Tesla schreibt schwarze Zahlen | Saudi-Arabien lockt mit Milliarden
 
DAS MORNING BRIEFING
25.10.2018
 
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Thomas Trutschel | imago
Guten Morgen,
werden Bundeskanzler und Präsidenten nach ihrer Nachfolge befragt, verfinstert sich die Mine, die Augen verengen sich zu Schießscharten, der Mund bleibt geschlossen. Die Herrscher der Welt hassen es, über ihren Abtritt öffentlich nachzudenken.

Angela Merkel handhabt das Thema neuerdings anders. Dass sie über ihren Abgang nachdenkt, weiß ohnehin jeder. Neuerdings spricht sie auch darüber, zum Beispiel gestern im Hessischen Rundfunk: „Alle Versuche, dass diejenigen, die heute oder in der Vergangenheit tätig waren, ihre Nachfolge bestimmen wollen, sind immer total schiefgegangen. Und das ist auch richtig so. Wichtig war mir immer, dass diejenigen, die etwas Herausragendes leisten, Möglichkeiten haben zu zeigen, was in ihnen steckt.“ Das heißt im Klartext: Das Rennen um die Merkel-Nachfolge ist offiziell eröffnet. Mutige nach vorn.
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dpa
 
Das Line-Up der Nachfolge-Interessenten ist mittlerweile imposant: CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer würde gern wollen, Gesundheitsminister Jens Spahn weiß, dass er will. Der mittlerweile zu politischen Kräften gekommene Chef der nordrhein-westfälischen CDU, Armin Laschet, träumt den gleichen Traum wie Ursula von der Leyen und Peter Altmaier. Sie alle sind überzeugt, dass der Volksmund irrt, wenn er sagt: Das Amt muss zum Manne kommen. Sie wissen aus eigener Erfahrung: Mann oder Frau müssen dem Amt schon zügig entgegengehen.
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Jens Wolf | dpa
 
Der sich anbahnende Machtwechsel in Berlin beschäftigt das bürgerlich-konservative Lager. Es gärt und grummelt überall, wie ich dieser Tage in Passau erfahren durfte. Auf Einladung der Verlegerfamilie Diekmann diskutierte ich mit dem CSU-Politiker und Publizisten Peter Gauweiler, dem Unternehmer und Multimilliardär Heinz Hermann Thiele und dem Chef-Ökonomen der Deutschland AG, Professor Hans-Werner Sinn. Alle drei eint die Sehnsucht nach Führung, nach Haltung, nach einem fulminanten Neuanfang. Die deutsche Seele kann man zwar nicht sehen, aber fühlen und hören kann man sie schon – zum Beispiel im gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast . In Passau wurde Klartext geredet: Alle drei Gesprächspartner gehören nicht zur Religionsgemeinschaft der politisch Korrekten. Kostprobe gefällig?

Gauweiler: „Ich spüre einen Wechsel. Ich denke, dass es noch fünf Tage dauert, bis auch meine lieben Parteifreunde und die SPD wissen, dass es nicht mehr weitergeht und sie die Veranstaltung in Berlin beenden müssen.“ Der Unternehmer Thiele: „Wir haben Anspruch darauf, dass eine von uns gewählte Regierung auch liefert. Qualifikation und Verantwortung sind für mich in dieser Regierung nicht mehr erkennbar. Wir können uns damit nicht zufriedengeben.“ Und Professor Sinn plädierte leidenschaftlich für eine bundesweite Expansion der CSU – als Antwort auf die AfD.
 
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Heute Nacht lief die oben stehende Eilmeldung über die Ticker der Nachrichtenagenturen: Der US-Elektroautopionier Tesla hat den ersten Quartalsgewinn seit zwei Jahren erzielt. Dank der anziehenden Produktion des Hoffnungsträgers Model 3 (siehe Bild unten) stieg das Nettoergebnis im dritten Quartal auf 311,5 Millionen US-Dollar (271,39 Mio. Euro), wie der Konzern gestern nach Börsenschluss mitteilte. Anleger warten seit vielen Quartalen auf diese Nachricht. Im gleichen Zeitrahmen des Vorjahres wurde noch ein Verlust von 619 Millionen US-Dollar vermeldet. Nachbörslich legte die Aktie um sieben Prozent zu.
 
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Charles Sykes | dpa
 
Dabei glaubten die deutschen Automanager, dass die Euphorie über Tesla an der Börse vorübergeht wie die Sommergrippe. Doch dem ist nicht so. Nach den unklugen Tweets des Tesla-Chefs Elon Musk (etwa: „Ich überlege, Tesla für 420 US-Dollar pro Aktie von der Börse zu nehmen. Finanzierung gesichert“) ist gestern ein Musk-kritischer Investor wieder zum Elektroauto-Hersteller aus Kalifornien zurückgekehrt. Großanleger Andrew Edward Left (Citron Research) beerdigte seine Skepsis und bezichtigte sich selbst des Irrtums. Gegenüber „Bloomberg“ sagte er: „Es ist eine Revolution, die ich unterschätzt habe.“
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Auch die realen Verkäufe der Autos laufen gut: Tesla konnte allein im zweiten Quartal rund 40.000 Autos losschlagen und wird diese Marke im dritten Quartal auf 55.000 steigern, glauben Experten. Im Premium-Segment des US-Automarktes konnte Tesla die deutschen Hersteller allesamt deklassieren. Die Sommergrippe hat sich in den Herbst gerettet.

Die Elektromobilität lockt auch immer neue Unternehmer, vor allem solche, die das Abenteuer lieben. Der britische Staubsaugergigant Dyson kündigte an, mit einer Autofabrik in Singapur Tesla angreifen zu wollen. 2,6 Milliarden US-Dollar soll das Vorhaben von Gründer James Dyson zunächst kosten. Der Brite verfährt gemäß der alten Sponti-Maxime: Du hast keine Chance, also nutze sie.
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Jetzt hat ein deutsches Gericht erstmals Forderungen von Porsche-Aktionären recht gegeben. Das Landgericht Stuttgart verurteilte Porsche wegen der Wertpapierverluste seiner Anleger im Rahmen des Diesel-Skandals zu 47 Millionen Euro Schadenersatz. Das Gericht war der Ansicht, dass der frühere VW-CEO Martin Winterkorn seine Publizitätspflichten grob fahrlässig verletzt habe. „Das entspricht nicht mehr dem Leitbild eines sorgfältigen Geschäftsführers“, lautet das Urteil. Wenn es bei den Buchverlagen mit rechten Dingen zugeht, müsste man ab heute Morgen die bisher erschienenen VW-Biografien mit ihren Lobpreisungen postenfrei zurückgeben dürfen. Oder aber die Bücher werden umsortiert – vom Sachbuch zur Belletristik.
 
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Die Deutsche Bank verliert in fast allen Geschäftsbereichen den Anschluss an die internationale Spitzengruppe. Gestern legte Vorstandsvorsitzender Christian Sewing seine Quartalszahlen vor. Und erneut sinken die Erlöse der Deutsch-Banker, der Gewinn fiel mit 229 Millionen Euro gering aus, aber immerhin gab es einen Gewinn. Es war der erste seit drei Jahren. Der Kurs fiel dennoch um fünf Prozent. Seit einem Jahr verlor die Bank 39 Prozent ihres Börsenwertes.

Daniel Schäfer im „Handelsblatt“: „Während die Rivalen in den USA und Europa hohe Milliardengewinne aufweisen, tröpfelt der Gewinn der Deutschen Bank in homöopathischen Dosen.“ Im internationalen Vergleich, den heute Morgen die „Financial Times“ anstellt, sieht man, wie die Amerikaner die Weltspitze dominieren und in Europa sich Barclays nach vorne schiebt. Die Deutsche Bank unter Sewing kämpft, aber sie kämpft noch immer gegen den Abstieg.
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dpa
 
Trotz des Boykotts hochrangiger Wirtschaftsmanager und Unternehmen an der Investorenkonferenz in Saudi-Arabien schloss das Königreich Verträge in Höhe von rund 50 Milliarden US-Dollar ab: Südkoreas Autobauer Hyundai, der amerikanische Ölfeldausrüster Schlumberger sowie der französische Ölkonzern Total machten trotz der grausamen Vorwürfe gegen Saudi-Arabiens Machthaber Mohammed bin Salman Geschäfte mit Riad. 

Und ein Europäer ist im engsten Kreis des Herrschers angekommen: Ex-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld stieg zuletzt in der Hierarchie der Saudis immer weiter auf und fungiert jetzt als persönlicher Berater bin Salmans, der für den Kronprinzen die Transformation vom Ölstaat zum Technologiestandort begleiten soll. Vielleicht kann er dem Kronprinzen als eine Art Gute-Nacht-Geschichte von Rechtsstaat, Frauengleichberechtigung und den Menschenrechten erzählen. Der märchenhafte Aufstieg der westlichen Werte ist bedeutsamer und faszinierender als die Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Ich wünsche Ihnen einen ausgeruhten Start in den neuen Tag. Herzlich grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor