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DAS MORNING BRIEFING
11.07.2018
 
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Guten Morgen,
seit dem Zweiten Weltkrieg war es immer so: Die Bundesdeutschen zogen die deutsche Karte. Sie brauchten und bekamen Hilfe beim Wiederaufbau, um als Frontstaat gegen die DDR funktionieren zu können. Sie brauchten und bekamen den Schutzschirm des US-Militärs, um Moskaus Rote Armee in Schach zu halten. Dem deutschen Antrag auf Freistellung von den weltweiten Kriegseinsätzen wurde stattgegeben, damit Deutschland nach der historischen Schuld nicht weitere Schuld auf sich laden musste. Die deutsche Karte war für das Nachkriegsdeutschland ein Joker.
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Trump ist der erste US-Präsident, der nicht mehr nach den Spielregeln der Nachkriegszeit spielt. Den deutschen Wiederaufbau hält er für beendet, weshalb ihm hohe Zölle für US-Autos nicht einleuchten. Den Schutzschirm der US-Armee will er weiter gewähren, aber gegen Bezahlung. Und die deutsche Schuld als Grund für militärische Enthaltsamkeit hält er für eine deutsche Ausrede. Kurz gesagt: Der Joker von gestern ist der Schwarze Peter von heute.
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Zum Nato-Gipfel, der jetzt gleich in Brüssel beginnt, reist Trump mit Gattin Melania und folgender Bloomberg-Statistik an:
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Sie belegt, dass 24 von 29 Nato-Mitgliedern das 2014 verabredete Ziel verfehlen. Danach sollten zwei Prozent der Wirtschaftskraft für die Militärausgaben investiert werden. Vor allem beim reichen Deutschland, das gegenüber den Amerikanern enorme Handelsbilanzüberschüsse erzielt, sieht Trump Nachholbedarf. In seinem letzten Tweet vor der Ankunft in Brüssel, verfasst an Bord der Airforce One, schreibt er, die bisherige transatlantische Arbeitsteilung werde nicht länger funktionieren: „Just doesn’t work.”
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Angela Merkel und ihr außenpolitisches Beraterteam täten gut daran, die neuen Spielregeln nicht nur abzulehnen, sondern vorher noch zu studieren. Die amerikanische Administration spielt hart, aber nicht unfair. Deutschland braucht ein neues Blatt auf der Hand. Bevor man Trump bekämpft, muss man ihn verstehen. Er ist nicht der Erfinder der neuen Zeit, sondern ihr Vollstrecker. Das Nachkriegskind Bundesrepublik ist erwachsen geworden, die Haftung der Eltern erloschen.
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Hinzu kommt: Ökonomisch bildete sich eine neue amerikanische Dominanz heraus, die man beklagen, aber nicht ignorieren kann. Trotz der unbestreitbaren Erfolge von Adidas, Linde, Bayer, SAP und der deutschen Autoindustrie hat Amerika in vielen Zentralbereichen der Volkswirtschaft die Deutschen deklassiert. Technologie, Banken, Handel und Pharma: Vergleicht man die amerikanische Nr. 1 mit der deutschen Nr. 1, kommt man zu einem ernüchternden Ergebnis: Amerika ist der Koch, Deutschland kellnert.
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Industrie 4.0 ist zur Chiffre für den Weltmeister der Gemütlichkeit geworden. Slow Motion, Slow Food und Slow Engineering:

- Die Deutschen optimieren den Diesel, die Amerikaner organisieren Mobilität.

- Die Deutschen beklagen die Verödung der Innenstädte, die Amerikaner schicken Drohnen los.

- Die Deutschen wollen ihre Bankfilialen retten, die Amerikaner zapfen Geld aus dem Internet, von den Experten Blockchain genannt.

- Wir vergöttern Gottlieb Daimler, Werner von Siemens und Robert Bosch, die Amerikaner feiern das iPhone, Google und den Tesla.

- Dieter Zetsche, Joe Kaeser und Heinrich Hiesinger verfolgen die Rettung der zwölf thailändischen Jungs im Fernsehen; der amerikanische Unternehmer Elon Musk taucht mit einem selbstgebauten Mini-U-Boot vorm Höhleneingang auf.
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Es klingt wie eine Polemik und ist doch nichts als die Wahrheit: Deutschland optimiert, Amerika erfindet. Wir verfügen über effektive Manager, Amerika über Pioniere. Wir sind fleißig, die Macher und Macherinnen im Silicon Valley sind besessen. Übersetzt in die Welt der Politik bedeutet das: Angela Merkel kann gegen Trump protestieren, aber Trump kann Merkel dominieren und am Ende auch domestizieren. Trump hat, wenn er heute durch Brüssel spaziert, mehrere Asse im Ärmel, die die US-Wirtschaft ihm zugesteckt hat. Die deutsche Karte aber sticht nicht mehr.
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Nur im Fußball stellt Europa die Amerikaner noch immer in den Schatten. Zumindest bei den Franzosen funktionierten die Offensivkräfte gestern tadellos. Die Grande Nation steht im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft, was dem Turnier endlich wieder einen Sinn verleiht. Nach der verfrühten Heimkehr der deutschen Mannschaft sind wir nun alle Franzosen.

Ich wünsche Ihnen einen optimistischen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor