G7 / Daimler / Germany's Next Business Model
 
DAS MORNING BRIEFING
11.06.2018
 
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Guten Morgen,
im normalen Leben wäre die Geschichte von Angela Merkel und Donald Trump schnell erzählt. Eine Frau, deren Dachstube geräumig ausgebaut ist, trifft auf einen Geschäftemacher mit Wolfsinstinkt. Mit einem einzigen Satz aus dem Arsenal des Botho Strauß könnte sie ihn niederstrecken: „Ich dachte mit dir ein geistiges Duell zu führen. Aber ich sehe, du bist unbewaffnet.“
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Doch Trump und Merkel begegnen sich nicht im normalen Leben, sondern im Paralleluniversum der Politik. Und dort wird nach ihren Regeln gesprochen, aber nach seinen gewonnen. Zwar beherbergte sie auch gestern in ihrem Innern ein Universum der klugen Erklärungen, wie erst in Kanada und später bei Anne Will zu besichtigen war, aber im Verhältnis zu Trump hat sie ihre Außengrenze erreicht. Sie versteht alles, aber bewegt fast nichts. Sie analysiert, er handelt; sie ist kühl, er tollkühn; sie denkt, er wittert, zum Beispiel Europas Schwäche.

„Let Trump be Trump“ hatte sein Berater Steve Bannon ihm im US-Wahlkampf geraten. Daran hält sich der Mann. Ungerührt verließ er gestern den G7-Gipfel, um aus der Air Force One heraus das von ihr und den anderen Europäern so geliebte Schluss-Communiqué zu zerreißen. Sie hatte das Bild, aber ihm gehörten die Schlagzeilen.

Merkels Schwäche ist auch die unsere. Wir als Nation haben uns angewöhnt, ein Doppelleben zu führen. Tagsüber genießen wir die süße Frucht des wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Lohntüten sind prall gefüllt, die Flure der Arbeitsämter beinahe leergefegt. Wir brauchen nur noch das Elend ringsherum auszuhalten, die erschossenen Schulkinder in Amerika und die wackeligen Flüchtlingsboote im Mittelmeer, um uns als Glückskinder der Gegenwart zu fühlen.

Doch des Nachts schlafen wir unruhig. Viele beschleicht die düstere Ahnung, dass diese Gegenwart ihr Verfallsdatum bereits überschritten hat. Der wirtschaftliche Herkules Deutschland steht politisch als Däumling da. Und auch das Herkuleshafte unserer Volkswirtschaft zeigt Spuren der Verwitterung. In den Bilanzen von Siemens, Volkswagen, Telekom und Thyssen-Krupp wächst das Moos. Bahnbrechende Erfindungen, also solche, bei denen der Jugend das Herz rast, gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Beschwichtigungsrhetorik von der Industrie 4.0 ist der Modeschmuck unserer Zeit.
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Die einst stolze Deutsche Bank notiert an der Börse nur noch zum Schnäppchenpreis. In China zählt man schon das Kleingeld. Die letzte aufsehenerregende Erfindung deutscher Autoingenieure war die Abschaltsoftware für den Diesel. Heute muss Daimler-Chef Dieter Zetsche deshalb erneut in Berlin zum Rapport antreten. Für Vorstandsvorsitzende kann auch Nichtwissen tödlich sein.
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Deutschland spielt auf Halten, derweil Amerika mit Google und Co. die Spielregeln der neuen Zeit definiert. „Die amerikanische Innovationskraft“, sagte Merkel gestern Abend bei Anne Will, „stattet den amerikanischen Präsidenten mit großer Macht aus.“ Wenn Trump ein Überbauphänomen ist, um mit Karl Marx zu sprechen, sind Apple, Facebook und Amazon die Basis. Und Merkels Machtlosigkeit findet demnach in der althergebrachten deutschen Industriestruktur ihre Entsprechung. Könnten die TV-Verantwortlichen sich noch an ihren Auftrag zur Aufklärung erinnern, müsste Heidi Klums Castingshow zwar nicht abgesetzt, wohl aber umprofiliert werden: Von Gesäß auf Grips, von Style auf Substanz. Gesucht wird doch in Wahrheit: Germany’s Next Business Model.

Im Getöse eigener Geschäftigkeit hören wir die Sirenen nicht, die aus Amerika zu uns dringen. Der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel war es, der als einfacher Abgeordneter am vergangenen Donnerstag auf der Trauerfeier zum Gedenken an den im Schnee verschollenen Unternehmer Karl-Erivan Haub einen Ton anschlug, der uns zur Zuversicht und zum Fortschrittsdrang ermuntern sollte: „Man muss das Leben nehmen, wie es ist. Aber man darf es nicht so lassen.“
Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Schön, dass wir wieder beisammen sind.

Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor