Hitlerkult in der AfD | Deutsche Bank startet ApplePay | Salzsee wird ausgebeutet
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
13.12.2018
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Guten Morgen,
für Theresa May ging es gestern Abend um alles: um ihren Plan von einem geregelten Brexit und auch um ihren Job als britische Regierungschefin. Und dann der Triumph. Diese tapfere Frau, die immer gegen den Brexit war und die ihn nun vollziehen muss, hat die Geister der Verneinung besiegt. 200 Abgeordnete votierten für sie, 117 gegen sie.In ihrem Gesicht konnte man allerdings keinen Triumph, sondern wieder nur Erschöpfung lesen. Das Gehetzte und Nervöse gehört nunmal zum Markenkern unserer Zeit. Was Friedrich Nietzsche seufzend über sich sagte, könnte May mühelos auch von sich behaupten: „Ich lebe noch, ohne drei Schritte weit vor mich zu sehen.“
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Die französischen Behörden sind immer noch auf der Suche nach dem Attentäter von Straßburg, der auf dem Weihnachtsmarkt drei Menschen erschoss und Dutzende verletzte. Chérif Chekatt ist in mehreren Staaten aktenkundig, saß bereits in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich wegen Einbrüchen im Gefängnis und wurde zuvor aus Deutschland abgeschoben. Das Muster des sicherheitspolitischen Wahnsinns ist bekannt. Den funktionsfähigen Überwachungsstaat gibt es offenbar nur bei George Orwell. Die europäische Migrationspolitik ist – wie auch dieser Fall zeigt – eine Behauptung, aber keine Realität. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Worte und Taten liegen im Clinch. Das Wahrhaftigste, was man über Europa derzeit sagen kann, ist dieses: Der Kontinent ist in Trauer und in Verwirrung vereint

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Heute hält er seine letzte Rede im Deutschen Bundestag: Nach über 13 Jahren gibt der einstige finanzpolitische Sprecher der Grünen, Gerhard Schick, mit 46 Jahren sein Mandat zurück. Er wechselt zur „Bürgerbewegung Finanzwende“, die er selbst mitgegründet hat. Er will künftig die zur Übertreibung neigenden Finanzmärkte kontrollieren. Mit Leidenschaft. Mit Sachverstand. Und politisch unabhängig. Im Morning Briefing Podcast erklärt er, wer seine Mitstreiter sind und was er bewirken will. Und er warnt: „Die Finanzkrise ist nicht überwunden. Sie hat nur ihren Charakter verändert.“
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Apropos Finanzkrise: Seither hat die Deutsche Bank mehr als neun Milliarden US-Dollar für Bußgelder und die Beilegung von mehr als 7000 Rechtsstreitigkeiten zahlen müssen. Nach den jüngsten Geldwäsche-Ermittlungen verhängte die Bafin ein weiteres Bußgeld von 1,1 Millionen Euro, also vergleichsweise eher Peanuts. Die Aktie sinkt zum Jahresende weiter dem Meeresboden entgegen. Am Dienstag notierte der Titel bei 7,38 Euro, unweit des bisherigen Rekordtiefs von 7,24 Euro – eigentlich ein Schnäppchen. Wenn der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing sagt, die Bank sei kein Übernahmekandidat, hat er trotzdem recht. Das große Filialnetz der Deutschen Bank ist für angelsächsische Investoren so sexy wie ein Diesel-Fuhrpark, eine Zeitungsdruckerei oder ein CD-Presswerk.
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Immerhin gehört die Deutsche Bank zu den deutschen Instituten, die seit dieser Woche mit dem Bezahldienst ApplePay kooperieren. Schon am Dienstagmorgen sprach die Bank von dreistelligen Apple-Pay-Registrierungen pro Minute. Der Geist der Moderne weht – wenn schon nicht in den Filialen, so doch immerhin auf der Chefetage. Dort hat man verstanden, was die Stunde geschlagen hat. Vier Jahre nach den USA, drei Jahre nach Großbritannien und Wochen nach Kasachstan und dem Vatikan können Kunden auch hierzulande mit dem Smartphone bezahlen. Ab jetzt gilt: Wenn’s um Geld geht, Apple.
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Der Salar de Uyuni ist der größte Salzsee der Welt. Nachdem James Bond mit seinem Aston Martin in „Quantum of Solace“ im Jahr 2008 darüber raste, ist er für viele Touristen der Höhepunkt ihrer Südamerikareise. Unter der weißen Kruste schlummert – und das macht den See nicht nur für Cineasten interessant – das größte Lithium-Vorkommen der Welt. Ausgerechnet Deutschland darf diesen Schatz nun bergen.
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Den Deal haben Außenminister Heiko Maas und Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit Bolivien eingefädelt. Lithium ist das Gold des 21. Jahrhunderts, ein unabdingbarer Grundstoff für die Elektroautoindustrie. In einem Standardakku stecken etwa zehn Kilo des Rohstoffs. Zunächst sollen 5.620 Fußballfelder ausgebeutet werden. Respekt: Die deutsche Wirtschaftspolitik hat damit einen geo-strategischen Erfolg erzielt, den man bisher nur China zugetraut hat.
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Die westlichen Gesellschaften befinden sich in einer politischen Suchbewegung: Das zeigen die Gelbwesten-Proteste in Paris. Jetzt könnte sich der spontane Aufruhr auf andere Länder ausdehnen. Das ungarische Parlament erhöhte gestern die gesetzlich möglichen Überstunden für Arbeitnehmer von 250 auf 400 und sicherte den Unternehmen zu, diese erst in spätestens drei Jahren auszuzahlen. Tausende von Ungarn demonstrierten in Budapest in gelben Westen gegen das sogenannte „Sklavereigesetz“. Und prompt sprachen erste Anbieter von Warnwestenknappheit. In Ägypten wurde der Verkauf der Gelbwesten gestern kurzerhand von den Behörden eingeschränkt, nachdem ein Anwalt für das Posieren mit einer Warnweste in Alexandria zu 15 Tagen Haft verurteilt wurde. Die neongelbe Weste, die Autofahrer in Europa seit dem 1. Juli 2014 bei sich führen müssen, ist die rote Nelke des 21. Jahrhunderts. Völker, hört die Signale! Oder um es mit Lenin zu sagen: „Revolution ist das Abbrechen der Allmählichkeit.“
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Frauke Petry war der Star der AfD, bis sie nach siegreicher Bundestagswahl 2017 nahezu lautlos verglühte. Ich war neugierig: Wie lebt es sich auf der hinteren Bank des Bundestages? Sieht sie für sich noch eine politische Zukunft? Und wie braun ist eigentlich die AfD? In einem nachdenklichen Gespräch erzählt Frauke Petry im Morning Briefing Podcast  von ihren heutigen Gefühlen, ihren damaligen Fehlern – und vom Hitlerkult in der AfD. Ich wünsche Ihnen einen ausgeruhten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor