Deutsch-französische Eiszeit | Wirecard lockt Spekulanten
Gabor Steingart - Das Morning Briefing
08.02.2019
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Guten Morgen,
die US-Raumfahrtbehörde hat auf drastische und zugleich sehr anschauliche Weise den Klimawandel beschrieben. In einer filmischen Animation zeigt die NASA, wie die Welt sich aufheizt. Die vergangenen fünf Jahre, so die US-Wissenschaftler, waren die heißesten seit die moderne Wetteraufzeichnung existiert, also seit 1880.Die Temperatur seitdem hat sich damit um 0,07 Grad Celsius pro Dekade erhöht. Die Geschwindigkeit dieser Erhöhung beschleunigte sich spätestens seit 1981 auf gemessene 0,17 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Die Oberflächentemperatur lag 2018 um 0,79 Grad Celsius über dem Durchschnitt des gesamten 20. Jahrhunderts. Das Potsdamer Institut für Klimaforschung rechnet vor, dass die weltweiten Überschwemmungen mittlerweile einen signifikanten Teil des Wohlstandes gefährden: Für die nächsten 20 Jahre, so eine Simulationsrechnung des Instituts, drohen Verluste in der Größenordnung von 600 Milliarden US-Dollar allein durch Hochwasser. Es käme zu Preissteigerungen, Lieferengpässen und Verlagerung von Produktionsketten. Allein durch die Dürre in Europa in 2018 entstand laut der Munich Re ein direkter Schaden von 3,9 Milliarden US-Dollar. Indirekte Kosten wie steigende Rohstoffpreise sind da noch nicht enthalten.
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Angesichts der Rekordhitze mehren sich die Waldbrände. Für die Versicherungsbranche waren die Brände in Kalifornien im vergangenen Jahr die schwersten Feuer aller Zeiten. Die gesamtwirtschaftliche Schadenssumme wurde von den Versicherern auf 24 Milliarden US-Dollar beziffert, ein Vielfaches der bei Feuern üblichen Summe. Davon waren lediglich 18 Milliarden US-Dollar versichert. In den letzten knapp vier Jahrzehnten ist die Zahl der für Versicherer zu Buche schlagenden Ereignisse um mehr als das Doppelte gestiegen. In den 2010er Jahren gab es im Schnitt 640 Naturkatastrophen jährlich. In den Achtzigern waren es mit 290 nur knapp halb so viele. Die ökonomischen Auswirkungen dieser weltweiten Erwärmung sind keine Sache des Glaubens, sondern der Mathematik: Immer zahlreichere Dürren, Waldbrände, Taifune und Überschwemmungen sind die Folge– und damit verbunden die Vernichtung von Tierherden, Waldbeständen und Ernteerträgen, wie insbesondere Versicherungskonzerne präzise registrieren und bewerten.
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Ernst Rauch ist Geophysiker und arbeitet seit 1988 für den weltgrößten Rückversicherer Munich Re. Er leitet dort den Bereich Global Head Climate & Public Sector Business Development. Seine Aufgabe ist es, die aktuelle Entwicklung zu verstehen und mithilfe von Simulationsrechnungen in belastbare Prognosen zu verwandeln, sodass die Schäden durch den Klimawandel nicht zum Ruin ganzer Regionen und Industriezweige führen. Auch das Wohlergehen seiner Firma hängt davon ab, wie realitätsnah diese Simulationsrechnungen sind, auf deren Grundlage Versicherungswerte und Beiträge berechnet werden. Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit dem Klimaexperten gesprochen. Er berichtet von den Treibern der Entwicklung und warum der Mensch nicht die alleinige, aber die wichtigste Ursache der Erderwärmung ist. Seine Kernaussagen:
Es gab inzwischen 24 Weltklimakonferenzen unter dem Dach der Vereinten Nationen. Tatsache aber ist, dass die Emissionen der Treibhausgase in dieser Zeit weiter angestiegen sind.
Nicht die gesamte Erderwärmung, aber mehr als die Hälfte ist auf den Menschen und die von ihm verursachten Treibhausgasemissionen zurückzuführen.
Die Phänomene, die wir beobachten, sind Physik und nicht irgendetwas, das man in die ideologische Welt projizieren kann.
Wir sind nun an einem Punkt angekommen, an dem Veränderung der langfristigen Trends – und das muss man ehrlich sagen – wehtun. Diesen Schmerzpunkt haben wir erreicht.
Wir müssen ungefähr in der Mitte dieses Jahrhunderts bei null Emissionen angekommen sein. Sonst kann es keine Trendumkehr geben.
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dpa
Die britische Premierministerin Theresa May war heute wieder zu Gast in Brüssel, was wir hier nur der Vollständigkeit halber erwähnen. 90 Minuten dauerte das Gespräch mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und es sei „robust“ und „konstruktiv“ gewesen, teilte die Kommission anschließend mit. Das bedeutet: Keiner hat sich bewegt. Wenn denn das Europa der Gegenwart ein Logo besäße, wozu die Marketingexperten sicher raten, wäre es der Betonkopf.
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dpa
Auch Italien und Frankreich zelebrieren ihre Meinungsunterschiede. Weil Vize-Regierungschef Luigi Di Maio in Rom sich mit Vertretern der Gelbwesten aus Paris traf – sozusagen von Populist zu Populist – kündigte ihm Emmanuel Macron erst die Freundschaft und dann die diplomatischen Beziehungen. Der französische Botschafter wurde theatralisch aus Rom abberufen. Wenn es einen Oscar für die Inszenierung von Nichtigkeit gäbe, hätte Macron ihn verdient. Oder um es mit Albert Camus zu sagen: „An Kaisern fehlt es uns nicht, nur an Persönlichkeiten.“
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dpa
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich kühlt sich ebenfalls weiter ab. Erst die steife Unterzeichnung des Aachener Vertrages zwischen Emmanuel Macron und Angela Merkel, dessen Geist und Buchstaben keinen wirklichen Neubeginn markierten. Gestern dann sagte Macron einen gemeinsamen Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz ab. Die Beziehung Macron/Merkel leidet nicht an Überhitzung. Diese Beziehung stirbt den Kältetod. Eine zunehmend selbstbewusst auftretende Merkel geht auch auf Distanz zu den USA: Es wird zwar einige Auflagen, aber kein Verbot von Huawei-Komponenten beim 5G-Ausbau geben. Trump drängt auf harte Sanktionen gegenüber China. Auch bei der sogenannten “Russen-Pipeline” Nord Stream 2 bleibt Merkel hart. Das von Gazprom betriebene Projekt treibt sie emsig voran – gegen den Widerstand der Amerikaner. Das Verhältnis Trump-Merkel nähert sich damit ebenfalls dem Gefrierpunkt.
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dpa
In Venezuela gerät der Machtkampf zwischen Oppositionsführer Juan Guaidó und Machthaber Nicolás Maduro zum Showdown. Die USA und Kanada versuchen mit Hilfslieferungen im Wert von 73 Millionen US-Dollar, die ausgezehrte Bevölkerung in Richtung Guaidós zu lenken – vergeblich. Das venezolanische Militär versperrte dem Hilfskonvoi an der Grenze zu Kolumbien den Weg mit quergestellten LKWs, Zäunen und Containern. Maduro sagt: „Wir sind keine Bettler.“
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Über die wahre Lage in Caracas habe ich für den Morning Briefing Podcast  mit Carolina Nelson gesprochen, einer 33-jährigen Sozialarbeiterin, die fünf Jahre mit Obdachlosen gearbeitet hat, bis die Hilfsprogramme von der Regierung Maduro gestrichen wurden. Sie liefert einen Bericht, der von Spannung und Hoffnung erzählt:
Wir glauben fest daran, dass die Hilfslieferung von Kolumbien nach Venezuela über die Grenze kommen wird.
Die Inflation liegt immer noch bei tausend Prozent und die Leute stöhnen immer mehr über die Preise und die Lebenshaltungskosten.
Jeder, der die Landeswährung Bolívar am Konto hat, versucht, sie so schnell es geht, in Dollar umzutauschen, um das Geld zu retten – und damit sich die Preise stabilisieren.
Fazit: Maduro hält sich noch an der Macht. Den Rückhalt der Straße aber hat er verloren. Der Mann wird sich in Kürze entscheiden müssen. Rückzug von allen Ämtern oder offene Militärdiktatur.
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Die Fehde zwischen der „Financial Times“ und dem Dax-Konzern Wirecard ging gestern in die dritte Runde. Der Zwischenstand: Die „FT“ führt, Wirecard wankt. Die Aktie sackte um bis zu 19 Prozent ins Minus, nachdem die Zeitung berichtet hatte, dass zwei deutsche Top-Manager „mindestens teilweise Kenntnis“ von Geldwäsche-Vorwürfen gehabt haben sollen. Nachdem die „FT“ ihre Recherche Mittwoch vergangener Woche veröffentlichte, brach der Kurs bereits um 24,7 Prozent ein, nach dem zweiten Bericht letzten Freitag verlor die Aktie noch einmal fast ein Drittel ihres Wertes. Seit Beginn der „FT"-Berichterstattung hat Wirecard damit rund acht Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Wirecard bestreitet die Vorwürfe. Auch die Münchner Staatsanwaltschaft hat bisher „keinen ausreichenden Anfangsverdacht“, um ein Ermittlungsverfahren gegen die Konzernspitze einzuleiten, was die Experten für Leerverkäufe gar nicht interessiert. Womöglich lehrt uns der Vorgang mehr über das Wesen des Spekulanten als über die Wahrheit. Der Spekulant braucht keine Beweise. Ihm reicht der Nebel der Unsicherheit. Der Spekulant will nicht Recht behalten. Er will nur profitieren.
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dpa
Apropos Profit: Facebook sammelt Daten von 2,3 Milliarden Menschen weltweit und hat sich zu einer Datenfabrik entwickelt, die Nutzerdaten absaugt, filetiert und sodann in jeder Losgröße an die Werbeindustrie verkauft. Kartellamtschef Andreas Mundt versucht, diesen Giganten seit drei Jahren zu bändigen. Gestern verbot das Bundeskartellamt nun Facebook, Daten aus WhatsApp, Instagram oder von anderen Seiten des eigenen Imperiums zu bündeln, es sei denn, die Nutzer stimmen ausdrücklich zu. Facebook kündigte an, Beschwerde einzulegen. Das vorsätzliche Nichtverstehen der offenen Gesellschaft gehört mittlerweile zum Geschäftsmodell von Mark Zuckerberg. Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Start in das Wochenende. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor