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DAS MORNING BRIEFING
25.06.2018
 
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Guten Morgen,
Die B-Seite des Lebens hat für die Kanzlerin begonnen. Beim kleinen Europagipfel gestern in Brüssel war sie nicht mehr die mächtigste, sondern die einsamste Frau Europas

Osteuropa hat sich kühl von ihr abgewandt, Italien, die Niederlande und Österreich auch. Frankreich tänzelt noch, aber nur gegen Bezahlung. Niemand möchte Flüchtlinge, die Deutschland zurückweist, bei sich aufnehmen. Das solidarische Europa, das Merkel bräuchte, um ihre Kanzlerschaft zu retten, gibt es nicht. Jeder taktiert für sich allein. Im Hintergrund sind die Streicher zu hören, die auf ihren Einsatz warten. Requiem für Merkel.

Diese Kanzlerin steht nicht mehr fest, sie taumelt. Wenn sie lächelt, betrügt sie uns. Die notwendige Kanzlerenergie, diese seltene Mischung aus politischer Mehrheit, persönlicher Autorität und der Lust, mit der Welt ein Tänzchen zu wagen, ist erloschen.

Der Energieabfluss, von dem hier die Rede ist, geht dem offiziellen Rücktritt voraus: Das Amtszimmer gehört ihr noch, draußen wartet weiter die gepanzerte Limousine, die Bodyguards vom BKA tragen wie gehabt scharfe Munition. Aber in der Amtsinhaberin brennt nichts mehr. Sie bereitet in Wahrheit nicht mehr den nächsten, den erlösenden Gipfel vor, sondern den beschwerlichen Abstieg. Sie muss sich beeilen. Die Sonne steht schon tief.
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In der eigenen Bevölkerung besitzt Merkel in der Flüchtlingsfrage, deren soziale, religiöse und kulturelle Dimension sie immer unterschätzt hat, keine Mehrheit mehr. Sie betreibt Politik ohne Volk. Doch auch in der repräsentativen Demokratie muss eine Regierungschefin mehr repräsentieren also nur sich selbst. Sie sagt Europa, das Volk sagt Kölner Hauptbahnhof; sie sagt willkommen, das Volk zeigt zum Berliner Weihnachtsmarkt. Sie hat Argumente, das Volk Ängste. Seit Monaten fühlt sie nicht, was ihre Wähler fühlen.
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Sie hat ein Herz für Zuwanderer, was wir ihr nicht vorwerfen wollen, aber hat offenbar kein Gefühl für die Herzen derer, die ihre Heimat, ihre Gewissheiten und auch ihre Irrtümer gegen den Zeitgeist zu verteidigen suchen. Den qualvollen Prozess, die eigene Position zu räumen, will sie anderen, aber nicht mehr sich selbst zumuten. „Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur“, wusste schon Kurt Tucholsky. So rutschte Merkel in einen Nachbarschaftsstreit, der für keinen demokratischen Politiker zu gewinnen ist: Oben gegen Mitte, Volk vs. Kanzlerin.
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Im Zeitalter der Überforderung – das kommt hinzu – hat sie uns keinen Trost mehr zu bieten. In einer Welt, die sich in Hochgeschwindigkeit globalisiert und digitalisiert wirkt sie selbst wie ein Flüchtling ohne Asylberechtigung. Die nötigen wirtschaftspolitischen Impulse für die Erneuerung unseres Wohlstandes vermag sie nicht mehr zu setzen. Ihre kreative Kraft, das kann man an der Leere ihres Blickes und der Ermattung ihrer Mundwinkel ablesen, ist erloschen.

Ihre Kanzlerschaft lebt seit Monaten nur noch von der Restenergie, die die Verfassung ihr zur Verfügung stellt. Längst sind vorm Fenster die Putschisten aufmarschiert, die auch diese im Grundgesetz zugesicherte „Richtlinienkompetenz“ nicht mehr akzeptieren wollen: Ultimatum, Ministererlaubnis, Spaltung der Union, so lauten die Vokabeln der Revolte. Die CSU ist diesmal zum Kanzlerinnensturz entschlossen. Merkel trägt zum Abschied das blütenweiße Kleid der europäischen Unschuld. Die Streicher haben die Bögen gespannt.

Der zweite Gedanke kommt dem ersten in die Quere: Schade! In einer Welt des Wahnsinns, wo aller Orten die Radikalen und die Emotionalen an die Macht gelangen, geht von Angela Merkel eine Beruhigung aus. In ihren Adern fließt Gleichstrom, derweil bei Trump, Putin und dem soeben wiedergewählten Erdogan dauernd die Sicherungen rausfliegen.
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Sie ist die letzte Moderate, die nicht an den großen Wurf oder gar die Finalität der Geschichte glaubt. Sie steht für Maß und Mitte, wissend, dass da nichts glitzert. Sie will die Welt nicht retten, sondern beruhigen. Europa zusammenhalten, Putin mäßigen, Trump vor sich selbst schützen. Das ist ihr Programm. „Die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft“, von der Helmut Schmidt sprach, war und ist auch ihre Leidenschaft. Man nennt das Realpolitik.

Natürlich sollen wir Journalisten das Führungspersonal der Republik objektiv betrachten. Aber im Fall Angela Merkel regt sich ein Subjektivismus, den man vereinfacht auch als Sympathie beschreiben könnte. Womit wir bei dem verbotenen Gefühl wären.

Angela Merkel ist das, was viele von sich nur behaupten: pflichtbewusst, nachdenklich, zuweilen unsicher, und mit einer Bescheidenheit ausgestattet, die unter Journalisten vor langer Zeit schon ausgestorben ist, wo jeder Rathausreporter sich als Sendbote Gottes fühlt.
 
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Diese Angela Merkel stand Deutschland gut zu Gesicht. Die Frau, die sie „Mutti“ nannten, war unsere bessere Hälfte. Wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, wird man durch das Amt hindurch klarer noch auf den Kern ihrer Persönlichkeit schauen. Sie ist das, was man salopp einen feinen Kerl nennt. Erst gewesen. Dann geblieben. Vor allem Letzteres ist auf höchsten Positionen der Politik keine Selbstverständlichkeit.

Der Merkel-Ton, der von Maß und Mitte erzählt, ist ein warmer Ton. Er wird weltweit nachklingen. „Ich möchte so sein wie Sie“, hat eine jordanische Studentin der Kanzlerin kürzlich beim Staatsbesuch gesagt.

Merkel hat Fehler gemacht, aber sie selbst ist kein Fehler. Die Union wird, wenn alles vorbei ist, sie nicht mehr angreifen, sondern verehren. Das Volk wird sie nicht mehr auspfeifen, sondern vermissen. Wer seiner Zeit voraus sein möchte, kann ja heimlich schon heute damit beginnen.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in die neue Woche. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor