Fixstern Apple | Strafe für Putin | Iran unter Spannung
 
DAS MORNING BRIEFING
01.08.2018
 
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Guten Morgen,
ab heute Morgen gelten die neuen Regeln für den Familiennachzug von Flüchtlingen. Insgesamt 1000 Angehörige dürfen nun jeden Monat nach Deutschland einreisen. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Alle weiteren Familienmitglieder, Brüder, Schwestern, Kinder, Oma und Ehefrau, bleiben in Aleppo oder anderen Ruinenstädten zurück.

Das eben ist das Komplizierte unserer Zeit: Die Gesellschaft ringt gar nicht so sehr mit den Zugezogenen, sondern vor allem mit sich selbst. Wir wollen so widersprüchlich bleiben, wie wir waren, also: weltoffen und dennoch deutsch; mitfühlend, aber vernünftig; morgens Papst und abends Seehofer.

Deshalb kommt es in der Frage des Familiennachzugs zum Humanismus nach Plan, zur Menschlichkeit im Kontingent. Dabei begegnen wir im inneren Monolog dem anderen Ich. Das eine in uns trauert mit dem Flüchtlingskind, das als Nummer 1001 am Flüchtlingszaun zurückgelassen wird. Das andere Ich liest aus dem Polizeibericht vor und denkt dabei an jene finsteren Gesellen, die unser Bahnhöfe bevölkern. In uns hören wir immer zwei Stimmen. Und wer nur eine hört, sollte zum Arzt gehen.
 
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Michael Jürgs, der große Journalist und Buchautor, hat zum Selbstverständnis der Journalisten einen Essay verfasst, der heute im „Handelsblatt“ erscheint. Es geht genau darum: um den Bauch, der mit dem Kopf nicht in Frieden leben will. Ohne eine moralische Haltung ist alles nichts, sagt Jürgs, sie allein aber genügt nicht, fügt er hinzu. Sein Kernsatz lautet: „Die zum Journalismus angemessene Farbe ist nicht Schwarz, nicht Weiß, sondern Grau. Das ist die Farbe des Zweifels.“ Jürgs ist, das soll hier nicht verschwiegen werde, schwer an Krebs erkrankt. Dieser Text ist kein normaler Artikel, sondern sein Vermächtnis. Er trägt die Überschrift „Deadline“.
 
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Nach dem Gipfeltreffen mit dem nordkoreanischen Machthaber und dem russischen Präsidenten hat Donald Trump Appetit auf eine weitere Begegnung. Aber die politische und religiöse Führung Irans wird ihm diesen Gefallen nicht tun. Die einseitige Aufkündigung des Atomdeals durch Amerika, die Sanktionen und die politische Isolation des Landes haben die Ajatollahs nicht gefügiger, sondern bockiger gemacht. Trump verlangt Flexibilität. Sie wollen Respekt. Trump ist hart. Iran ist zäh. Beide streben nach Dominanz in der Region. Das ist der Stoff, aus dem Nahost-Kriege sind.

Ohne Mithilfe der Ajatollahs ist ein stabiles Afghanistan ebenso undenkbar wie Frieden im Irak. Trump verfügt über die US-Armee und damit die mächtigste Militärmacht der Welt. Iran finanziert ein hocheffektives Terrornetzwerk. Die Amerikaner haben Atomraketen. Iran dirigiert hunderte von Selbstmord-Attentätern. Es gibt in der Welt der Diplomatie nicht nur gute Gründe miteinander zu reden, sondern auch böse.
 
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Zwei Jahre nach dem Brexit sieht man klar, was die Volksabstimmung vom 23. Juni 2016 für die britische Volkswirtschaft und die in ihr arbeitenden Menschen bedeutet hat. So hat sich die Wachstumsrate Großbritanniens (rote Kurve), die vorher zu den stärksten innerhalb der EU zählte, ans untere Ende des Spektrums bewegt. Großbritannien ist nicht der kranke Mann Europas, der fußlahme aber schon.

Da die Lohn- mit der Preisentwicklung in Großbritannien nicht Schritt gehalten hat, stehen die privaten Haushalte schlechter da als zuvor. Und um das nicht zu spüren, nehmen sie Kredite auf. Die Sparquote ist seit dem Brexit um 4,1 Prozent gefallen und befindet sich damit auf dem tiefsten Stand seit 50 Jahren. Der Aktienmarkt bietet den Briten keine allzu große Entlastung. Seit dem Referendum entwickelt sich der britische FTSE 250 Index (blaue Kurve) deutlich unterhalb des globalen MSCI World Index.

Fazit 1:
Nationale Isolation ist kein Geschäftsmodell. Manche fühlen sich besser und alle werden ärmer.
 
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Um das Schlimmste zu verhindern, will die britische Premierministerin Theresa May am Freitag den französischen Präsidenten Macron in seinem Urlaubsquartier besuchen. Den ganzen Nachmittag lang und bis zum Abendessen wird sie bleiben, um die Austrittsbedingungen Großbritanniens mit ihrem größten Widersacher zu verhandeln. Frankreich hofft, Teile der Londoner City nach Paris holen zu können. May hofft, Macron milde stimmen zu können.

Fazit 2:
Nationale Autonomie ist zuweilen auch nur ein anderes Wort für Abhängigkeit.
 
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Russland hat die Halbinsel Krim im März 2014 ins eigene Staatsgebiet eingegliedert. Eine rund 19 Kilometer lange Brücke über die Meerenge von Kertsch verbindet nun die beiden Teile und dokumentiert das, was der Westen als Bruch mit der Nachkriegsordnung und die Russen als Rückkehr zur Normalität empfinden. Die EU-Kommission in Brüssel ist empört: „Der Bau der Kertsch-Brücke ist ein weiterer Schritt, der die territoriale Integrität, Souveränität und Unabhängigkeit der Ukraine untergräbt“, heißt es.

Also werden nun sämtliche Vermögenswerte der sechs am Brückenbau beteiligten Unternehmen in der EU eingefroren. Die Zahl der durch die EU sanktionierten russischen Unternehmen beläuft sich damit auf 44. So bekämpfen wir unseren wichtigsten Nachbarn, derweil der US-Präsident ihn umschmeichelt. Putin kann sich nun aussuchen, welchen Westen er haben will. Oder drastischer formuliert: Europa züchtet seine Gegner selbst.
 
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Apple hat heute Nacht die Anleger beruhigt und den Aktienmarkt spürbar belebt. Nach drei Tagen negativer Kursentwicklung ging es in den frühen Mittagsstunden des gestrigen Tages wieder bergauf. Nachbörslich erreichte die Firma aus Cupertino eine Bewertung von fast einer Billion US-Dollar, der Kurs stieg nach Bekanntgabe der Quartalszahlen um mehr als vier Prozent auf 198 US-Dollar.

Denn anders als Facebook, Netflix & Co. hat dieses Unternehmen geliefert. Der Apple-Umsatz lag im Vergleich zum Vorjahresquartal um 17 Prozent höher und erreichte 53,27 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn stieg im Vergleich zum Vorjahr um 32 Prozent auf 11,52 Milliarden US-Dollar und fiel damit ebenfalls höher aus, als von Analysten erwartet. Steve Jobs wurde nicht nur ersetzt, sondern übertroffen. Apple bleibt der Fixstern am Himmel des Digitalzeitalters. 

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag. Herzlichst grüßt Sie Ihr

Gabor Steingart
Journalist & Buchautor