Hans-Georg Maaßen im Interview | Boeings Strömungsabriss

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
11.07.2019
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Guten Morgen,
das Fundament einer jeden Kanzlerschaft besteht nicht aus Parteibüchern und Steuergeschenken, sondern aus Vertrauenskapital. Das Volk führt im Stillen eine Bilanz, die in aller Regel mit einem Vertrauensvorschuss für den neuen Regierungschef beginnt. Je nach Lauf der Dinge wird sich dieses anfangs eingezahlte Kapital verzinsen und politisch für den Amtsinhaber hohe Renditen in Gestalt schöner Wahlerfolge abwerfen – oder aber es wird allmählich aufgezehrt, bis die Zeit für Abschreibungen gekommen ist.

Womit wir bei Angela Merkel wären. In der Beziehung zwischen ihr und dem Volk ist ein Vermögensverzehr zu verzeichnen, der sich gestern durch die Auflösung weiterer stiller Reserven beschleunigte. Das Problem besteht weniger im gesundheitlichen Zustand der Regierungschefin als vielmehr in ihrer Unwilligkeit, offen darüber zu sprechen. 

Die Kanzlerin bleibt bewusst unscharf. Sie täuscht jenen, die in sie ihre Stimme, ihre Hoffnungen und eben auch ihr Vertrauen investiert haben, eine Normalität vor, die es nicht mehr gibt. Merkel verweigert sich den Grundsätzen der transparenten Rechnungslegung, die beim Spitzenpersonal immer auch den eigenen Gesundheitszustand einschließt. Sie sagte gestern:
Ich glaube, dass es so, wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Es ist aber noch nicht so weit. Ansonsten bin ich ganz fest davon überzeugt, dass ich gut leistungsfähig bin.“
So schmilzt ihr Vertrauenskapital dahin. Die Beziehung zwischen Volk und Volksvertreterin, die schon in der Flüchtlingskrise einen Knacks bekam, wird nun dem ultimativen Stresstest unterzogen. Auf die entscheidenden Fragen – ist diese Regierungschefin noch im Vollbesitz ihrer Kräfte? Existiert ein Plan B für die Spitze von Europas größter Volkswirtschaft? – gibt es derzeit keine Anwort.

Richtig ist ja: Es ist ihr Leben und ihre Gesundheit. Aber: Für das hohe Staatsamt gelten andere Eigentumsverhältnisse. Das Volk hat die Macht an Merkel delegiert, nicht verschenkt. Sie ist die abhängig Beschäftigte, nicht die Vorgesetzte der Bürgerinnen und Bürger. Das Bundeskanzleramt ist nur als Leihgabe zu haben.
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Ursula von der Leyen befindet sich derzeit auf Wahlkampftour durch die Fraktionen des EU-Parlaments. Doch die Wunden des Postengeschachers bleiben: Warum erklärt man Menschen zu Spitzenkandidaten, um sie anschließend zu demütigen? Und mit welchen Argumenten wirbt die aus dem Hut gezogene Ursula von der Leyen für sich? Darüber habe ich heute Morgen mit dem langjährigen ZDF-Korrespondenten in Brüssel, Udo van Kampen, gesprochen, der sich zu vertraulichen Gesprächen derzeit in der europäischen Hauptstadt aufhält. Er sagt: Eine Mehrheit für sie als künftige Kommissionspräsidentin ist nicht gesichert, aber wahrscheinlich.
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US-Notenbankchef Jerome Powell hat die Finanzmärkte befeuert. Denn seine Hand ist erkennbar am Geldhahn. Die Fed stehe bereit „angemessen zu handeln“, um nachhaltiges Wachstum zu sichern, sagte er. Das heißt im Klartext: Die Geldpolitik wird der Wall Street die Jetons nicht entziehen. Die Party geht weiter.
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Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen ist unzufrieden mit den Medien. Er, der konservative Provokateur, vermisst Pluralität und wirft den deutschen Journalisten einen Herdentrieb vor. Erst über den Umweg der Auslandspresse, in seinem Fall der „Neuen Zürcher Zeitung“, könne man sich ein objektives Bild der Lage machen:
Für mich ist die NZZ so etwas wie ,Westfernsehen‘.“
Mit dieser Bemerkung zog Maaßen, der nach seinem erzwungenen Rücktritt als Verfassungsschutzpräsident nun der Werteunion innerhalb der CDU angehört, den Unmut auf sich. Auch die „Neue Zürcher Zeitung“ wollte so nicht vereinnahmt werden.

Doch was ist dran am Kern vom Kern der Kritik von Hans-Georg Maaßen? Um das herauszufinden, habe ich ihn heute Morgen angerufen. Hier seine Kernaussagen:
Wir müssen uns in Deutschland Gedanken über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk machen. Das kann aus meiner Sicht so nicht weitergehen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist mehr und mehr zu einem Tendenzbetrieb geworden.“
Ich sehe eine Inzucht in den Redaktionsstuben. Bestimmte Netzwerke fördern ihre Leute, die sie dann nach oben bringen.“
Für die Märchen des „Spiegel“-Reporters Relotius haben die Leute auch noch Geld bezahlt. Man hätte sich fragen können, ob die Kunden des „Spiegel“ für diese Märchen nicht Schadensersatz verlangen können. Als Jurist hätte ich mir jedenfalls diese Frage gestellt.“
Fazit: Die Debatte über die Rolle der Medien muss geführt werden. Wer sendet, sollte auch empfangen – zum Beispiel seine Kritiker.
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Die beiden Abstürze der Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max, bei denen 346 Menschen starben, sowie das darauf folgende Flugverbot werden den Konzern in diesem Jahr den Titel des weltgrößten Flugzeugbauers kosten.

2018 lag das amerikanische Luftfahrtunternehmen noch mit 806 ausgelieferten Maschinen und 101 Milliarden US-Dollar Umsatz vor der europäischen Konkurrenz Airbus. Doch Boeings Mittelstrecken-Jets sind nach anhaltenden Skandalmeldungen und Ermittlungen der US-Luftverkehrsaufsicht zum Ladenhüter geworden.

Insgesamt brachen die Auslieferungen im ersten Halbjahr nach eigenen Angaben um 37 Prozent ein. Allein der Verkauf der 737 Max sackte von 137 auf 24 Stück. Airbus profitiert und meldet nach der weltgrößten Luftfahrtmesse in Le Bourget die Auslieferung von weiteren 389 Flugzeugen und damit einen Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wirtschaft sei kein Nullsummenspiel, heißt es oft. In diesem Fall schon: Die Tränen der Boeing-Mitarbeiter sind der Treibstoff, der Airbus an die Spitze seiner Industrie katapultiert.
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BMW stürzt nach der Rückzugsmeldung von CEO Harald Krüger in eine Führungskrise. Die beiden internen Nachfolgekandidaten gelten am Kapitalmarkt nicht als Lösung, sondern als Teil des Problems. Nach starken Verlusten stagniert der Aktienkurs derzeit bei rund 66 Euro. Die Aktionäre fremdeln mit dem Aufsichtsrat und seinem Alternativangebot. Aufsichtsratschef Norbert Reithofer sollte nochmal mit sich und seinen Headhuntern in Klausur gehen: Qualität kommt von quälen.
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Daimler
Mit einem Großauftrag an den Automobilzulieferer ZF will Daimler jetzt auf Tesla-Jagd gehen. ZF wird der zentrale Antriebslieferant für die Elektrolinie EQ von Mercedes-Benz. ZF soll das gesamte System liefern – inklusive Motor, Ein-Gang-Getriebe samt Differenzial sowie Leistungselektronik und Software. Ein solcher Großauftrag von Daimler ist für einen Zulieferer so bedeutsam wie für einen Politiker der Friedensnobelpreis. Wer ihn holt, ist der Unsterblichkeit nahe.
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dpa
Heute findet in Hamburg die Hauptversammlung von Deutschlands größtem Optiker statt. Dieses Mal wird nicht der 79-jährige Günther Fielmann – der 1972 den Grundstein für einen Konzern mit aktuell 1,7 Milliarden Euro Jahresumsatz legte – durch die Versammlung führen, sondern sein 29-jähriger Sohn Marc. Damit setzt der Vater ein Zeichen.

Seit acht Jahren treibt Fielmann Senior die Ausbildung seines Sohnes voran und gab ihm portionsweise immer mehr Verantwortung. Zwei vor, eins zurück. Seit April 2018 führten Vater und Sohn die Geschäfte gemeinsam. Jetzt übernimmt der Junior. Die nächste Lektion allerdings wird aus dem Silicon Valley kommen und nicht vom Papa. Nostalgie ist kein Geschäftsmodell.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor