Trump poltert auf UN-Sicherheitsratssitzung | Brexit-Plan der Banken
 
DAS MORNING BRIEFING
27.09.2018
 
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Guten Morgen,
Bundeskanzlerin Angela Merkel klammert sich an die schmelzende Eisscholle ihrer Macht. Die bundesdeutsche Verfassung, die nach den Erfahrungen der Weimar Republik schnelle Regierungswechsel vermeiden möchte, verleiht ihr Stabilität. Man kann sie zwar demütigen, aber man kann sie nicht aus dem Kanzleramt vertreiben. Man kann sie schwächen, aber nicht so einfach stürzen.

Trotz der Niederlage ihres Statthalters Volker Kauder will sie im Parlament nicht die Vertrauensfrage stellen, ließ sie gestern mitteilen. Dabei hat die Fraktion ihr das Vertrauen mit der Wahl eines Merkel-kritischen Fraktionschefs in Wahrheit längst entzogen. Der Machtwechsel kommt: Es geht hinter den Kulissen nicht mehr um das ob, sondern nur noch um das wie und wann. Der CDU-Parteitag in Hamburg wird für sie zum Tribunal. Merkel hat, wie so viele Spitzenpolitiker vor ihr, den richtigen Zeitpunkt für den Abschied verpasst.
 
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Auch für die CSU geht es vor der am 14. Oktober stattfindenden Landtagswahl in Bayern weiter bergab. Laut einer INSA-Umfrage für die „Bild“ liegt die CSU von Ministerpräsident Markus Söder jetzt nur noch bei 34 Prozent und damit noch niedriger als vergangene Woche. Die Grünen klettern weiter und liegen bei 17 Prozent. Drittstärkste Kraft ist die AfD mit 14 Prozent.

Die bayerische SPD sinkt hingegen mit elf Prozent ihrer Bedeutungslosigkeit entgegen. Wenn es denn richtig ist, was die SPD-Linke predigt, dass eine Partei sich in der Opposition erholt, könnte die SPD in Bayern vor Kraft kaum laufen. In Wahrheit fehlt ihr schon die Kraft zum Kriechen.
 
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Daimler-Chef Dieter Zetsche geht vor dem offiziellen Ende seines Vertrages. Er war ein großer Automanager in seiner Zeit. Doch die ist abgelaufen. Zetsche hat seine unbestrittenen Verdienste: Er beendete die Liaison mit Chrysler. Er gab dem Mercedes seine Eleganz zurück. Er expandierte erfolgreich in China. Aber zum Schluss ist er erkennbar der modernen Zeit hinterhergerannt. Weg mit der Krawatte. Raus aus dem Anzug. Schnell in ein paar digitale Firmen der Mobilitätsbranche investiert. Und möglichst viel über selbstfahrende Autos gesprochen.

Was für einen Hollywoodstar Botox ist, ist für einen Automanager das selbstfahrende Auto. Es verjüngt. Es frischt auf. Zwar nicht den Körper und auch nicht die Firmenbilanz, wohl aber das Image.
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Der Aktienkurs ist das EKG einer Firma. Hier erkennen wir in den vergangenen fünf Zetsche-Jahren deutliche Anzeichen für Herzrhythmusstörungen. Der Aktienkurs ist seit Amtsantritt um insgesamt 28 Prozent gestiegen, aber nach dem Hoch im Frühjahr 2015 um 41 Prozent gefallen. Der Herzschlag ist kontinuierlich langsamer und schwächer geworden, obwohl die Weltwirtschaft wächst und der globale Automarkt zulegt.

Zetsche konnte der Firma zuletzt kaum noch Impulse geben. Die interne Umorganisation war kein Zeichen der Vitalität, sondern ein Symbol der Stuttgarter Selbstbeschäftigung.
 
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Bisher konnte Mercedes – trotz der vielen Entwickler, die unter dem Zetsche-Nachfolger Ola Källenius arbeiten – noch kein Elektroauto auf den Markt bringen. Der Anteil an Hybridfahrzeugen an den Neuzulassungen im ersten Halbjahr 2018 betrug gerade mal 2,5 Prozent. Der Rückstand in Sachen E-Autos spiegelt sich nur zu deutlich in dem Vergleich des Börsenwerts von Tesla und Daimler wieder (Grafik unten). Unter dem Botox sieht man einen Konzern mit Falten.
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Für den Fall eines harten Brexits müssen die deutschen Banken auf Anregung der Bundesregierung einen Notfallplan für März ausarbeiten. „Ein No-Deal wäre die schlechteste Lösung, trotzdem gebietet es die Vorsicht, dass wir uns auch darauf einstellen", sagte Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, beim gestrigen Versicherungstag in Berlin. Nur wie das gehen soll, verriet der ehemalige Goldman-Sachs-Manager seinen einstigen Kollegen nicht.
 
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Die gestrige UN-Sicherheitsratssitzung in New York hatte es in sich. Nichts ist mehr zu spüren vom diplomatischen Feingefühl vergangener Jahre, als sich die Großmächte zwar argwöhnisch beäugten, aber nicht die diplomatische Contenance verloren.

US-Präsident Trump griff nach Iran und Russland nun auch China an: Peking mische sich in die Zwischenwahlen in den USA ein, sagte er. Und den Handelskampf werde China verlieren:
„Sie wollen nicht, dass ich – oder wir – gewinnen, weil ich der erste Präsident bin, der China je bei den Handelsbeziehungen herausgefordert hat. Und wir gewinnen beim Handel, wir gewinnen auf allen Ebenen.“
Das sieht die Europäische Zentralbank (EZB) in einer jetzt vorgelegten Studie deutlich anders: Vor allem die US-Wirtschaft werde unter dem Handelskonflikt mit China leiden. Das bedeutet weniger Wirtschaftswachstum, weniger Jobs und womöglich – das sagt nicht die EZB, aber sagen die Demoskopen – weniger Stimmen für Donald Trump.
 
 
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Die US-Notenbank (Federal Reserve) unter der Führung von Jerome Powell hat den Leitzins trotz Drohungen von Trump gestern wie erwartet angehoben: von zwei auf 2,25 Prozent. Gegen Ende des Jahres und in 2019 sollen weitere Erhöhungen folgen, kündigte die Bank gestern an. Damit ist die Normalität in die Fed zurückgekehrt. Die Washingtoner Notenbank ist in der globalen Finanzarchitektur die neue Heimstätte von Maß und Mitte. Jetzt wäre es schön, wenn Maß und Mitte sich in der europäischen Zentralbank zumindest einen Zweitwohnsitz nehmen würden.

Ich wünsche Ihnen einen frohgemuten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor