Dürre und Subvention | Tesla in Deutschland

 

DAS MORNING BRIEFING
31.07.2018
 

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Guten Morgen,

die Bauern in Deutschland machen es sich zu einfach. Viele glauben: Regnet es nicht vom Himmel, fließt das Geld ersatzweise aus der Staatskasse. Eine Milliarde Euro Steuergeld fordern die Bauernverbände. Heike Göbel erinnert in der „FAZ“ daran, dass auch der Bauer ein Unternehmer ist, der Risiken einschätzen und ausgleichen muss – mit Ökostrom, Tourismus, der Bildung von Kapitalreserven und zur Not eben mit höheren Preisen. Das Geschäftsmodell der Verbände aber beruht auf dem Eintreiben von Subventionen. Die Wehklage ist der Gruß des Lobbyisten.

 

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Das „Wall Street Journal“ meldet exklusiv: Der US-Elektropionier Tesla – der im ersten Halbjahr 2018 rund 88.000 Autos baute – will in Deutschland eine Giga-Factory errichten. Damit würde Elon Musk den deutschen Autogiganten ein Symbol seiner Entschlossenheit vor die Tür setzen. Anfangs haben die Chefs von Daimler, BMW und VW nur müde gelächelt ob der amerikanischen Ambition. „Wir bauen Autos, die fahren und nicht brennen“, beliebte der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn anlässlich eines Tesla-Unfalls zu scherzen.
Das Scherzen ist dem Mann mittlerweile vergangen. Hat allerdings wahrscheinlich weniger mit Tesla zu tun.

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Die deutsche Autoindustrie fällt derzeit nicht durch bahnbrechende Innovationen auf, sondern mit hohen Rabatten. So räumen die großen deutschen Autohersteller pro Neuwagen etwa 10.000 Euro Rabatt ein und verlieren damit im Durchschnitt rund 650 Euro Gewinn. Das sei das typische Erkennungsmerkmal gesättigter Märkte, merkt eine aktuelle McKinsey-Studie an. Oder anders gesagt: Der Rabatt ist die einzige Droge, die den Käufer glücklich und den Dealer krank macht.

 

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Vor kaum einer Woche drohte Trump dem Iran mit kriegerischen Konsequenzen. Heute Nacht bot er der iranischen Führung Gespräche „ohne Vorbedingungen“ an. Der Furor der Opposition nach dem Putin/Trump-Gipfel in Helsinki ist auch verflogen. Übrig bleibt ein US-Präsident, dem all diese Erregungswellen offenbar nichts anhaben können. Die Zustimmung zu Trumps Politik (siehe Grafik oben) hat in den letzten Wochen sogar eher zu- als abgenommen. Die Mehrheiten im Senat, im Abgeordnetenhaus und unter den Gouverneuren der Bundesstaaten (siehe Grafik unten) sind solide und dürften bei den Zwischenwahlen im November allen Meinungsumfragen zufolge bestätigt werden.

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Wir lernen: Das System Trump funktioniert wie ein Konverter, der den Wechselstrom der politischen Debatte in den Gleichstrom der Macht transformiert. Der Hass seiner Gegner befeuert die Zuneigung seiner Anhänger. Die kollektive Wut der Progressiven verwandelte Trump in regressive Energie. Er braucht das Schlagzeilengewitter wie der Windparkbetreiber die Sturmböe.

 

Voller Neid blickt man im Berliner Regierungsviertel auf den französischen Präsidenten, der auf allen Weltbühnen bella figura macht. Selbst von Donald Trump wird Emmanuel Macron, wenn schon nicht geliebt, so doch wenigstens respektiert.

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Ausweislich der Telefonliste, die das Weiße Haus regelmäßig veröffentlicht, sprach Trump mit dem französischen Kollegen von Januar 2017 bis Juli 2018 mehr als doppelt so häufig wie mit Merkel. Jedes achte der seither geführten 200 Trump-Telefonate mit einem ausländischen Staats- oder Regierungschef ging vom Weißen Haus zum Élysée-Palast. Zumindest in dieser frühen Phase der Ära Trump gilt: Frankreich zuerst. Deutschland hängt in der Warteschleife.

 

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Apropos Präsident: Jetzt, wo Frank-Walter Steinmeier in den Urlaub gefahren ist, fällt auf, dass er sonst gar nicht auffällt. Steinmeiers Reden wirken wie Kaufhausmusik, die eigens dafür komponiert wird, nichts und niemanden zu stören. Peter Handke mit seinem „Versuch über die Müdigkeit“ kommt einem in den Sinn:

„Wie mit Sägemehl ausgestopfte Würdenträger, deren Stimmen keinmal von dem, was sie besprachen, in ein Schwingen des Staunens, der Begeisterung, der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-nicht-Wissens gebracht wurden, vielmehr unablässig nur leierten, abhakten, skandierten: bis die Müdigkeit des Hörers in Unwillen, der Unwille in Übelwollen umschlug.“

Wenn der Parteienstaat uns ein Zeichen seiner Vitalität senden will, sollte er uns beim nächsten Mal – wie im Falle von Joachim Gauck – einen geistigen Vorturner und nicht einen parteipolitischen Mitläufer vorbeischicken. Auch eine Demokratie kann unter Ermüdungserscheinungen leiden.

Ich wünsche Ihnen einen hellwachen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr


Gabor Steingart
Journalist & Buchautor