Chemnitz und Gefährder | Kritik und Journalismus
 
DAS MORNING BRIEFING
03.09.2018
 
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Guten Morgen,
die Ereignisse von Chemnitz berühren den Hauptschalter unseres deutschen Energiehaushaltes. Denn hier haben sich zwei Grausamkeiten gegen unsere angeborene Sehnsucht nach Humanität und Mittagsschlaf verschworen. Der mutmaßlich von Migrantenhand Gemordete und die von Deutschen veranstaltete Straßenhatz heben sich nicht gegenseitig auf – sondern potenzierten das Unheil, bis daraus ein Stromschlag wider unsere Gemütlichkeit wird.
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„Ich habe mir vorgenommen, in mir einen kleinen jüngsten Tag zu arrangieren und Echtes vom Falschen zu trennen”, notierte einst der Grübler Gottfried Benn. Aber nicht mal das will in unserem Fall gelingen, weil das Falsche plötzlich echt ist und das Echte falsch wirkt. Chemnitz ist der elektrische Stuhl, auf den man uns gefesselt hat. Wie betäubt warten wir auf den nächsten Stromschlag.

Wenn wir überhaupt etwas spüren, dann sind es die Augen des Auslandes, die auf uns gerichtet sind wie Schießscharten. Die „Financial Times“ schreibt: „Ein Land, das lange dachte, es hatte das Nazitum beerdigt, wird mit seiner hässlichen Wiederauferstehung konfrontiert.”
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Die AfD, die als legaler Arm der Gewalttäter funktioniert, könnte zur größten politischen Kraft in Ostdeutschland aufsteigen, warnen bereits die Meinungsforscher. Die wirkungsmächtigste Kraft ist sie schon heute. Die etablierten Parteien bestimmen die Tagesordnung im Kabinett, die Rechtspopulisten den Ton im Lande.
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Den Rechtsstaat setzen beide gemeinsam unter Spannung. Die AfD, indem sie mit den Gewalttätigen sympathisiert. Die Regierung, indem sie den heiligen Schutz des Asylparagrafen auf Straftäter ausweitet und solche, die es nach den Erkenntnissen der Geheimdienste erst noch werden wollen, verharmlosend „Gefährder“ genannt. Unterm Hauptschalter sprühen die Funken und viele stellen sich die bange Frage: Hält die Sicherung?
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Die einzige Sicherung, die wirklich für die Ewigkeit gebaut scheint, ist die journalistische Selbtversicherung, dass wir unschuldig sind. Dass Journalisten in Deutschland körperlichen Angriffen ausgesetzt sind, bleibt eine Ungeheuerlichkeit und eine strafbare Handlung. Das darf nicht entschuldigt und nicht relativiert werden. Die Kollegen und Kolleginnen in Chemnitz sind nicht zimperlich, sie sind tapfer. Aber vor dem Angriff stehen Anfeindungen, und vor den Anfeindungen stehen Zweifel an unserem Gewerbe, und die haben wir uns redlich verdient. Der Autor schließt sich mit ein.

Wir haben zu oft Neugier durch Haltung ersetzt, Analyse durch Gefühl - und viele wollen bis heute nicht davon lassen. Jetzt erst recht, rufen sie.
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Wir schreiben aus der Altbauwohnung mit Stuckdecke über die im Plattenbau mit Graffiti – oft herablassend und belehrend, zuweilen mitleidslos. Die sollen sich mit den Migranten doch endlich vertragen. Geografie und Gesinnung sind dabei korrelierende Größen. Unsere Zuneigung zu den Flüchtlingen steigt mit der Entfernung zu Wohncontainer und Hauptbahnhof.

Wir machen die Menschen am unteren Ende der Einkommensskala, die mit den Neuankömmlingen um Wohnung, Job und kulturelle Hoheit ringen, zu Ausgestoßenen im eigenen Land. Es bedurfte des Einspruchs von Wolfgang Thierse gestern Abend bei Anne Will, um eine Selbstverständlichkeit wieder ins Zentrum der Debatte zu rücken: „Den Einheimischen soll und darf das eigene Land nicht fremd werden.“

Wir finden den etablierten Parteien-Staat und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in all seiner Wohltemperiertheit gut und richtig. Wenn uns einer deshalb System-Presse nennt, sind wir empört.
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Wer es wagt, die Krawalle von Chemnitz mit denen vom G20-Gipfel in Hamburg zu vergleichen, erfährt in der Redaktion, was soziale Ächtung bedeutet. In der Kantine jedenfalls kann der Kollege sich gehackt legen, und zwar am Einzeltisch, kurz vor den Waschräumen.
 
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Die Richtigkeit unseres journalistischen Tuns bezweifeln, das darf nur ein Ausländer wie Jay Rosen. Der renommierte amerikanische Medienwissenschaftler aus New York hat einen „Brief an die deutschen Journalisten“ verfasst und im Feuilleton der „FAZ“ vom Samstag veröffentlicht. Mit amerikanischer Höflichkeit fordert er uns auf, unsere Lektionen zu lernen:

Lektion 1: „Menschen, die sich übergangen fühlen, sind unempfänglich für komplexe und unbequeme Wahrheiten. Der Punkt „genauer zuhören“ sollte deshalb ganz oben auf Ihrer Agenda stehen.“

Lektion 2: „Es gibt einen Unterschied zwischen journalistischem und politischem Handeln. Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, eine Partei oder einen charismatischen Politiker zu bekämpfen.“

Lektion 3: „Als Journalisten haben Sie nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen.

Lektion 4: „Es reicht nicht, die Agenda von den Regierenden zu übernehmen.“

Lektion 5: „Die Nutzer journalistischer Angebote, also die Leser, Zuschauer, Hörer haben heutzutage mehr Macht, weil sie mehr Auswahl haben. Wenn in einer Beziehung eine Seite mächtiger wird, verändert das die Beziehung. Der deutsche Journalismus muss das zur Kenntnis nehmen und sich entsprechend weiterentwickeln.“

Jay Rosen endet mit der harmlosen und gerade deshalb bösartigen Frage: „Sind Sie dazu bereit?“

Ich wünsche uns allen einen nachdenklichen Start in die neue Woche. Herzlich grüßt Sie Ihr
PS: Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, ist ein Ausnahmeökonom, weil er nicht an den Homo Oeconomicus glaubt. Er kombiniert Ökonomie und Psychologie, weshalb unser Gespräch über Chemnitz und den Kern vom Kern der deutschen Probleme unbedingt hörenswert ist. Prädikat: überraschend.
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Gabor Steingart
Journalist & Buchautor