Trump vor China-Deal | Keine Narrenfreiheit mehr
 

Gabor Steingart - Das Morning Briefing
05.03.2019
Foto-Montage: Achleitner und Scholz vor Dinosauriern in der Frankfurter Skyline.
Guten Morgen,
an der Börse verlor Deutschlands größtes Geldhaus in elf Jahren mehr als neunzig Prozent seines Wertes. Optimisten sagen, die Deutsche Bank ringt in diesen Tagen um ihre Unabhängigkeit. Realisten wissen: Dieser Kampf ist verloren.

Zwischen 2011 und 2018 erwirtschaftete die Deutsche Bank einen kumulierten Nettoverlust von sechs Milliarden Euro. Die Refinanzierungskosten der Bank, die in Wahrheit nur das Risikoprofil des Geldinstitutes widerspiegeln, sind höher als hoch. Wegen dieser Risiken, das kommt strafverschärfend hinzu, muss die Deutsche Bank bei der EZB mehr Eigenkapital hinterlegen als ihre Wettbewerber. Das drückt auf die Margen und auf die Stimmung.
Grafik: Fallende Kurse
 
Die „Financial Times“ hat sich gestern in bedrückender Klarheit mit dem Zustand von Deutschlands Geldhaus Nummer eins beschäftigt. Für Deutsche-Bank-Vorstandschef Christian Sewing und sein Team war jeder Satz ein Nackenschlag:
Die Deutsche Bank ist zum Symbol der Vor-Krisen-Hybris der europäischen Banken geworden, als sie versuchte, den „Casino“-Stil der amerikanischen Banken zu imitieren.
Bei der finanziellen Performance steht die Deutsche Bank ganz unten auf der Liste. Sie erzielt die niedrigste Eigenkapitalrendite, hat das schlechteste Aufwands-Ertrags-Verhältnis und im Vergleich zu ihren europäischen Konkurrenten die höchsten Refinanzierungskosten.
Ihre Selbsthilfestrategien sind gescheitert. Analysten stellen die Funktionstüchtigkeit ihres Geschäftsmodells offen infrage.
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Hinter den Kulissen in Berlin, Frankfurt und Brüssel geht es nicht mehr darum, die Selbstständigkeit dieser Großbank zu retten, sondern die Existenz einer deutschen Großbank sicherzustellen, die dann aus zwei Teilen besteht. Die Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank zur „Deutschen Commerzbank“ wird damit immer wahrscheinlicher. Jurassic Park in Frankfurt: Die Geburt eines Dinosauriers steht bevor.

Der Staat hält 15,45 Prozent an der Commerzbank und befindet sich damit in der Vaterrolle. Finanzminister Scholz treibt mit seinem Staatssekretär Jörg Kukies, der in seinem Vorleben Goldman-Sachs-Manager und in seinem Vor-Vor-Leben Juso-Chef von Rheinland-Pfalz war, den Zeugungsvorgang voran. Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bank und der Commerzbank stehen der Verschmelzungsidee nicht lüstern, aber wohlwollend gegenüber.

Vier Vorteile erhofft man sich:

► Gemeinsam will man von der Staatsbeteiligung, die immer auch eine Staatshaftung bedeutet, profitieren. Die Refinanzierungsbedingungen würden sich schlagartig verbessern.

► Das fusionierte Institut würde mit deutlich über 30 Millionen Privatkunden einen Machtfaktor im Inland bedeuten.

► Durch die Fusion würde sich das Risikoprofil der neuen Großbank verbessern. Zwei Drittel der Geschäfte würden in jenen Bereichen getätigt, die Sewing die „Stabilitätsbereiche“ nennt. Der neue Slogan: Boring is beautiful.

► Kraftvoll will man die Kosten senken, das heißt Filialen schließen und mindestens 20.000 Bankangestellte freisetzen.
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Für den Morning Briefing Podcast  habe ich mit dem künftigen Deutschland-Chef des amerikanischen Medienunternehmens „Bloomberg“, Daniel Schäfer, gesprochen, der heute von Frankfurt aus den Finanzteil des „Handelsblatt“ leitet. Schäfer kennt die Materie und die Menschen dahinter. Sein Urteil:
Paul Achleitner liebäugelt mit der Idee einer Fusion, um damit einen Befreiungsschlag für die seit Jahren kränkelnde Deutsche Bank zu erreichen.
Alle pan-europäischen Fusionen, die man in Frankfurt keineswegs ausschließt, haben für Schäfer den entscheidenden Nachteil, dass die Deutsche Bank aufgrund ihres geschmolzenen Börsenwertes (Grafik oben) immer nur die Rolle des Junior-Partners spielen kann:
Die Deutsche Bank hat nicht viele Alternativen.
Der Staat wäre ein mittelgroßer Ankeraktionär. Die Erwartung ist, dass der staatliche Einfluss den Kapitalmärkten Sicherheit gibt.
Fazit: Ob die Fusion der beiden angeschlagenen Institute wirklich die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Während sich Deutschland jahrelang mit der Restrukturierung dieser beiden Banken beschäftigen wird, könnten die internationalen Großbanken und die jungen FinTechs des Digitalzeitalters den Dinosaurier aus Frankfurt überrollen. Achleitner und Scholz sehen Licht am Ende des Tunnels. Aber womöglich handelt es sich nur um das Licht des entgegenkommenden Zuges.
 
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dpa
 
Pünktlich zum heutigen Auftakt des Nationalen Volkskongresses der Volksrepublik China macht sich Donald Trump daran, den Zollstreit zu entschärfen. Die USA und China stehen kurz vor einer Einigung.

In der sich abzeichnenden Lösung finden sich viele Forderungen der USA wieder: etwa der Schutz des geistigen Eigentums von US-Unternehmen vor der chinesischen Liebe zum Imitat. Zudem sollen Einfuhrzölle und andere Hürden für amerikanische Produkte vermindert werden. Besonders hadern die USA mit chinesischen Staatskonzernen, die nach ihrer Ansicht unfaire Wettbewerbsvorteile haben. Zeige China sich flexibel, würden die USA umgekehrt alle zuletzt erhobenen Strafzölle aufheben, heißt es.
Grafik: Handelsbilanz USA vs. China.
 
Die Chinesen sind zur Dankbarkeit bereit. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping könnte schon Ende März auf dem Trump-Anwesen Mar-a-Lago (Florida) einchecken, heißt es in Peking. Auch dem großen Ziel der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel wäre Trump nähergerückt. Die Atomwaffen des Kim Jong-un sind das Preisgeld dieser amerikanisch-chinesischen Poker-Party.
 
Der Karneval 2019 wird als Festival der Humorlosigkeit in die Geschichte der Narren eingehen. Für einen müden Witz über Latte-Macchiato-Männer und Toiletten für das dritte Geschlecht ist CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zum Opfer einer Treibjagd geworden. Das politisch korrekte Deutschland hat durchgeladen.
Podcast Bild: Alexander Kissler.
 
Der „Cicero“-Feuilletonist Alexander Kissler, der ein lesenswertes Buch („Widerworte: Warum mit Phrasen Schluss sein muss“) über die leere Sprache vieler Politiker verfasst hat, verteidigt das Recht der zugespitzten Meinungsäußerung und auch das Recht auf den schlechten Witz.

Im jetzt gleich erscheinenden Morning Briefing Podcast  eröffnet er das Gegenfeuer und geißelt „die Empörungsroutine“:
Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich erdreistet, den rot-rot-grünen Tugendkorridor zu verlassen, den man in Berlin beschlossen hat. Das Abweichende wird als respektlos oder als haltungsarm gekennzeichnet.
Angela Merkel nennt er die „Mutti aller Phrasen“ und erläutert, warum der Allgemeinplatz ein bequemer Ort ist:
Eigene Gedanken kosten Arbeit. Wenn man einfach zu den Fertigbauteilen greift, muss man nicht selber nachdenken.
Gerade diejenigen, die alles zur Haltungsfrage erklären, hätten das Denken weitgehend outgesourct:
Phrasen verbinden maximalen politischen Anspruch mit minimaler politischer Füllung.
 
Grafik: Ausgaben für Berater nach Ressort. Verteidigung ganz unten (1,2 Millionen Euro), Inneres (532,9 Millionen Euro).
 
Für 1,2 Milliarden Euro kann sich der Staat eine Menge leisten: Rund 120 Leopard-2-Kampfpanzer zum Beispiel, oder ein Jahr lang 179.000 Kindern den Schulplatz zu finanzieren. Die Bundesregierung hat sich dafür entschieden, diese Summe seit 2006 für Berater auszugeben – über mehr als 6.000 Einzelverträge. Das geht aus einer Kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag hervor. Mit Abstand das beste Geschäft machen die Consulting-Firmen beim Innenministerium. Das Haus von Horst Seehofer (CSU) gibt 532,9 Millionen Euro dafür aus.
 
Rundbild: Ursula von der Leyen.
dpa
 
Ausgerechnet Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), gegen deren Vergabepraxis bei Beraterverträgen ein Untersuchungsausschuss ermittelt, überweist nur 1,2 Millionen an McKinsey, Accenture und Co. Damit sind die Heckenschützen aller Parteien der politischen Unredlichkeit überführt. Das eben ist das Bequeme an der Symbolpolitik. Man braucht keinerlei Fakten, nur Zielscheiben.

Ich wünsche Ihnen einen unbekümmerten Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor