Diesel-Offensive mit Limits | Briten Brexit-müde
 
DAS MORNING BRIEFING
26.09.2018
 
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Guten Morgen,
in einer Abfolge finsterer Tage war das der wahrscheinlich finsterste: Angela Merkel verlor gestern mit Volker Kauder ihren treuesten Paladin. Anders als im Grundgesetz vorgesehen, hatte der Fraktionschef nicht die Regierungschefin kontrolliert, sondern sie kontrollierte durch ihn die Bundestagsabgeordneten. Diese Herrlichkeit ist nun vorbei.

Er war ihr Einpeitscher und oberster Spitzel. Sie war sein Führungsoffizier und Vormund. Kauder hat sich nicht mal getraut, nächtens anders zu träumen als sie. Merkel war der Fixstern seines politischen Lebens. Ihre Lippen waren seine Bibel.
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Gestern Nachmittag unterlag er gegen Herausforderer Ralph Brinkhaus, der mit 112 zu 125 Stimmen die Unions-Fraktion hinter sich versammelte. Seine Worte bedeuteten eine Kampfansage an Merkel: „Stabilität und Ruhe“ seien nicht genug. „Was wir jetzt brauchen, ist Handeln, ein Zeichen des Aufbruchs – nach draußen und an die Parteibasis.“ Vor wenigen Wochen noch hätte das als Ketzerei gegolten. Doch es ist wie im wahren Leben: Die Ketzer von gestern sind plötzlich die neuen Hohepriester.

Der Sturz Kauders bedeutet im Regierungsalltag einen Energieabfall, der vom nahenden Ende der Kanzlerschaft kündet. Die Große Koalition kommt in diesem Zustand politischer Erschöpfung niemals bis zum Ende der Legislaturperiode. Das Wort Merkel reimt sich in der Union heute Morgen auf MorbiditätIhre Regierung ist nicht links und nicht rechts, sie ist einfach nur müde.

Wer sich inmitten des politischen Getöses ein feines Gehör bewahrte, hört das Totenglöckchen bimmeln. Keine Sentimentalität nirgends. Die Koalition könnte dem Land einen großen Dienst erweisen, wenn sie sich selbst bald die Todesurkunde ausstellen würde. Oder um es mit Norman Mailer zu sagen: „Sterben kann gar nicht so schwer sein. Bisher hat es noch jeder geschafft.“
 
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Über das Tollhaus Berlin sprach ich für den Morning Briefing Podcast  mit dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der eine schwere Gesprächsstörung zwischen Volk und Regierung diagnostiziert. Auch Seehofer und Merkel würde der Vorsitzende der Stiftung „Beziehungskultur“ gerne zu sich einladen: „Narzisstische Neigungen sind in der heutigen Politik die Fahrkarte, um ganz nach oben zu kommen.“
 
 
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Der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, hatte bereits am gestrigen Vormittag versucht, Merkel ein Höchstmaß an Wirklichkeit nahezubringen. Eine Regierung im permanenten „Selbstgespräche-Modus“ bedeute Stillstand, sagte er. Merkel kleinlaut: „Ich kann sie gut verstehen.“

Zur Besänftigung der wundgeriebenen Industrie-Seelen hatte CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier den BDI-Delegierten einen Sack voller Staatsgeld mitgebracht, der die Aufschrift „Wachstumspakt“ trug: Einen zweistelligen Milliardenbetrag – zur Hälfte für Innovation, zur anderen für Entlastungen der Industrie – stellt die Regierung demnach bereit. Der Marktwirtschaftler Altmaier geht davon aus, dass eine Regierung alles kaufen kann, zur Not auch das Wohlwollen der Industrie.
 
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Die gute Nachricht: Den Besitzern von Dieselfahrzeugen will die Autoindustrie Umtausch, Rückkauf oder Nachrüstung gewähren. Die schlechte Nachricht: Dieses Versprechen, so ein noch internes Papier der Regierung, soll offenbar nur in zehn sogenannten Intensivstädten der CO2-Verpestung umgesetzt werden. Dort bekäme man dann garantierte Restkaufwerte und staatliche Umrüstungshilfe. Der Rest des Landes ginge leer aus, nicht um die Luft, wohl aber um die Firmenkassen von Daimler, BMW und Volkswagen zu schonen.
 
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Großbritannien driftet, und zwar in Richtung des europäischen Festlandes. Jüngsten Meinungsumfragen zufolge sieht eine Mehrzahl der Briten die Entscheidung vor zwei Jahren als Fehler. Große Teile der Bevölkerung nehmen erstmals die Argumente der Ökonomen nicht nur zur Kenntnis, sondern machen sie sich zu eigen. Der Fortschritt ist eine Schnecke, die in Großbritannien ganz gemächlich von der Bankenstadt London in die Arbeiterhochburgen von Liverpool und Manchester kriecht.
 
Das Jahrhundertthema unserer Generation ist die Digitalisierung. Sie bereichert unser Leben, wenn wir an Google oder das iPhone denken. Aber wir erschrecken uns, wenn wir sehen, mit welcher Geschwindigkeit die Digitalisierung geistige Tätigkeiten auf den Computer überträgt und damit einen Großteil unserer bisher gut bezahlten Bürotätigkeiten überflüssig macht.
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Bewegt euch, bevor ihr bewegt werdet, sagt Christoph Keese, der Bestseller-Autor und ehemalige Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, der heute ein Beratungsunternehmen für die digitale Transformation betreibt. Sein neuestes Buch heißt Disrupt Yourself" und ist eine rezeptfreie und dennoch wirkungsvolle Medizin wider die Verzagtheit. Für den Morning Briefing Podcast  sprach ich mit ihm darüber, wie man Furcht in Aufbruch verwandelt. Zum Beispiel dadurch, sagt Keese, dass man Ängste zulässt: „Geleugnete Angst verschwindet nicht.“

Ich wünsche Ihnen einen furchtlosen Start in den neuen Tag. Herzlich grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor