Interview mit E.ON-Chef | Boris Johnson vorn
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
10.07.2019
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Guten Morgen,
dass Deutschland seine Klimaziele nicht erreicht, liegt am allerwenigsten an Angela Merkel: Ihr CO2-Fußabdruck hinterlässt – ähnlich wie die Regierungsbilanz der GroKo – kaum nennenswerte Spuren. Im Sommer unternimmt die Kanzlerin seit jeher keine Flugreisen, sondern stapft eigenfüßig durchs Gebirge. Sie fährt keinen SUV. Ihr Ferienhaus liegt nicht auf Mallorca, sondern in der Uckermark. Und dienstlich bleibt ihr Bundeswehrflieger aufgrund wechselnder Defekte meist am Boden. So funktioniert Nachhaltigkeit.

Wir Otto-Normal-Bürger funktionieren anders. Ausweislich aller verfügbaren Statistiken sind wir die, vor denen uns unsere Kinder warnen. Wir umhüllen die Warenwelt mit Plastik und lassen es als Autofahrer und Vielreisende klimatechnisch ziemlich krachen. Ohne uns selbst zu nahe treten zu wollen: Wir leben anders, als wir wählen, fühlen und reden. Hier die unbequemen Fakten:

►Die Kreuzfahrtbranche erlebt hierzulande einen Boom: 2018 fuhren 2,3 Millionen Deutsche über die Weltmeere, doppelt so viele wie vor zehn Jahren.
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► Alle sprechen über Klimaschutz, aber die Straße spricht eine andere Sprache: Die Zahl der Neuzulassungen von SUVs und Geländewagen hat sich in Deutschland seit 2013 mehr als verdoppelt. 

► Das Elektroauto führt ein Leben als Medienstar, ist im wahren Leben allerdings nur in homöopathischen Dosen anzutreffen. Der Marktanteil: 2,6 Prozent bei den Neuwagen inklusive Plug-in-Hybriden. In China sind es doppelt so viele. In Norwegen haben sogar 60 Prozent der 2018 verkauften Autos einen E-Antrieb.
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► Das Passagieraufkommen an deutschen Flughäfen nahm seit 2001 um rund 74 Prozent zu. Wir sind dann mal weg!

► Der LKW produziert im Gegensatz zum Zug das Vierfache an CO2-Emissionen. Trotzdem entfallen 72 Prozent der Frachtkilometer im Güterverkehr auf den Laster. Wenn Greta Thunberg schläft, übernehmen die Brummifahrer das Land.

►Besonders verdächtig: Alle sind plötzlich Vegetarier oder Veganer, aber der Fleischkonsum pro Kopf verharrt bei rund 60 Kilo im Jahr – genauso viel wie vor 14 Jahren.
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Nachhaltigkeit ist das Firmenziel, sagt jeder Vorstandschef, der etwas auf sich hält. In Wahrheit aber haben zehn der dreißig im DAX gelisteten Unternehmen ihre Emissionen 2018 im Vergleich zum Vorjahr erhöht (Grafik oben).

Was im wahren Leben des Landes unterbleibt, muss in der Politik nachgeliefert werden. Laut der einschlägigen Meinungsumfragen rangiert das Thema Klimaschutz bei der Mehrzahl der Wähler auf Platz eins, was die Politiker zu der Annahme treibt, das Volk wolle vor sich selbst beschützt werden. 

Die CO2-Abgabe auf alles was brennt, qualmt und stinkt, erlebt daher ihren kometenhaften Aufstieg zur Steuer der Saison. Der moderne Politiker trägt grün. Der Vorschlag von SPD-Umweltministerin Svenja Schulze, die Einführung einer steuerlichen Strafgebühr in der Höhe von 35 Euro pro Tonne CO2, setzt sich durch – auch in der Industrie. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer ist dafür und E.ON-Vorstandschef Johannes Teyssen auch.
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Der Mann, der gerade dabei ist, sein Imperium durch die Integration der RWE-Tochter innogy deutlich zu vergrößern, weiß, welche Stunde geschlagen hat. Er hält die CO2-Besteuerung mittlerweile sogar für alternativlos. Es handle sich, sagt er im Interview für den Morning Briefing Podcast , um einen „entscheidenden und unverzichtbaren Baustein“ der Klimawende:
Ohne eine Befreiung von CO2 in allen Sektoren kann und wird uns ein Gegensteuern gegen den Klimawandel nicht gelingen.“
Wir sind überzeugt davon, dass sich mit einem Preis von 35 Euro pro Tonne ein erstes Umsteigen ergeben wird. Über die Verteuerung wird die Wirkungslenkung stetig zunehmen.“
Allerdings: Teyssen ist Wirtschaftsführer und nicht Masochist. Er will die Milliarden zwar bei den schmutzigen Stromarten, als da wären Kohle, Gas und Öl, einsammeln, aber nur, um sie bei den sauberen Stromarten, also bei Sonne, Wind und Biogas, wieder zurückzugeben.
Für den durchschnittlichen Bürger, der sich vernünftig verhält, ein durchschnittliches Haus und Auto hat, wird es im Ergebnis eine Entlastung oder ein Nullsummenspiel geben.“
Von der Wiedereinführung der Kernenergie – wie sie unlängst Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle ins Spiel gebracht hatte – rät Teyssen ab. Und zwar aus wirtschaftlichen Gründen:
Die Kernenergie ist einfach in ihren Risiko- und Kapitalkosten zu teuer.“
Fazit: Die Klimawende kann gelingen. Dafür braucht es neben leidenschaftlichen Wirtschaftsführern, ergrünten Politikern und hohen Umweltsteuern auch noch uns, die wir die Apokalypse, von der wir nachts träumen, am hellichten Tag mit Zuversicht bekämpfen. Oder um es mit Albert Camus zu sagen: „Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung.“
 
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Donald Trump ist fast schon ein wenig spät dran, aber hinten am letzten Wagen sprang er gestern auf den Klima-Zug auf. Vor 200 geladenen Gästen im Salon des Weißen Haus schlug auch er den Greta-Sound an:
Wir haben nur ein Amerika, wir haben nur eine Erde und wir werden jeden Tag die von Gott geschaffenen Geschöpfe schützen, von Küste zu Küste.“
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Der US-amerikanische CO2-Ausstoß pro Kopf ist mit 15 Tonnen jährlich (Deutschland: 8,9 Tonnen) mehr als dreimal so hoch wie der Weltdurchschnitt. Das aber kann den Präsidenten in seinem grünen Sturm und Drang nicht bremsen:
Wir wollen die sauberste Luft, wir wollen kristallklares Wasser.“
Der amerikanische Präsident ist nun mal ein echter Profi, zumindest in Sachen Eigenvermarktung: Trump for Future!
 
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In Großbritanniens Wirtschaft geht die Sorge vor dem ökonomischen Abstieg um. Im zweiten Quartal 2019 schrumpfte die britische Wirtschaft erstmals seit 2012 um 0,1 Prozent. Damit lag die Wirtschaftsleistung auf der Insel deutlich unterhalb der Prognose.

Der nächste Premierminister muss es richten. Gestern Abend kam es vor einem Millionen-Publikum zum TV-Duell zwischen Boris Johnson und Jeremy Hunt, die sich beide um den Spitzenposten bewerben.
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Der Tausendsassa Johnson forderte einmal mehr den Bruch mit der Vergangenheit:
Dieses Land steht vor einer bedeutsamen Wahl – wir können entweder mit dem gleichen alten, gescheiterten Ansatz weitermachen, das Vertrauen in die Politik zerstören und das Vertrauen der Unternehmen schwächen. Oder wir können uns ändern, unser Mojo zurückholen, den Ruf dieses Landes auf der ganzen Welt wiederherstellen und es auf den Weg zu langfristigem Erfolg bringen.“
Kontrahent Jeremy Hunt konnte nicht mithalten. Der heutige Außenminister versuchte es mit Humor, was nur mittelprächtig gelang:
Du stellst Boris eine Frage, er lächelt dir ins Gesicht und du vergisst die Frage.“
In den Umfragen lag Johnson schon vorher vorn, gestern war seine Überlegenheit zu besichtigen. Die „Financial Times“ urteilt:
Mr. Johnson, der anbot, das Land vom „Hamsterrad des Untergangs“ zu befreien, schien am Ende viele Zuschauer überzeugt zu haben. Womöglich wird es mehr als eine harte Stunde Live-Fernsehen benötigen, um seinen Weitermarsch zur Downing Street zu stoppen.“
 
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Der „John Wayne der BASF“, („FAZ“ über Vorstandschef Martin Brudermüller) steckt in Schwierigkeiten. Sein Colt hat Ladehemmung. Die Börsianer nennen das etwas vornehmer: Gewinnwarnung. Aber das Ergebnis ist das gleiche: Vorne kommt nichts raus. 

Der zweitgrößte Chemiekonzern der Welt, der kleinlaut einen Einbruch beim operativen Gewinn (Ebit) von 30 Prozent für das Jahr 2019 eingestehen musste, hat die Anleger gestern enttäuscht. Mit einer Milliarde Euro liegt BASF im zweiten Quartal 2019 beim Ebit vor Sondereinflüssen sogar 47 Prozent unter dem Vorjahreswert. Und auch der Umsatz ging zurück.

Die Gründe wiegen so schwer, dass mit schneller Besserung nicht zu rechnen ist: 

► Die schwächelnde Automobilindustrie setzt der BASF als großen Zulieferer von Lacken und Kunststoffen zu: „Die Wachstumseinbußen in der globalen Automobilindustrie fielen besonders stark aus“, teilte der Konzern mit. 

► Der von Brudermüller geschätzte Wachstumsmarkt China funkt Alarmsignale nach Ludwigshafen: So sei der Rückgang der Autoproduktion mit rund 13 Prozent mehr als doppelt so hoch ausgefallen wie im globalen Durchschnitt. 

Zwischenzeitlich verlor die Aktie um knapp sechs Prozent. Der John Wayne aus Ludwigshafen muss dringend nachladen.
 
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Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank, hat einen Tapferkeits-Orden verdient, denn er will für ein Viertel seines Grundgehalts von 3,4 Millionen Euro die Aktien des eigenen Geldhauses kaufen. Und das, obwohl die Daten nichts Gutes erahnen lassen:

►Die Aktie notiert 92 Prozent unter ihrem Höchststand vom 11. Mai 2007. 

►Die Bank hat ihre eigenen Versprechen meist nicht halten können. Schon 2015 versicherte sie ihren Aktionären, die Kosten soweit zu drücken, dass von jedem Euro Einnahmen 30 Cent übrig bleiben. 2018 waren es trotzdem nur sieben. Die Dividende hat Sewing für die nächsten zwei Jahre gestrichen, was die Rentabilität seines nun geplanten Investments deutlich schmälern dürfte.

►Von 45 Analysten rät nur noch einer zum Kauf des Wertpapiers. 

Ich kenne den Anlageberater von Christian Sewing nicht. Aber wenn er auch nur halbwegs sein Geschäft versteht, wird er dem Bank-Boss vor diesem massiven Investment dringend warnen: Vorsicht Klumpenrisiko! Natürlich könne man die Deutsche-Bank-Aktie weiter kaufen, wird er wohl sagen, aber besser nur als „spekulative Beimischung“.

Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in diesen neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor