Türkei in der Krise | Friedländer: „Versuche, Dein Leben zu machen“
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
14.05.2019
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Guten Morgen,
in der Großen Koalition rasen zwei Lokomotiven aufeinander zu. Auf der ersten Lokomotive sitzt die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Auf der zweiten Lokomotive rangeln SPD-Chefin Andrea Nahles und Vize-Kanzler Olaf Scholz um die Führung, derweil im Maschinenraum Heizer Kevin Kühnert und Hilfsheizer Ralf Stegner ständig die Kohlen nachschippen.
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Die AKK-Lokomotive würde gern bei nächster Gelegenheit in Richtung Bürgertum abbiegen. Die SPD hätte es am liebsten, dass die Koalition vorher entgleist. Und Nahles? Wäre schon froh, wenn sie nicht in der nächsten Kurve von der Lok rutscht. Heute Abend um 19 Uhr findet im Kanzleramt das Treffen der Lokomotivführer statt, auch „Koalitionsausschuss“ genannt. Kanzlerin Angela Merkel ist auch dabei, allerdings im Salonwagen der späten Jahre. Dort genießt sie die Abendsonne der Macht.
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Die Lokomotiven Nummer eins und Nummer zwei werden nicht heute Abend entgleisen, aber die Weichen werden so gestellt, dass es bei Bedarf jederzeit passieren kann. Zwei Karambolage-Szenarien sind für die Zeit nach der Europa-Wahl denkbar: Szenario 1: Der Renten-Crash. Die SPD will eine Grundrente ohne Bedarfsprüfung einführen. Auch eine halbtags angestellte Arztgattin und der Verkäufer mit Erbschaft sollen in den Genuss dieser neuen, durch keinerlei Beitragseinnahmen gedeckten Sozialleistung kommen. Das Schließen dieser neuerlich entdeckten Gerechtigkeitslücke kostet rund fünf Milliarden Euro pro Jahr.
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Das Geld soll den Rücklagen der anderen Beitragszahler entnommen werden, was nicht nur die CDU empört. Das Projekt ist ein politisches Eigentumsdelikt, das nur deshalb nicht vom Dezernat für Clankriminalität geahndet wird, weil die SPD-Familie bisher gut beleumundet war. Sollte die GroKo an der Verschenkrente scheitern, wäre das aus Sicht der CDU-Chefin nicht mutwillig, sondern folgerichtig. Szenario 2: Der Steuer-Aufprall. Die SPD würde am liebsten eine CO2-Steuer einführen und eine europaweite Mindestbesteuerung für Großkonzerne. Das klingt links, grün und so, als besäße man einen Plan für die Zukunft. Die CDU will dagegen wieder als Partei des Mittelstandes punkten, das heißt: Steuern senken und Soli abschaffen. Oder genau genommen beides erst einmal versprechen. Read my lips. Diese Szenarien seien besser als ein Weiter-So, meinen zumindest die diensthabenden Lokführer – und das Personal am Heizkessel sowieso. Was die Koalitionäre derzeit eint, ist ihr Wille zum vorsätzlichen Zerwürfnis. Die Frau im Salonwagen lässt es geschehen. Sie ist mit der Entkoppelung ihres Wagens von der Macht einverstanden. Es darf nur nicht zu doll rumsen – so wie einst beim Eisenbahnunfall am Gare Montparnasse in Paris 1895. Einen Abschied in Würde hat man Merkel schließlich versprochen.
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Gare Montparnasse 1895
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Es war die erwartete Reaktion. Zum Börsenstart am Montag stürzte der Dow Jones um 2,4 Prozent ab. Der S&P 500, in dem die 500 größten US-Konzerne gelistet sind, verlor ebenfalls 2,4 Prozent, der Nasdaq sogar 3,4 Prozent. Wenige Stunden zuvor hatte China seine Reaktion auf die neuen Strafzölle der Trump-Regierung verkündet: ► Das chinesische Finanzministerium wird ab dem 1. Juni Strafzölle auf US-Importe im Wert von 60 Milliarden Dollar verhängen. Auf fast 2.500 US-Produkte werden sogar 25 Prozent Aufschlag fällig. ► Zu den von den Strafzöllen betroffenen Produkten gehören Elektrogeräte wie Drucker und Mikrowellen, Holzwaren, Solarbatterien, Honig, Säfte und bestimmte Kaffeesorten sowie Kleidung und Schuhe. Damit tritt der Handelskrieg in eine neue Phase ein. Das Präludium ist beendet. Das Drama kann beginnen.
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Ab irgendeinem Punkt ist es gleichgültig, ob ein Vorstand das Risiko kommen sah oder nicht. Fest steht jedenfalls: Das Risiko der Monsanto-Übernahme ist zur Gewissheit geworden. Heute Nacht hat zum dritten Mal ein US-Gericht Bayer für schuldig befunden. Glyphosat erzeuge Krebs, sagten die Geschworenen und verurteilten das Unternehmen von CEO Werner Baumann zu einer Strafzahlung von zwei Milliarden Dollar. Über 11.000 weitere Kläger warten nun auf Entschädigung. Und das Unternehmen hat bisher für niemanden eine Rückstellungen getätigt. Bayer befindet sich moralisch, juristisch und finanziell auf der abschüssigen Bahn.
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Den türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan gibt es zweimal. Erdoğan I. stand für Globalisierung und Europäisierung, was der Türkei gut bekam. Erdoğan II. steht für einen fieberhaften Personenkult und den wirtschaftlichen Niedergang seines Landes: ► Nachdem er den Ausgang der Bürgermeisterwahl in Istanbul als „organisierte Kriminalität“ bezeichnete und Neuwahlen ankündigte, ging der Lirakurs erneut in die Knie. ► Die Inflation lag im April bei knapp 20 Prozent. Die Lebensmittelpreise sind die höchsten seit 15 Jahren.
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► Seit Herbst 2018 herrscht Rezession. Für 2019 prognostiziert die OECD einen Rückgang von noch 1,8 Prozent. ► Der wichtigste türkische Aktienindex ISE 100 fiel in den vergangenen zwei Monaten um 15 Prozent. Erkennbar versagt eine aufgewühlte Bevölkerung dem Machthaber die Gefolgschaft. Die Wahlniederlagen in Ankara, Izmir und in der Metropole Istanbul sind die Sturmvögel einer neuen Zeit. Erdoğan I. ist Geschichte. Erdoğan II. ist eine Gegenwart, die gerade vergeht.
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Heute feiert die „Deutschlandstiftung Integration“ 70 Jahre deutsches Grundgesetz. Angela Merkel und der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff werden sprechen – und auch die 97-jährige Holocaust-Überlebende und Buchautorin Margot Friedländer. Für den Morning Briefing Podcast  habe ich Margot Friedländer getroffen, um ihre Lebensgeschichte zu hören.
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Monique Küsel
Als junge Frau fand sie am 20. Januar 1943 die elterliche Wohnung versiegelt vor. Die Gestapo hatte zugeschlagen und ihren jüngeren Bruder deportiert. Er war allein zu Hause gewesen. Wenig später meldete sich die Mutter freiwillig bei den Behörden, weil sie den Sohn nicht sich selbst überlassen wollte. Beide werden nach Auschwitz gebracht und vergast. Tochter Margot sieht ihre Mutter nie wieder, erhält von ihr nur den von Freunden überlieferten Zuruf „Versuche, Dein Leben zu machen“ und die geliebte Bernstein-Kette der Mutter erhält sie auch. Am Ende unseres Gesprächs legt sie sich diese Kette um den Hals.
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Monique Küsel
Margot Friedländer lebte für mehr als ein Jahr im Untergrund, geschützt und versteckt von deutschen Christen, bevor zwei jüdische Greifer sie enttarnten. Auch das Lagerleben im Ghetto von Theresienstadt konnte ihren Lebenswillen nicht brechen. Nach der Befreiung durch die Russen migrierte sie nach New York und kehrte erst vor zehn Jahren wieder in ihre Heimatstadt Berlin zurück. Margot Friedländer hat ihr Leben gemäß dem Rat der Mutter gelebt, obwohl die offizielle Welt sich gegen dieses Leben verschworen hatte. In einem Alter, in dem anderen Menschen die Liebe entdecken, wurde sie mit einer staatlich verordneten Politik des Massenmordes konfrontiert. Ihre Geschichte erzählt von Leid und Verzweiflung und wie man beides mit Mut bekämpft. Diese Geschichte erzählt aber auch von Trost und Nächstenliebe, die Margot Friedländer in größter Not erfuhr.
Ein Jahr und drei Monate haben total fremde Menschen mir geholfen. Sie haben mich versteckt. Sie haben nicht weggesehen. Sie haben etwas getan, das auch ihren Kopf hätte kosten können. Sie waren Menschen, sie waren mein Talisman.“
Margot Friedländer erklärt, warum ihre Familie das drohende Unheil zunächst nicht kommen sah:
Ich bin hier in Berlin geboren, meine Eltern sind Deutsche, mein Vater hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, einen Bruder verloren, ist hoch ausgezeichnet worden mit dem Eisernen Kreuz. Meine Mutter hatte einen Bruder, der ist auch für Deutschland gefallen. Mein Vater hat es nicht verstanden, er hat immer gesagt: Die meinen uns nicht.“
Ihre Rückkehr nach Berlin hat die Frau nicht bereut. Sie schaut – fast ist man versucht zu sagen: nachsichtig – auf ein Deutschland, das ihr Mutter, Bruder, Vater und Lebenschancen genommen hat.
Ich war nicht fertig mit Deutschland. Ich war nicht fertig mit Berlin, denn ich hatte auch andere Erfahrungen gemacht, als ich untergetaucht war und von Deutschen versteckt wurde, die nicht weggesehen haben. Ich habe gute Deutsche kennengelernt.“
Ich denke dieses Gespräch wird Sie erschrecken und bereichern, so wie es mich erschreckt und bereichert hat. Es geht um eine Frau, der man im Namen des Staates versucht hat, ihre Würde zu nehmen. Schicksale wie das von Margot Friedländer standen den Verfassungsvätern vor Augen, als sie in Artikel 1 des Grundgesetzes – versehen mit der Ewigkeitsgarantie – festhielten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ich wünsche Margot Friedländer und uns allen einen guten Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor