Krisentreffen Merkel-Seehofer endet mit Schweigen
 
DAS MORNING BRIEFING
14.06.2018
 
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Guten Morgen,
der Name „Merkel“ wirkt auf Horst Seehofer seit jeher wie ein den Kreislauf stimulierendes Mittel. In Kombination mit dem Wort „Flüchtling“ beginnt dem Mann das Herz zu rasen.
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Neu ist: Das Herz der Union rast mit ihm mit. Die „Bild“ hat alle Abgeordneten von CDU und CSU gestern gefragt, ob sie zu Seehofer oder zu Merkel stehen. Das Ergebnis wird in der heutigen Ausgabe präsentiert: Nur drei Parlamentarier halten demnach zu Merkel. Das Kanzleramt ist derzeit der einsamste Ort des Landes.

Unverkennbar hat sich zwischen dem umzingelten Merkel-Lager und den stehenden Heeren der CSU eine Stimmung aufgebaut, wie man sie sonst nur aus Bürgerkriegsstaaten kennt. Keine Gelassenheit nirgends. Das Wort „Kompromiss“ gilt bei der CSU derzeit als Verrat. Auf den Vorschlag, den Merkel heute Nacht beim Krisengespräch unterbreitete, mochte die andere Seite so spontan nicht eingehen. Es wurde Stillschweigen verabredet. Seehofer und Söder halten die Streichhölzer weiter in der Hand.

Merkel allerdings, das darf nicht verschwiegen werden, hat die Lunte selbst gelegt, die am Ende sogar ihre Kanzlerschaft in die Luft jagen könnte. Ihr Beharren auf einer „europäischen Lösung“ in der Flüchtlingsfrage ist Wunsch und Ausrede zugleich. Ihr gestern beim Integrationsgipfel präsentierter Heimatbegriff zeigt das ganze Ausmaß der Entfremdung zwischen ihr und dem Volk.
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Heimat, sagte Merkel, sei ein „offenes Angebot des gemeinsamen Gestaltens unserer Gesellschaft“. Erkennbar denkt sie bei Heimat nicht an Tannenwald, Schützenfest und Grundgesetz, sondern an bunte Knete, die im gruppendynamischen Prozess verformt werden darf. Ein Begriff wird bis zur Unkenntlichkeit gedehnt. Ginge es nach Merkel, wäre es Horst Seehofer, der sich endlich integrieren muss.
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Heimat ist mehr als ein Stück umzäunter Erde, hatte Stefan Zweig einst gesagt. Und zugleich liegt ihr Wert auch darin, dass sie weniger ist als alles. Heimat ist ein Ort, an dem man schon mal war, und eben kein beliebiges gesellschaftliches Arrangement, auf das man sich erst verständigen muss. Heimat ist das, was nicht gesagt werden muss. Heimat ist eine Gewissheit, die auch dann eine Gewissheit bleibt, wenn sie nur noch als Sehnsuchtsort unserer Erinnerung existiert. Heimat ist für die Mehrheit der Deutschen ein Ort ohne Burkini und ohne die Drohnengeschwader von Amazon. Oder um es mit Botho Strauß zu sagen: „Früher gab’s mehr von dem, was war. Heute gibt’s zu viel von dem, was wird.“

Merkel definiert Heimat auch deshalb so vage, damit sie und ihre Politik hineinpassen. Sie beseitigt Gewissheit, um ihre politischen Spielräume zu erweitern. Sie schützt nicht Tanne, Schützenfest und Grundgesetz, sondern sich und ihren politischen Atheismus. Sie hat sich und die CDU, der sie vorsteht, damit verschleiert.
 
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Die Beziehung zwischen ihr und ihrem Innenminister muss man sich mittlerweile als Zweckehe vorstellen, die vom Kältetod bedroht ist. Man schläft im gemeinsamen Bett, aber träumt keinen gemeinsamen Traum. Erich Kästner kannte Seehofer und Merkel nicht, aber er kannte die Menschen. In seinem Gedicht „Kleines Solo“ beschreibt er das Unglück der späten Angela Merkel.
 
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.

Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
 
Ich wünsche Ihnen – und auch ihr – einen kraftvollen Start in den neuen Tag, trotz alledem. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor