SPD leidet | Bloomberg kokettiert
 
DAS MORNING BRIEFING
11.10.2018
 
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Guten Morgen,
Deutschlands Vorstandsvorsitzende verlangen von allen die Bereitschaft zur Veränderung – von Mitarbeitern, Zulieferern und Politikern. Nur nicht von sich selbst.

„Wir verlassen Deutschland“, kündete der Vorstand des Chemiekonzerns Hoechst an, nachdem Joschka Fischer zum hessischen Umweltminister vereidigt worden war. „In Deutschland gehen die Lichter aus“, behaupteten die Betreiber der Atomkraftwerke, als die Energiewende kam. Hunderttausend Arbeitsplätze seien in Gefahr, droht VW-Chef Herbert Diess heute Morgen in der „Süddeutschen Zeitung“, nachdem in Brüssel strengere Vorgaben für Verbrennungsmotoren beschlossen wurden: „So eine Industrie kann schneller abstürzen, als viele glauben wollen", sagt er.
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Wenn vorsätzliche Sturheit ein Geschäftsmodell wäre, müsste sich der Aktienkurs von VW heute Morgen auf einem Allzeit-Hoch befinden. Tut er aber nicht: Inflationsbereinigt ist seit 2015 ein Minus von 21 Prozent zu konstatieren. Einer muss sich irren: Diess und seine Kollegen sind die Dinosaurier des automobilen Zeitalters. Mit müdem Schritt bewegen sie sich zum Ausgang der Kreidezeit.
 
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Für den heutigen Morning Briefing Podcast  habe ich mit dem französischen Literaten, Automanager und Unternehmensberater Daniel Goeudevert gesprochen. Er war Generaldirektor bei Renault und Citroën, Vorstandschef der Deutschen Ford Werke AG und Mitglied im Vorstand von Volkswagen zu jener Zeit, als die verantwortlichen VW-Manager noch nicht in U-Haft saßen wie Rupert Stadler oder per internationalem Haftbefehl gesucht wurden wie Martin Winterkorn.

Der inzwischen 76-jährige Goeudevert wollte schon Anfang der Neunzigerjahre den öffentlichen Nahverkehr stärken und zusammen mit dem Erfinder der Swatch, Nicolas Hayek, umweltfreundliche Motoren bauen. Das war zu viel der Modernität für den deutschen Autoadel: Der Franzose musste gehen.

Im heutigen Interview beschreibt er die Vorstandschefs von Daimler, VW und BMW („hoch bezahlt bedeutet nicht gleich intelligent“) als Marionetten Ihrer Marketingabteilungen. „Lieber zwei Gaspedale und die Bremse nicht erwähnen“, sagt er. Mithilfe willfähriger Politiker versuche man, den Umweltschutz auszuhebeln und ignoriere die technischen Möglichkeiten der Elektromobilität: „Die deutsche Automobilindustrie hat 15 Jahre in die falsche Richtung weiterentwickelt.“ An die Adresse von Diess fragt Goeudevert: „Hat der keine Kinder?“
 
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Die US-amerikanischen Aktien erlebten ihren schlechtesten Tag seit 2016. Der Nasdaq Composite fiel heute Nacht um vier Prozent. Betroffen vom Kursverfall der vergangenen Tage sind vor allem die Tech-Giganten der neuen Zeit. Nach diesen Vorgaben aus den USA purzelten heute morgen auch die asiatischen Kurse weiter. Das Problem: Es gibt derzeit keinen Grund für einen Crash – aber es gibt auch keinen Grund für weiteres Wachstum. Die Hände der Investoren haben zu zittern begonnen.
 
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Der US-Mineralölriese ExxonMobil unterstützt eine von Linken und Ökologen gestartete Kampagne zur Erhöhung der Steuern auf Kohlenstoffe. Die Spitzenposition der USA (siehe Grafik) beim Ausstoß von Treibhausgasen wird auch in Industriekreisen als unhaltbar angesehen, weshalb man zumindest die atmosphärische Nähe zur Umweltbewegung sucht. Es gilt das chinesische Sprichwort: Die Hand, die du nicht abhacken kannst, sollst du schütteln.
 
 
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Michael Bloomberg, Ex-Bürgermeister von New York und Besitzer des Medienkonzerns „Bloomberg“, bringt sich für eine Kandidatur zur US-Präsidentschaftswahl 2020 ins Gespräch. Er trat gestern in die Demokratische Partei ein. Bloomberg war seit seinem Parteiaustritt bei den Republikanern 2007 als „Unabhängiger“ registriert. 

Für eine Präsidentschaftskandidatur spricht: Er besitzt laut dem Sender „CBS News“ ein Vermögen von 51,8 Milliarden Dollar und könnte eine Wahlkampfkampagne aus der Portokasse bezahlen. Gegen eine Kandidatur spricht: Die demokratische Parteibasis sucht nach einer progressiven, möglichst weiblichen Spitzenkandidatin. Und: Bloomberg wäre in 2020 bereits 78 Jahre alt. Oder um es mit Salvador Dali zu sagen: „Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man selbst nicht mehr dazugehört.“
 
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Am kommenden Sonntag, wenn die Wahllokale geschlossen sind, werden wir den Anfang vom Ende der großen Koalition erleben. SPD-Chefin Andrea Nahles sucht nur noch den richtigen Absprungpunkt. „Wenn der unionsinterne Zoff weiterhin alles überlagert, macht gute Sacharbeit keinen Sinn mehr“, sagte sie der heute erscheinenden „Die Zeit“.

Wolfgang Schäuble bereitet die Führung der Unionsfraktion bereits auf eine Minderheitsregierung ohne Beteiligung der SPD vor. Da die Macht von Kanzlerin Angela Merkel ähnlich unbefestigt ist wie die von Nahles, kann es passieren, dass der Regierung binnen kurzer Zeit die Protagonistinnen abhandenkommen. Die Kerze der Koalition brennt von beiden Seiten.
 
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Im Endspurt des Landtagswahlkampfes in Bayern legen die Grünen weiter zu: 16 bis 18 Prozent sagen die Umfragen, woraufhin Parteichef Robert Habeck gestern Abend bei einer Veranstaltung der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ den Regierungsanspruch der Umweltpartei anmeldete: „Ich erwarte von uns, dass wir ein Teil der Neuaufstellung sind.“ Der harte Kern der CSU-Funktionäre leidet jetzt schon: Demokratie und Demütigung liegen zuweilen dicht beieinander.
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Die SPD, der mittlerweile in nennenswerter Zahl Wähler, Mitglieder und daher auch Gelder fehlen, hat sich offenbar mit dem Kapitalismus ausgesöhnt. Im Merchandising Shop der Willy-Brandt-Nachfolgeorganisation werden die Kaffeetasse „Annemarie Renger“, ein Waffeleisen und rot lackierte Toaster angeboten, die dem Brot das Partei-Kürzel einbrennen. Für 32,90 Euro ist man dabei. So ändern sich die Zeiten. Früher wollte man die Welt verändern, heute die Festigkeit von Toastbrot. Die alte SPD war sozial, die neue ist knusprig.

Ich wünsche ihn einen vergnüglichen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor