, die in den Medien pauschal „Rechtspopulisten“ genannt werden. Schönenborn sagt: „Wer von Rechtsruck spricht, der läuft Gefahr, die Menschen, die auf der Suche sind, die einen Notruf abgeben, gänzlich zu verlieren.“
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Die CSU hat im Vorfeld der erwarteten Niederlage am kommenden Wochenende von der Bekämpfung des Gegners auf parteiinternen Nahkampf umgeschaltet. Ministerpräsident Markus Söder sagt: Nicht er, sondern Berlin sei schuld. Horst Seehofer weist das in der „Süddeutschen Zeitung“ zurück und behauptet: Er habe sich „in den letzten sechs Monaten weder in die bayerische Politik noch in die Wahlkampfführung eingemischt“. Das sei „das persönliche Vorrecht des Ministerpräsidenten Markus Söder“.
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Diese öffentlich zur Schau gestellte Flucht aus der Verantwortung mutet für eine Partei, die sich sonst immer ihrer Tapferkeit rühmt, weinerlich an. Oder um es mit Carl von Ossietzky zu sagen: „Man kann nicht kämpfen, wenn die Hosen voller sind als das Herz."
 
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Viele nennen ihn den Tropen-Trump: Jair Bolsonaro hat die erste Runde der Präsidentschaftswahl in Brasilien heute Nacht für sich entschieden: Von den 120 Millionen Wahlberechtigten – in Brasilien besteht Wahlpflicht – votierten 47 Prozent für ihn, wie die Behörden nach der Auszählung eines Großteils der Stimmen mitteilten. Sollte Bolsonaro noch auf über 50 Prozent kommen, gewinnt er das Rennen um das höchste Staatsamt sofort, andernfalls muss er in drei Woche in eine Stichwahl.

Der Ex-Militär wurde bei einem Messerangriff Anfang September verletzt und konnte erst vor einer Woche das Krankenhaus verlassen. So führte er Wahlkampf via YouTube, Facebook und Twitter. Sein Sohn traf sich mit Steve Bannon. Die Trump-Revolution frisst offenbar nicht ihre Kinder, sie bringt Enkel hervor.
 
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Einer dieser Enkel ist auch Brett Kavanaugh. Der Trump-Kandidat ist nach den Anhörungen, die sich um den mehrfach erhobenen Vorwurf des sexuellen Missbrauchs drehten, jetzt doch zum Richter am obersten Gericht der USA vereidigt worden – auf Lebenszeit. Trump kann damit vor den Midterm-Wahlen einen entscheidenden Sieg verbuchen. Doch es dürfte sich um einen Pyrrhussieg handeln. Die amerikanische Frauenbewegung – gerade weil sie eine schmerzhafte Niederlage kassiert hat – geht gestärkt aus dem Machtpoker hervor. Trump hat seinen Mann, die Frauen haben das Argument. Er gewinnt einen Posten, sie den historischen Prozess.
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Die Bloomberg"-Enthüllung, wonach chinesische Computerhersteller ihre Kunden ausspionieren, bleibt nicht ohne Folgen für das Reich der Mitte. Die Aktien der großen chinesischen Computer- und Chip-Hersteller, die für den Weltmarkt produzieren, haben stark an Wert verloren. Vor allem der Serverhersteller Super Micro Computer, in dessen Geräten die feindliche Hardware gefunden wurde, büßte bis Handelsschluss am Freitag rund 38 Prozent ein. Die Macht kommt nicht mehr nur aus den Läufen der Gewehre, wie Mao meinte, sondern auch aus den Portemonnaies der Investoren.
 
 
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Rupert Stadler ist weg, der Vorwurf von Lug und Trug bleibt. Die Süddeutsche Zeitung" schreibt in ihrer heutigen Ausgabe, dass Audi jahrelang Fahrgestellnummern und Testprotokolle manipuliert habe, um Autos, die in Südkorea keine Zulassung bekommen hätten, doch noch verkaufen zu können. Die entsprechenden Dokumente sind offenbar ein Beifang der Diesel-Ermittlungen. Den eigenen Werbeslogan „Vorsprung durch Technik“ hat Audi wohl nicht als Verpflichtung, sondern als Tarnung verstanden.
 
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Erst vor einigen Wochen habe ich mit einem Team leidenschaftlicher Journalistinnen und Journalisten aus Berlin, New York und Washington das Projekt „Steingarts Morning Briefing – Der Podcast“  gestartet: frisch, frech, fröhlich und bewusst (werbe)frei. Mit dabei sind die Wall-Street-Reporterin Sophie Schimansky (n-tv, Deutsche Welle), der Washingtoner Insider und Buchautor Peter Ross-Range (Ex-Time-Magazine) und der ehemalige Chefredakteur des Berliner Rundfunks, Mark Schubert. Der Mut zur Innovation sprang auf unsere hochkarätigen Gesprächspartner über: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble („Was ist eigentlich ein Podcast?“) stand spontan zum Interview bereit, genauso wie Sigmar Gabriel, Christian Lindner, Sahra Wagenknecht, Robert Habeck, EKD-Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm, Professor Hans-Werner Sinn oder die Schriftstellerin Thea Dorn.
 
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Doch erst Ihr Interesse und Ihr Enthusiasmus – liebe Leserin, lieber Leser – haben uns den ersten Platz der deutschen Podcast-Hitparade vom vergangenen Freitag beschert. Dafür möchte ich im Namen aller Beteiligten Dankeschön sagen. Ihre Anerkennung ist unser Lohn. Wir bereuen nichts! Für Menschen wie Sie springen wir gerne um 5 Uhr aus dem Bett.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in die neue Woche. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor