Währungskrise in Argentinien | Reumütiger Jogi Löw
 
DAS MORNING BRIEFING
30.08.2018
 
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Guten Morgen,
dass CDU, CSU und SPD nun schon seit Monaten in keiner Meinungsumfrage über eine politische Mehrheit verfügen, ärgert die Akteure. Sie fangen an, dies den Medien, den Meinungsbefragern und der Bevölkerung übel zu nehmen.

Als kleinen Stimmungsaufheller hat die Bundesregierung nun eine neuerliche Digitalisierungsinitiative mit zwei neuen Behörden gestartet. Diese wurde gestern von Innenminister Horst Seehofer und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen verkündet. Die beiden Behörden sollen beim Sprung in das Internet-Zeitalter helfen. Und ein bisschen sollen sie auch helfen, die miese Stimmung im Lande zu vertreiben.

Und weil „Behörde“ nach Staub und nicht nach Silicon Valley klingt, heißt die eine Behörde „Agentur für Innovation in der Cybersicherheit“, die andere „Agentur für Sprunginnovation“. Letztere wird in den nächsten zehn Jahren mit einem Investitionsvolumen von etwa einer Milliarde Euro ausgestattet. Die Cybersicherheits-Agentur kommt dagegen auf einen Etat von nur 200 Millionen Euro über fünf Jahre. Ihre personelle Ausstattung ist mit rund 100 Personen nicht gerade üppig ausgefallen. Das entspricht ungefähr der halben Mannstärke der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“. Aber immerhin. Sprunginnovation ist schon als Wort kreativ und verdient Belobigung
 
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Womit wir bei Jogi Löw wären. Der hat – und das ist für sein bisheriges Verhalten ebenfalls innovativ – die Schmach der Fußballweltmeisterschaft in Russland analytisch aufgearbeitet und gestern Klartext gesprochen. Man sei zu arrogant gewesen, habe zu stur und zu starr gespielt. Nicht Angriffs-, sondern Ballbesitz-Fußball, nannte er das. Auch das ist innovativ.

Wahrscheinlich muss man die Berliner Sprunginnovation und Löws Ballbesitz-Fußball zusammendenken; vielleicht ist ja das eine das Gegengift des anderen. Wer nicht springt, der stolpert. Wer nur besitzt, der verliert. Arroganz hilft, aber immer nur den anderen. Vielleicht sollte sich der Deutsche Fußballbund sogar an der Agentur für Sprunginnovation beteiligen. Damit schlagen wir zwar nicht Google und Amazon, aber beim nächsten Mal wenigstens Südkorea.
 
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Über diese Themen und noch viel mehr habe ich mit dem Internet-Experten Sascha Lobo für den heutigen Morning Briefing Podcast gesprochen. Sein Urteil zur Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung fällt schon deshalb vernichtend aus, weil er gar keine Strategie erkennen kann. Und jenen, die den Kindern am liebsten Notebook und Handy wegnehmen würden, erwidert er: „Sexuelle Aufklärung erreicht man nicht durch Enthaltsamkeit.“
 
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In Chemnitz werden neue Protest- und Trauermärsche vorbereitet. Die Stadt findet offenbar Gefallen darin, das gute Ansehen Deutschlands in der Welt zu beschädigen. Früher, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß, exportierte man Werkzeugmaschinen in den Ostblock. Heute hat es der Chemnitzer Hitlergruß zum medialen Exportschlager gebracht. Wenn allein die sogenannte „name recognition” zählt, also die Wiedererkennung eines Namens, dann hat Chemnitz alles richtig gemacht.
 
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FDP-Vize Wolfgang Kubicki sieht die Neonazis durch die Innenstadt marschieren und macht dafür Angela Merkel verantwortlich. Das ist verwegen, fand auch seine Parteifreundin Agnes Strack-Zimmermann, die im FDP-Vorstand ebenfalls einen Stellvertreterposten bekleidet. Solche Schuldzuweisung unter Demokraten sind daneben und helfen nur den Rechten, sagte sie. Und was können wir von Kubicki lernen? Wenn gerade keiner über einen spricht, dann macht man eben selbst seine Nachrichten. Politik als Windkraftanlage für Selbstversorger.
 
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In Lateinamerika rumort es: Der argentinische Peso fällt und fällt, obwohl das Land erst im Juni einen 50-Milliarden-Kredit des Weltwährungsfonds erhalten hat. Gestern reagierte der IWF auf den Schwächeanfall der Währung. Christine Lagarde kündigte eine erneute Untersuchung des Falls Argentinien aufgrund "ungünstiger Marktbedingungen" an. Doch die Investoren sind skeptisch. Die Verschuldung ist zu hoch. Die Inflation galoppiert. Binnen Jahresfrist hat die Kaufkraft des Pesos im Inland um 43 Prozent nachgelassen. Niemand sollte die Turbulenzen in Argentinien, Venezuela und Brasilien unterschätzen: Wenn Südamerika hustet, bekommt auch Nordamerika irgendwann die Grippe. Vorsicht Ansteckungsgefahr.
 
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Viele Menschen haben keine emotionale Bindung zu ihrem Job, fühlen sich ihrem Sportclub oder ihrer Facebook-Community nahe, aber nicht ihrem Unternehmen: Mehr als fünf Millionen Arbeitnehmer haben bereits innerlich gekündigt. Bei 44,7 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland wären das etwa elf Prozent. Das fand das Beratungsunternehmen Gallup heraus.

Falls ihre Chefin oder ihr Chef sie weder inspiriert noch motiviert, versuchen Sie es mit Selbstsuggestion. Was Jogi Löw gestern über die Nationalelf sagte, gilt schließlich für uns alle: „Die Lunte muss immer mehr brennen.“

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor