Psychologe über deutsche Duldungsstarre | Trump vs. China
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Rudolf-Augstein-Stiftung
Guten Morgen ,

früher war nicht alles besser. Aber „Der Spiegel“ war es schon. Rudolf Augstein, den die politische Korrektheit langweilte, legte sich mit allen an: mit Strauß, mit Kohl und am liebsten mit dem Zeitgeist. Unermüdlich schrieb er gegen die europäische Einheitswährung an, die er als Verrat an den Interessen der deutschen Staatsbürger empfand. Als junger Redakteur im Wirtschaftsressort, zuständig für die Geldpolitik, durfte ich ihm gelegentlich zur Hand gehen. Vieles von dem, was später Wirklichkeit wurde, zum Beispiel die politische Abhängigkeit der EZB, taucht in seinen Texten als böse Vorahnung auf. Anderes – insbesondere seine Inflationsängste – haben sich bisher nicht bewahrheitet. Im Februar 1998 schrieb er:

Das vergangene Jahr hat eine Gewissheit gebracht: Der Euro kommt. Und eine andere, nicht gänzlich gewisse: Er wird ein weiches Ei.

Die Deutschen braucht man nicht vor sich selber zu schützen. Wir sind friedlich, wir treten in Brüssel nicht schrill auf wie Margaret Thatcher, die nur noch einen Satz hervorstieß: „I want my money back.“ Wir werden noch eine beträchtliche Zeit als „Zahlmeister“ (Edmund Stoiber) herhalten … Aber mit dem Euro ist das eine andere Sache. Hier will man uns finanziell und wirtschaftlich schwächen, und wir sollen da noch freudig mitwirken, was unserem Kanzler Kohl nicht schwerfällt. Die ganze Euro-Kiste ist verkehrt gebaut.

Es geht heute Morgen, 18 Jahre nach Einführung des Euro als Bargeld, nicht darum, ob Augstein recht hatte. Es geht darum, dass sein freiheitlicher Geist – der den publizistischen Querstrich liebte, der den Mut zur Gegenrede honorierte, der die Skepsis gegenüber einer religiösen Überhöhung des Begriffs „Europa“ pflegte – sich verflüchtigt hat. Nachdem dieser Geist den „Spiegel“ verlassen hatte, wurde dieser Geist auch nirgendwo sonst in den liberalen Traditionshäusern heimisch. So gesehen ist Rudolf Augstein zweimal gestorben, erst körperlich und dann kulturell. Wer in diesen Tagen die Kommentare der lieben Kollegen liest, der könnte meinen, es habe in Deutschland einen geistigen Lockdown gegeben. Der Journalismus hat sich offenbar selbst ein Kontaktverbot mit dem Gegenargument verordnet. Der Zweifel steht unter Quarantäne. Es gibt zu den Eurobonds, also zu der auf ewig verbrieften Mithaftung der deutsche Steuerzahler für die südeuropäischen Schuldensandburgen, keine zwei Meinungen mehr. „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann schreibt :

Europa steckt dieser Tage in einer existenziellen Krise. Sich in einer solchen Situation als finanzpolitischer Tugendwächter aufzuspielen ist kleingeistig und schäbig. Vielleicht erinnern wir uns mal kurz daran, wer nach dem Kriegsende den Wiederaufbau Deutschlands mitfinanziert hat.“
Coronabonds wären ein starkes Signal an die Finanzmärkte, aber auch an die Menschen in Europa. Es würde beweisen, dass wir einander in größter Not nicht im Stich lassen, dass Europa mehr ist als ein Bündnis von Egomanen.“
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„Zeit“-Vize Bernd Ulrich kommt aus dem Nicken nicht raus :
Deutschland ist nämlich – lang gehütetes Geheimnis – keine Nation, sondern eine Sekte. Jedenfalls in dem Sinne, dass es sich nicht über seine großartige Geschichte definiert, wegen na, Sie wissen schon, auch nicht über seine einzigartige Küche, seine Eleganz oder seinen Humor wie andere, richtige Nationen, sondern über seinen: Fleiß. Wie so prüde Calvinisten.“
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Nach dem letzten Krieg gab es nämlich keine Identität mehr, es gab nur Arbeit, Arbeit, Arbeit (und natürlich: Belohnung, Belohnung, Belohnung), die treibende Tugend für den ökonomischen und moralischen Wiederaufstieg war der Fleiß.“

Wenn dies eine so einzigartige Krise ist, dann kann sie nur überwunden werden, wenn alle Beteiligten – gerade die mächtigsten – etwas machen, was sie vorher noch nie gemacht haben. Das wäre im Falle Deutschlands: das ökonomisch Vernünftige, politisch Gebotene und moralisch Erwünschte tun – und dabei auf Fleißkärtchen-Spiele verzichten.“
Der Ton ist angeschlagen. Das ist der Rhythmus, wo man und frau jetzt mit muss. Petra Reski in der „taz :
In Italien sterben die Menschen wie die Fliegen und Deutschland eiert dermaßen herum, dass Fremdschämen kein Ausdruck mehr ist.“
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Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio, will da nicht abseits stehen :
Deutschland muss seine zwar nicht vorsintflutliche, aber doch aus Vor-Corona-Zeiten stammende Betonhaltung zu europäischen Staatsanleihen aufgeben.“
Peter Kapern, Deutschlandfunk, sekundiert :
Also Coronabonds. Und ja: Das bedeutet, dass Deutschland haften würde, für Kredite, die in Italien oder Spanien für wirtschaftliche Belebung sorgen sollen. Warum – so lautet doch die entscheidende Frage, sollte Deutschland das tun? Naja, weil Deutschland wie kein anderes Land vom Binnenmarkt profitiert. Und weil arbeitslose Italiener keine deutschen Autos kaufen.“
Fazit: Wieder einmal geht der Herdentrieb mit den deutschen Journalisten durch. Die fachlich gut begründeten Argumente gegen eine europäische Haftungsunion,

vom Budgetrecht, das der Bundestag ohne Verfassungsänderung gar nicht auf eine supranationale Ebene delegieren darf, über die bittere Erfahrung, dass sich Kreditsucht nicht mit immer neuen Krediten bekämpfen lässt, ► und das ausdrückliche Verbot in Artikel 125 des EU-Vertrages, dass weder die EU noch die Mitgliedstaaten für die Verbindlichkeiten einzelner Länder haften dürfen, bis zu dem Risiko, das Deutschland sich mit dieser gesamtschuldnerischen Haftung übernimmt und damit das Euro-Projekt insgesamt auf die schiefe Bahn gerät, finden derzeit keine Beachtung und falls doch, dann nur in der Form kollektiver Diffamierung. Schon unser Lehrer an der Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalismus, Prof. Ferdinand Simoneit, hatte uns Schüler – Steffen, vielleicht erinnerst Du dich – zum Selberdenken animiert und vor der geistigen Monokultur, der Begriff Mainstream Media war noch nicht erfunden, gewarnt: „Zeitungsredaktionen“, pflegte er spöttisch zu sagen, „sind immer auch das: ,Abschreibungsgesellschaften‘“. Den „Spiegel“ zählte er damals nicht dazu.

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In dem einen Programm laufen: Merkel. Söder. Laschet. Das andere bietet in einer Endlosschleife: Prof. Drosten. Prof. Kekulé. Prof. Streek. Aber wie denken und fühlen diejenigen, die im Schatten der pandemischen Großereignisse leben. Das bespreche ich im Morning Briefing Podcast  mit Stephan Grünewald. Er ist Psychologe, Bestsellerautor und als Chef des renommierten Rheingold-Instituts gehört er dem Corona-Expertenrat der nordrhein-westfälischen Landesregierung an.

Die Gesellschaft, sagt er, befinde sich derzeit in einer Art „sozialen Fastenzeit“, in einer „Duldungsstarre“, in der die Menschen die Restriktionen akzeptieren und ihr normales Leben reduzieren. Aber:

Diese Duldungsstarre steht unter einer großen Anspannung. Es gibt ja dieses Wort Quarantäne. Quaranta sind 40 Tage, knapp sechs Wochen können wir so einen Zustand durchhalten. Aber nach sechs Wochen, die jetzt nächste Woche vorbei sind, braucht man wieder eine neue Perspektive.
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Mit dem Ende der sozialen Fastenzeit beginne eine „Polarisierungsphase“. Nun heiße es Wirtschaft versus Gesundheit, Jugend versus Alt, Krisengewinner gegen Krisenverlierer, Freiheitsverfechter gegen Staatsgläubige.
Diese Polarisierungsgefahr birgt das Problem, dass die Solidarität zunehmend schwindet. Das heißt, politisch ist der Prozess jetzt sehr viel schwieriger zu gestalten.
Fazit: Der Psychologe warnt vor den Risiken und Nebenwirkungen der Corona-Restriktionen. Kluge Politik wartet nicht, bis er recht hat.
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Seitdem im Spätherbst 1886 ein gewisser Carl Benz in Mannheim das erste praxistaugliche Automobil mit Verbrennungsmotor erfand, ist das Auto das Prestigeprodukt der Deutschen. Je nach Rechenart hängt jeder fünfte oder jeder siebte Job in Deutschland von der Automobilindustrie ab. Das Coronavirus, das zum Zusammenbruch der Wertschöpfungsketten und zur Schließung von Autohäusern und Fertigungshallen geführt hat, greift tief in die deutsche Volkswirtschaft ein.
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Wie tief, das erklärt im Morning Briefing Podcast  die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie, Hildegard Müller:

In Europa erwarten wir dieses Jahr einen Absatzrückgang von 20 Prozent.“
In Deutschland alleine ist der Absatz im März um 38 Prozent eingebrochen. Die Höfe stehen voll.“

Müller fordert deshalb staatliche Hilfen:

Die liquiditätsstützenden Maßnahmen müssen weitergehen, etwa das Kurzarbeitergeld. Wir hoffen auch auf eine Verlängerung der Stundung der Sozialversicherungsbeiträge für Mai und Juni.“
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Donald Trump weiß, wie man eine politische Kampagne fährt. Sein Gegner in diesen Tagen ist nicht der demokratische Herausforderer Joe Biden – zu nett, zu harmlos, zu beliebt. Sein Gegner ist China, der Rivale auf allen Weltmärkten, dem nun ein tödliches Virus entsprungen ist.

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Der Mann im Weißen Haus, der anfangs das Virus genauso unterschätzte wie die Chinesen auch, hat den Amerikanern zwar keinen Impfstoff zu bieten, aber immerhin einen Sündenbock. Eine eigene Untersuchung – unter mithilfe der Geheimdienste – wurde gestartet, die folgende Fragen klären soll:

1. Hat das Virus seinen Ursprung in einem Labor in der Nähe der Stadt Wuhan, wo Proben gelagert wurden? 2. Lösten ein Unfall oder Sicherheitslücken die Pandemie aus? 3. Versucht die Kommunistische Partei, die Aufarbeitung der Krise zu verhindern?
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Wer in Europa glaubt, es handelt sich hier um Alleingänge eines in Bedrängnis geratenen Präsidenten, der irrt. Die Wahlkampagne 2020 hat ihr Thema gefunden: das „China-Virus“. Republikaner überall im Lande greifen Trumps Tonalität begeistert auf und komponieren ihre Textteile dazu. Senator Josh Hawley aus Missouri will die Beziehung zu China grundsätzlich überdenken:
And it's time that we fundamentally rethink our relationship with China. It's time to start putting American workers at the front.“

Senator Tom Cotton aus Arkansas wünscht sich Gerichtsverfahren gegen China und fordert die US-Unternehmen auf, mit der Rückverlagerung von Produktion zu beginnen:

I think we need to make the american courts open for lawsuits against chinese communist leaders. I think we're going to begin to see a massive shift of manufacturing capacity out of china and back to the United States or at least friendly allied countries which would be devastated to the chinese economy.“

Fazit: Was als Handelskonflikt begann, setzt sich als Propagandafeldzug fort. China und Amerika befinden sich spätestens jetzt in einem verdeckten Krieg, der auch die europäischen Bündnispartner und Deutschlands China-Exporteure nicht unberührt lassen wird. West gegen Fernost: Die Menschheit ist in eine neue Ära der Blockkonfrontation eingetreten.

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ErstensSiemens-Chef Joe Kaeser lehnt einen Gehaltsverzicht von Unternehmensvorständen in der Coronakrise ab. „Geringere Vorstandsgehälter vergrößern doch nur den Gewinn des Unternehmens und davon profitiert nur eine Interessengruppe“, sagte Kaeser dem Redaktionsnetzwerk Deutschland  – und meinte die Siemens-Aktionäre. Der Siemens-Vorstand möchte den Betroffenen der Pandemie lieber mit einem Hilfsfonds helfen.

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Zweitens: Am heutigen Montag beginnt die erste von drei einwöchigen Brexit-Verhandlungsrunden – natürlich per Videokonferenz. Es geht um das Handels- und Partnerschaftsabkommen für die Zeit nach der Brexit-Übergangsphase Ende 2020.
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Drittens: Israel gedenkt heute der Ermordung von sechs Millionen Juden während des Holocaust durch die Nationalsozialisten. Während der Zeremonie sprechen unter anderem Präsident Reuven Rivlin und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Viertens: Der Streaming-Gigant Netflix präsentiert am Dienstag seine Zahlen für das 1. Quartal. Der US-Konzern profitiert als sogenannte „Bleib-zu-Hause-Aktie“ besonders vom aktuellen Ausnahmezustand. Fünftens: Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten sich am Donnerstag. Ziel der Video-Schalte ist es nach Angaben von EU-Ratschef Charles Michel, das von den Finanzministern der Eurogruppe vereinbarte Rettungspaket in der Coronakrise voranzubringen.
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Mich erreichte gestern Abend eine Nachricht aus dem Innersten der Deutschen Lufthansa, wo man offenbar von der Öffentlichkeit, sprich den Medien, enttäuscht ist. Den Verkäufern und Altenpflegerinnen werde gedankt. Den Piloten und Flugbegleitern nicht. In der Mail (eines mir unbekannten Schreibers) heißt es:

Ich finde es ganz toll, wenn in den Medien allen Menschen „Danke“ gesagt wird, die in der Coronakrise durch ihre tägliche Arbeit für infizierte Kranke und für die allgemeine Ordnung und Sicherheit sorgen. Aber ein Teil einer besonders gebeutelten Berufssparte wurde nie erwähnt. Ich meine die Kollegen und Kolleginnen der Lufthansa Group, die jetzt weiterhin ihren Dienst für die Allgemeinheit durchführen.“
14 Vollfrachter und ca. 4 teilweise schnell umgerüstete Langstreckenflugzeuge fliegen überwiegend Schutzausrüstungen, Atemmasken, Beatmungsgeräte und anderes dringend benötigtes Gerät täglich besonders von China nach Deutschland. Ohne diese Lieferungen gebe es hier eine Katastrophe.
LH hat bis heute 90000 Deutsche, bei 437 Sonderflügen von 106 Airports/Städten in aller Welt nach Hause geflogen. Dabei wurden Airports und Strecken beflogen, die LH vorher noch nie bedient hatte. Besonders auf der Langstrecke waren die Cockpit/Cabin Crews teilweise 30 Flugstunden und länger auf dem gleichen Flieger, da mit doppelter Crew geflogen wurde und es keinen Layover gab.“

Die Crews hatten sich teilweise freiwillig zum Dienst gemeldet und auf den voll besetzten Fliegern das Risiko von infizierten Passagieren in Kauf genommen. Das sollten sich die Deutschen merken. Keine Airlines der Golf Staaten, nicht Ryanair oder EasyJet oder weitere Billiganbieter haben ihnen in der Coronakrise geholfen.“

Fazit: Ich denke, der Mann hat recht. Also holen wir nach, was nachzuholen ist: Im Namen der „Morning Briefing“-Leserinnen und Leser danke ich den tapferen Besatzungen der Lufthansa für die Extrameile. In unseren Herzen stellen wir ihnen heute die HonCard aus. Piloten, Flugbegleiter, Mechaniker und das Bodenpersonal: Sie sind für die in Bedrängnis geratene mobile Gesellschaft wirkliche VIPs: Very Important People.
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Ich wünsche Ihnen einen gesunden Start in die neue Woche. Herzlichst grüßt Sie Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor
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